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Totensonntag

25.11.2014

Visionen des Schreckens und der Hoffnung

Kunstprojekt „Für das Ende der Zeit“ mit Film und Musik in der Augsburger Synagoge

Darf, kann sich Kunst dem Holocaust nähern? Diese Frage beantwortete ein Projekt, das die Stiftung Bayerische Gedenkstätten, die Israelitische Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg in Zusammenarbeit mit der Stadt zum Totensonntag in die Synagoge holten. „Für das Ende der Zeit“ betitelt, vereinte sich ein Film von Esther Glück mit Olivier Messiaens „Quatuor pour la Fin du Temps“ zu einem beklemmenden, subtilen, letztlich nachhaltig beeindruckenden Erlebnis.

Was der Klangmagier Messiaens in dem im Kriegsgefangenenlager 1940/41 entstandenem Quartett (Klavier, Violine, Cello, Klarinette) an musikalischer Tiefenwirkung mitschwingen ließ, fing die Dachauer Installationskünstlerin und Zeichnerin Esther Glück mit visionärem Einfühlungsvermögen auf – Messiaens Botschaft aus der Offenbarung des Johannes, worin der „starke Engel“ das Ende der Zeit verkündet. Komponiert auch in verschiedenen Kombinationen werden in Gestik und Harmonie unglaublich verwandlungsfähige musikalische Territorien durchlaufen: ätherische Schönheit, harte Splitter, versinkende Töne, surreale Déjà-vus eines versunkenen Lebens, aggressive Aufwallung, tröstlich um sich kreisendes Nirwana.

Und wie in einer visionären Passion in acht Stationen, den acht Sätzen Messiaens, bezogen aber im Kern auf die Schrecken des Holocaust, lässt Esther Glück ihre Bilder ineinandergleiten. Rund 6000 Zeichnungen sind entstanden, von ihr abfotografiert und von Kameramann Tim Gottschalk zum Film animiert. Die tastenden Klänge des ersten Satzes kreisen um ein Neugeborenes, dessen Augen schon Alter und Angst verraten – mit ihm schließt sich der Kreis, nachdem Bilder wie aus dem Familienalbum eingeschwungen sind, die meisten Personen werden buchstäblich ausradiert. Dazwischen verwebt die virtuose Zeichnerin mit Gespür für musikalisches Timing die Stationen von Folter, Krieg, Verlassenheit, Stacheldraht zu einem Tableau des Schreckens.

Durch jähe Kontraste, die den eher subtilen Trauergestus der Musik unterlaufen, steigert sich die Wirkung dieses musikalisch-bildnerischen Passionsspiels. Elena Rachelis (Klavier), Reto Kuppel (Violine), Markus Wagner (Cello) und Andrey Chernov (Klarinette) spielten mit hinreißender Brillanz.

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