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Augsburger Geschichte

05.04.2018

Von Kriegsanleihen und Sammlungen

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4 Bilder
Zum Augsburger Opfertag 1915 waren Beutekanonen vor dem Rathaus aufgestellt.
Bild: Sammlung Häußler

Patrioten finanzierten mit Ersparnissen den Ersten Weltkrieg. Es gab eine Spendenaktion für Frontsoldaten, Kriegsgefangene und Verwundete.

Der „Tabaktag“ am 11. Oktober 1914 war eine der ersten Spendenaktionen während des Ersten Weltkriegs. Es folgte eine Vielzahl von Sammlungen. Der Aufruf, Frontsoldaten mit Tabakwaren aller Art zu beschenken, fand im Oktober 1914 ein reges Echo. Tabakläden hielten auf Tischen vor den Geschäften ein reiches Angebot bereit, in der zentralen Augsburger Sammelstelle stapelten sich Zigarren- und Tabakkistchen bis zur Decke. Daneben hingen Hunderte Tabakpfeifen.

Beutekanonen im Rathaus

Am 1. August 1915 fand der „Augsburger Opfertag zum Gedächtnis des Jahrestags des Kriegsbeginns“ statt. Dazu waren vor dem Rathaus Beutekanonen aufgestellt. Sie sollten zum Besuch einer Ausstellung erbeuteter Waffen im Rathaus animieren. „Fürs Vaterland“ sei das Eintrittsgeld bestimmt, war auf einem Transparent über dem Rathausportal zu lesen. Zu allen Spendenaktionen erschienen Postkarten. Sie zeugen davon, wie oft und von wem an die patriotische Gesinnung appelliert wurde.

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Karten mit dem Aufdruck „Hindenburg-Tag Augsburg 1915“ zeigen „Unsere Heerführer im Osten“: 21 Porträts höchster Militärs sind darauf um ein Kaiserporträt gruppiert. Eine Künstlerpostkarte gab es 1918 „Zu Gunsten der Spende für bayerische Soldatenheime an und hinter der Front“. „Deutsche vergeßt uns nicht!“ steht unter dem Bild eines mit „PG“ („Prisonnier de Guerre“) gekennzeichneten Kriegsgefangenen auf einer Postkarte des „Volksbundes der deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen“. Das dauerhaft um Spenden bittende Rote Kreuz kam angesichts der vielen Konkurrenz ins Hintertreffen.

Verantwortung für abertausende Verwundete

Ab Mai 1918 gab es von bedeutenden Künstlern gestaltete Postkarten der „Ludendorff-Spende“ – die Fünferserie mit Banderole für eine Reichsmark. Warum Emma Tscheuschner, die Initiatorin dieser Spendenaktion für Kriegsversehrte, General Erich Ludendorff als Namensgeber wählte, ist kaum nachvollziehbar. Ludendorff trug als Oberbefehlshaber die Verantwortung für abertausende Verwundete. „Nur ein dankbares Volk wird immer treue Verteidiger in seinem Reiche haben!“ steht auf einer Karte und „Ohne Opfer kein Sieg! Ohne Sieg kein Friede!“. Dabei war beim Druck der Spendenkarten ab Mai 1918 jedermann klar, dass es keinen „Siegfrieden“ geben würde. Die „Ludendorff-Spende“ brachte rund 150 Millionen Mark ein!

Patriotische Pflicht

Die Sammelaktionen brachten zwar Geld für Hilfsorganisationen, doch die Deckung der Kosten der Kriegsführung war eine andere Dimension. Rund 85 Prozent der Kriegskosten finanzierte Deutschland durch Kriegsanleihen. Im Ausland konnte das Kaiserreich ab 1914 kein Geld mehr borgen, es musste also die eigenen Bürger zur Herausgabe von Ersparnissen bewegen. Kurz nach Kriegsbeginn wurde die erste Kriegsanleihe über 4,5 Milliarden Mark aufgelegt. Sie war schnell gezeichnet, galt sie doch als gute Geldanlage. Zudem betrachteten es viele Deutsche als patriotische Pflicht, den Krieg mitzufinanzieren. „Helft uns siegen! Zeichnet Kriegsanleihen!“ appelliert ein Soldat auf einer Werbepostkarte an solche Gefühle.

Natürlich wollte man die Frontsoldaten nicht im Stich lassen. Das Geld floss hauptsächlich in die Rüstungsindustrie. Mit neun Kriegsanleihen mit fünf Prozent Jahreszins lieh sich das Deutsche Reich bis Ende 1918 insgesamt 98 Milliarden Mark.

Banken und Sparkassen mussten Kriegsanleihen an Sparer aller Gesellschaftsschichten verkaufen. Das gelang, denn die Verzinsung war attraktiv, und es gab in den Kriegsjahren ohnehin wenig zu kaufen. Das Vertrauen in die vom Deutschen Reich garantierte Rückzahlung war so groß, dass sogar Stiftungen Kapital in Kriegsanleihen anlegten. Finanzfachleute wussten aber, dass Kriegsanleihen einer „Wette auf Sieg“ gleichkamen: Verlor Deutschland den Krieg, war das Geld für die Anleger futsch!

Die Reichsbank musste bei den letzten Kriegsanleihen mit hohem Aufwand für den Kauf werben. So konnte die siebente Anleihe über 12,6 Milliarden Reichsmark ab September 1917 ebenso abgesetzt werden wie die mit 15 Milliarden höchste achte Anleihe ab Juni 1918. Angesichts der Kriegslage und der Anleihebedingungen überrascht dies. „Am 1. Juli 1967 werden die bis dahin nicht ausgelosten Schatzanweisungen zurückgezahlt“, hieß es bei der siebenten Anleihe. Die achte war spätestens 1958 rückzahlbar.

Wertlose Anleihen und Kredite

Zu einer Rückzahlung kam es nie. Mit 164 Milliarden Mark war das Kaiserreich bei seinem Zusammenbruch im November 1918 bei seinen Bürgern verschuldet. Die Inflation löste das Rückzahlungsproblem: Sie machte durch Geldentwertung Anleihen und Kredite wertlos. Nach der Währungsreform im November 1923 waren die 164 Milliarden Mark Staatsschulden noch 16,4 Pfennig wert. Das heißt: Das Deutsche Reich hatte die Schulden bei seinen Bürgern „getilgt“. Die deutschen Anleger waren Ende 1923 enteignet.

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