Brechtnacht

05.02.2012

Vielfältige Stimmen

Brechtfestival Augsburg.
Bild: Michael Hochgemuth

Die Besucher trotzten der Kälte. Draußen wollte sich niemand lange aufhalten.

Als die Warnung kam, atmeten die Besucher merklich auf: Es werde warm, wirklich sehr warm, hatte die Dame am Einlass des Alten Stadtbads gleich zu Beginn angekündigt. Man könne also gerne seine Hose ausziehen „und dann einfach in der langen Skiunterwäsche reingehen“. Auch wenn sich während der 20-minütigen Vorschau auf „Baal badet“ am 10. und 11. Februar kaum ein Besucher mehr als seiner Jacke entledigte: Die szenische Installation der „Bluespot Productions“ im schwülwarmen Stadtbad war eine willkommene Pause von der Kälte, die der Langen Brechtnacht am Freitag zusetzte.

Es war einfach ungemütlich. Der eisige Wind und die niedrigen Temperaturen dürften dafür verantwortlich gewesen sein, dass die meisten Veranstaltungen zwar gut besucht, aber keinesfalls überfüllt waren – und das, obwohl die Brechtnacht ausverkauft war. Am nächtlichen Jahrmarkt, den Brecht-Enkelin Johanna Schall auf dem Rathausplatz installierte, blieben kaum Menschen stehen. Die meisten versuchten, möglichst schnell von einem Veranstaltungsort zum nächsten zu kommen.

Und drinnen, etwa im Augustanasaal im Annahof, gab es ja auch wirklich viel zu sehen, viel zu hören. Die vier Musiker von „Tango Fusion“ etwa brachten spanische Rhythmen nach Augsburg: erst klassische Tangos, dann verfremdete Brecht/Weill-Lieder. Wer mit einem Glas Rotwein in der Hand die Augen schloss, musste sich nur noch Fleecepulli und Winterstiefel wegdenken, um südländische Stimmung zu bekommen.

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Ganz andere Brecht-Interpretationen waren in Henry’s Coffee zu hören, wo der Augsburger Saxofonist Jan Kiesewetter mit Jazzkompositionen auftrat. Dem Hörgenuss nicht gerade zuträglich war die Popmusik, die aus Lautsprechern im hinteren Teil des Cafés kam und zu einem Töne-Wirrwarr führte. Im Rathaus sorgte die Bolschewistische Kurkapelle für Stimmung, etwa mit Georg Kreislers satirischem „Schlag sie tot“. Höhepunkt der Brechtnacht war der Auftritt des Popmusikers PeterLicht. Der Mann mit der Hornbrille erzählte vor seinem ersten Song im Oberen Fletz erst einmal ausführlich, dass er sich einmal im Leben eine Zahnpastatube kaufen möchte, die für immer bleibe. Dass er sein iPhone im Fluss begraben möchte, seinen Wagen in der Wüste stehen lassen will. Vor allem aber wollte PeterLicht – zahlreiche Hinweisblätter wiesen darauf hin – nicht fotografiert werden.

Das Labor für angewandte Meinungsäußerung LAM hingegen, das in der kühlen Brechtnacht draußen unterwegs war, war regelrecht auf der Suche nach Bildern. In weißen Overalls steckende Frauen befragten Passanten nach ihrer politischen Meinung, nach Statements und Wünschen, und projizierten diese auf Häuserwände.

Eine ältere Dame forderte „Mehr Wir als Ich“, eine junge Frau „Weniger Ausbeutung in der Arbeit“, es gab Forderungen nach mehr bunten Vögeln, mehr Mut in der Politik, gegen Internetzensur und Rassismus. Vielfältige Stimmen waren zu hören. So wie in der Brechtnacht insgesamt.

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Brechtfestival Augsburg
Bild: Michael Hochgemuth
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