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150 Jahre Alpenverein Augsburg

18.08.2019

Von Manneszucht, Heimatliebe und völkischen Tendenzen

Die Jahreshauptversammlung des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins fand 1921 im Goldenen Saal des Rathauses statt. Geklärt werden musste eine wichtige Frage: Sollte eine Sektion mit vornehmlich jüdischen Mitgliedern in den Verbund aufgenommen werden?
Bild: DAV, Sektion Augsburg

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg nimmt großdeutscher Nationalismus die Sektion stärker ein. Es kommt zu Konflikten, aber auch zu einer neuen Öffnung.

Die 1920er-Jahre waren für den Deutschen und Österreichischen Alpenverein (DuÖAV) eine Zeit des Umbruchs und der Neuausrichtung. Dies gilt auch für Augsburg. Die Folgen des Ersten Weltkrieges und die wirtschaftliche Not während der Hyperinflation stellten die Sektion und ihre Mitglieder vor große Herausforderungen. Völkische Rhetorik und ein übersteigerter großdeutscher Nationalismus begannen, den Verein immer stärker einzunehmen – und das lange vor der Machtergreifung des Nationalsozialismus.

Dies zeigte sich schon 1921 auf der 47. Hauptversammlung des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins in Augsburg im Goldenen Saal des Rathauses. Die Pracht des Tagungsortes vermochte die Konflikte nicht zu überstrahlen, die sich innerhalb des Vereins zugespitzt hatten. Die sogenannte Donaulandaffäre nahm ihren Lauf: Verschiedene österreichische Sektionen sprachen einen Misstrauensantrag gegen den Hauptausschuss des Alpenvereins aus, weil dieser sich für die Aufnahme der Sektion Donauland in den Verein ausgesprochen hatte. Die Sektion Donauland hatte vor allem jüdische Mitglieder und entstand 1921, nachdem sich ein Großteil der österreichischen und einige süddeutsche Sektionen geweigert hatten, Juden aufzunehmen.

Völkische Ansichten gegen liberale Einstellung

Der ohnehin zu spät eingereichte Antrag wurde zurückgezogen, da sich keine Mehrheit für ihn abzeichnete. Jedoch dominierte die Kontroverse zwischen den völkisch antisemitisch eingestellten Sektionen und den Delegierten, die den unpolitischen und liberalen Charakter des Vereins erhalten wollten, die Versammlung. In Augsburg setzte sich die moderate Fraktion im DuÖAV noch einmal durch. Doch war dies nur die Ruhe vor dem Sturm. Schon 1924 wurde die Sektion Donauland aus dem Verein gedrängt.

Von Manneszucht, Heimatliebe und völkischen Tendenzen

Auch in Augsburg vollzogen sich bereits 1922 an der Spitze der Sektion personelle Veränderungen mit der Folge, dass völkisch-nationalistische Tendenzen an Raum gewannen. Der Umbruch dieser Jahre prägte nahezu alle Kernbereiche des Vereinslebens. Gerade die Einführung des Acht-Stundentags und der gesellschaftliche Wandel von der Monarchie zur Republik eröffneten neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Entsprechend wurde die Sozialstruktur des Vereins durchlässiger. War die Sektion bisher ein Verein bessergestellter Herren, fanden nun zunehmend bergbegeisterte Männer, Jugendliche und auch Frauen aus der Mittelschicht ihren Weg in die Sektion.

Hierdurch entwickelte sich der Verein weiter. So wurden Unterabteilungen ins Leben gerufen: 1919 die Ski-Abteilung und 1921 eine Jugendgruppe, zunächst für Buben, dann – strikt getrennt – auch für Mädchen. Vor allem die Jugend, die nach der Kriegsniederlage als „Schlüssel zur Erneuerung Deutschlands“ galt, wurde besonders gefördert. Betont wurden „alte Werte“ wie Opferbereitschaft, Manneszucht, Heimatliebe und Kameradschaft.

Die Neigung zum Risiko wird zum Trend

Als Symbol nationalistisch-militärischer Gedenkkultur wurde 1921 von der Sektion ein Gefallenendenkmal nahe der Otto-Mayr-Hütte errichtet. Gleichzeitig wurde das spartanische Leben auf den Hütten und das Bergsteigen der „härteren Art“ mit Neigung zum Risiko zu einem neuen Trend, dem sich insbesondere die 1924 gegründete Bergsteigergruppe verschrieb.

Mit dieser Bewegung einherging auch eine Gegenströmung zum Massentourismus und zur Übererschließung der Alpen. Der Naturschutzgedanke wurde erstmals auf die Agenda gesetzt. Das war sensationell. Doch blieb vom Ruf nach Schutz der wilden, unberührten Natur noch die bergsteigerische Nutzung ausgespart. Gemeint waren die anderen.

Die Umbrüche der 20er-Jahre im Alpenverein vollzogen sich in einem schwierigen historischen Kontext. Wertvolle Impulse reichen bis in die Gegenwart. Ebenso zeichneten sich aber auch Linien vor, die letztlich in der historischen Katastrophe von Gleichschaltung, Ausgrenzung und Krieg mündeten. (mit Florian Pressler und Bernd Wißner)

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