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19.06.2009

Von Kamelen, dem Nadelöhr und dicken Autos

Woran erkennt man einen Reichen? In der Bibel an seinem "dicken Kamel", das bekanntlich durch kein Nadelöhr passt. Heute käme ein Reicher wohl mit seinem "BMW X 5" an. Den kühnen Vergleich zog der Künstler Frank Mardaus, der sich beim ersten Augsburger Predigtslam auf die "Laienkanzel", die Bühne der Kresslesmühle, wagte. Eingeladen hatte die ökumenische Gruppe "Biblia viva Augustana". "Warum sollen nicht auch mal Laien sagen können, was sie bei einem biblischen Text empfinden?", sagte Mitinitiatorin und Moderatorin Sybille Schiller zur Idee.

Acht Teilnehmer hatten sich vorbereitet zu diesem Slam, der einmal die Predigthoheit der Theologen auf originelle Weise brach. Ihnen standen drei biblische Texte zur Auswahl: der Psalm 8 (Lob der Schöpfung), das Gleichnis vom reichen Jüngling und eine Mahnung des Dulders Hiob vor dem Bösen. Außer Konkurrenz predigten vier weitere prominente Augsburger über eine jeweils selbst gewählte Bibelstelle. Die Bedingungen waren die gleichen: nur fünf Minuten Redezeit. Zur Jury gehörten zwei Profis: Dekan Helmut Haug von St. Moritz und Pfarrer Nikolaus Hueck, Leiter des Augustana-Forums.

Die Radikalität eines reichen Jünglings heute

Herrlich waren in diesen Predigten manche Bilder, vielfältig die Zugänge, davon die meisten konkret in der Welt verankert. "Was ist der Mensch?", fragte etwa der Psychiater Friedhelm Katzenmeier, der seine Predigt über den Schöpfungspsalm diesseitig ausrichtete: mit Blick auf die Ausbeutung von Kindern oder der Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit.

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Die Jury hatte es nicht leicht zu entscheiden. Ihr Urteil richtete sie an festen Kriterien aus, etwa wie originell die Predigt war, wie flüssig sie vorgetragen wurde, wie schlüssig sie theologisch argumentierte. Den ersten Preis erhielt Pia Haertinger, die an Beispielen von heute aufzeigte, wie die Radikalität eines "reichen Jünglings, der alles loslässt", in der Gegenwart aussehen könnte. Sie erzählte von einem Hotelier, der Arme bei sich nächtigen lässt, oder einem Gastronomen, der Bedürftige speist.

Frank Mardaus, der das "dicke Kamel" mit dem dicken Auto verglichen hatte, bekam den zweiten Preis. Vor allem für seine Überlegungen, ob Jesus heute "ein Linker" wäre? Mardaus appellierte an die Menschen, davon abzusehen, jemanden nach dem zu beurteilen, was er hat und wie er sich nach außen hin zeigt.

Als Einzige hatte sich Brigitte Reng an den Hiob-Text gewagt, die den dritten Preis gewann: Tiefsinnig hatte sie sich mit dem Bösen und dem Verstand auseinandergesetzt.

Spritzig die Beiträge der prominenten Laien außer Konkurrenz. AZ-Kulturredakteur Rüdiger Heinze, der, wie er sagte, als Agnostiker gehandelt wurde, berichtete in seiner "Bergpredigt" von der Erfahrung, dass Pfarrer in ihren Predigten selten etwas "über ein geistliches Wellness-Bad hinaus" zu sagen haben. Dass sie bei ihren "freundlichen und salbungsvollen Worten" keine Stellung beziehen und "lieber Wundsalben" verteilen, als "die Finger in die Wunden der Welt legen".

Die ehemalige Bürgermeisterin Margarete Rohrhirsch-Schmid hielt eine Heilig-Geist-Predigt voller Esprit. Ihre Zuhörer konnten sich so richtig vorstellen, wie das war, als sich die Jünger an Pfingsten in ihr Haus zurückgezogen hatten. Nachdenklich zeigte sich Rechtsanwalt Thomas Weckbach, der mit dem Buch Kohelet nach der wirklichen Gerechtigkeit fragte. "Üben wir auch Gerechtigkeit gegenüber den anderen?"

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