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Augsburger Geschichte

16.05.2018

Vom Laufrad zum Fahrrad

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Die Radfahrerriege des TV Augsburg im Jahre 1899 mit zehn Niederrädern und einem Hochrad nach der Teilnahme an einem Blumenkorso.

Vor 150 Jahren bekam die „Michauline“ Pedale am Vorderrad. 1867 erstes Tretrad auf der Weltausstellung in Paris.

2017 wurde mit Ausstellungen und Veröffentlichungen „200 Jahre Fahrrad“ gefeiert. Der Anlass: Am 12. Juni 1817 hatte der badische Forstmeister Karl Friedrich Freiherr von Drais mit seiner hölzernen „Laufmaschine“ eine Fernfahrt absolviert. Sein damaliges Fortbewegungsmittel war kein Fahrrad mit Pedalen, sondern ein Laufrad: Schwungvolles Laufen im Sitzen versetzte das hölzerne Zweirad in Vorwärtsbewegung. Nach diesem Prinzip funktionieren die Kinder-Laufräder.

Das Fortbewegungsmittel des Freiherrn von Drais wurde kein durchschlagender Erfolg, obwohl er bereits 1818 auf dem Pariser Tivoli ein verbessertes Modell vorstellte. Es war komfortabler, besaß eine Lenkstange und einen Sattelsitz. Zeitgenossen erfanden dafür die Bezeichnung „Velociped“ – gebildet aus dem lateinischen „velox“ (schnell) und „pedes“ (Füße). Das „schnellfüßige“ Vehikel konnte sich nicht als Massenverkehrsmittel durchsetzen. Der finanzielle Erfolg blieb aus, der Erfinder starb 1851 verarmt.

Die Idee jedoch starb nicht: Individualisten bauten die Fortbewegungs-„Maschine“ in vielen Varianten nach. Den Durchbruch schaffte erst 50 Jahre nach der draisschen Jungfernfahrt der Pariser Wagenbauer Ernest Michaux mit seiner „Michauline“. Er stellte 1867 auf der Weltausstellung in Paris das erste wirkliche „Fahrrad“ vor: Es besaß Tretpedale am Vorderrad. Die Füße stießen sich nicht mehr vom Boden ab, sondern traten in Pedale. Diese waren starr mit dem Vorderrad verbunden.

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Das Urmodell hatte gleich große Räder

Beim Urmodell von 1867 waren die Räder gleich groß. Ernest Michaux baute bald „Michaulinen“ mit größerem Vorderrad und kleinem „Nachläufer“ nach dem Prinzip: Je größer das Antriebsrad, desto höher die Geschwindigkeit bei gleicher Trittfrequenz! Dieses Fahrrad faszinierte die Engländer. Sie entwickelten es weiter, führten die Leichtbauweise mit Stahlrohren ein und versahen diese Fahrräder mit Speichenrad mit Vollgummibereifung. Das Antriebsrad wurde größer, es hatte bis zu 150 Zentimeter Durchmesser.

Dieses „Hochrad“ brachte Auf- und Abstiegsprobleme sowie eine hohe Sturzgefährdung mit sich. Die Verletzungsgefahr führte in England zur Bezeichnung „Bonebreaker“ (Knochenbrecher). Trotzdem war dort die Nachfrage riesig. Um 1875 stellten in England etwa 30 Fabriken jährlich rund 50000 Hochräder her, 1885 produzierten etwa 200 Hersteller rund 400000 Stück. Das Hochrad gehörte in England zu dieser Zeit zum gewohnten Straßenbild.

In England vollzog sich die Entwicklung vom Hochrad zum Fahrrad, wie wir es kennen. Es bekam die Bezeichnung „Safety Bicycle“ (Sicherheitsfahrrad). Der Fahrer saß nicht mehr über einem großen Rad, sondern zwischen zwei etwa gleich großen Rädern. Der Schwerpunkt lag tiefer, der Fahrer hatte mit den Füßen schnell Bodenberührung. Das machte das „Niederrad“ relativ sturzsicher. Eine entscheidende Neuerung: Es besaß eine Tretkurbel zwischen den Rädern. Die Kraftübertragung erfolgte mittels Kette auf das Hinterrad. Ab 1888 bekam das Sicherheits- oder Niederrad Luftreifen.

Aus der handwerklichen Fertigung entwickelte sich eine Fahrradindustrie

Der badische Freiherr von Drais hatte die Idee für die Fortbewegung auf zwei Rädern, doch an der Weiterentwicklung seines Laufrades zum Fahrrad hatte Deutschland keinen Anteil: Hier folgte erst 1881 die fabrikmäßige Hochrad-Produktion. In Augsburg begann das Fahrrad-Zeitalter 1882 mit Importen aus England. Am 22. Juni 1882 erschien ein Verkaufsinserat mit der Abbildung eines Hochrads: Georg Bauer, Gastwirt und erster Velociped-Händler in Augsburg, bot zwei gebrauchte englische Velocipeds an – Radhöhe 1,34 und 1,36 Meter. 1884 ist der erste „Velociped-Verfertiger“ in Augsburg nachweisbar. Es war der Zeugschmied Jakob Günther. Schlosser, Schmiede und Mechaniker bestellten um diese Zeit in England eingespeichte Räder und bauten dazu die Rahmen.

Aus der handwerklichen Fertigung entwickelte sich eine Fahrradindustrie: Ab 1885 gab es Dürkopp-Fahrräder. Im Frühjahr 1886 verließ das erste „Opel“-Hochrad die Werkstätte von Adam Opel in Rüsselsheim. Der Schlosser produzierte seit 1862 Nähmaschinen. Erst seit 1899 gibt es Opel-Autos. Der Opel-Verkaufsprospekt von 1891 weist noch ein Hochrad-Modell auf. Die Typenpalette umfasste zehn Niederräder, zwei Einsitzer-Dreiräder und zwei Doppelsitzer-Dreiräder. Dieses „Tricycle“ diente meist als Transportgefährt. 1892 endete die Fertigung von Hochrädern, obwohl damit noch Rennen gefahren wurden. Beim Niederrad zählten nun Luftreifen und Freilaufnabe zum serienmäßigen Komfort.

Die beste Werbung für das Fahrrad waren Radrennen. Die ersten fanden in Deutschland Anfang der 1880er-Jahre statt – mit Hochrädern, Sicherheitsrädern und Dreirädern. Veranstalter waren ab dem Jahr 1869 gegründete Großstadtvereine und überregionale Verbände, wie die Velocipedisten-Union (ab 1881) und der Deutsche Radfahrerbund (ab 1884).

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