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Interview

16.01.2015

Von der Faszination des Jagens

Jäger leisten einen großen Beitrag für den Umweltschutz. Trotzdem werden sie oft angefeindet. Augsburgs „Oberjäger“ Hans Fürst erklärt, warum viele Vorurteile falsch sind – und was das Hühnchen vom Reh unterscheidet

Auf der Messe „Jagen und Fischen“ werben die Jäger für ihr Handwerk. Was macht für Sie die Faszination an der Jagd aus?

Ich bin im Allgäu auf einem Bergbauernhof aufgewachsen, die „Verwendung“ der Natur war immer eine Selbstverständlichkeit. Was mich und sicherlich viele andere Jäger auch begeistert, ist das immer wieder neue Erleben der Natur, des Lebensraums unserer Wildtiere. Wenn man beobachten kann, was da vor sich geht, das birgt eine große Faszination.

Welche Aufgaben hat der Jäger in diesem Lebensraum?

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Der Jäger achtet darauf, dass das vorhandene Wild keine zu großen Schäden verursacht. Er muss versuchen, dieses Gleichgewicht möglichst genau einzuhalten. Dazu gehört aber auch der Biotopschutz, beispielsweise durch die Pflege von Streuobstwiesen. Auch bei der Seuchenbekämpfung – beispielsweise bei Tollwut – ist der Jäger gefragt, dazu kommt die Verhinderung von Wildunfällen und wenn es doch passiert, das Bergen und Beseitigen des verunfallten Wilds. Nicht zu vergessen sind die Ausbildung unserer Jugend und die Brauchtumspflege. Und das alles geschieht im Ehrenamt.

Wie viel Zeit investieren Sie in diese Aufgabe?

Ich bin durchschnittlich zweimal die Woche im Revier. Jeder verantwortungsbewusste Jäger will wissen, was in seinem Revier los ist, ob er etwas tun muss oder ob Schäden entstanden sind.

Viele Menschen finden die Jagd grausam und lehnen die Tätigkeit des Jägers ab...

Die Jagd ist dringend notwendig, weil die natürliche Auslese nicht mehr vorhanden ist, besonders bei Rehwild und Schwarzwild. Wild ist immer da, wo ein guter Lebensraum vorhanden ist. Weil beispielsweise Rehe und Wildschweine keine natürlichen Feinde mehr haben, würden sie sich zu stark vermehren, was zu Schäden in der Natur führt.

Und da greift dann der Jäger ein?

Wir Jäger achten darauf, dass die Jagd nachhaltig ist. Wir entnehmen nur soviel, dass der Bestand erhalten bleibt. Nach dem bayerischen Jagdgesetz ist die Verpflichtung eines Jägers, dass er eine gesunde Artenvielfalt erhält. Ich bin froh, dass wir in Bayern noch so eine hervorragende Situation haben, dass wir überall noch Flüsse, Wälder und Wiesen haben und dass unser Wildbestand in einer Artenvielfalt vorhanden ist, um die uns andere beneiden.

Aber die Wildschweine drängen ja mittlerweile sogar bis in die Stadt hinein.

Die Wildschweinproblematik haben nicht die Jäger gemacht. Wir bauen unsere Wälder um. In Mischwäldern ist viel mehr Nahrung, wie Eicheln und Bucheckern, vorhanden. Auch die Deckung ist besser, die Tiere können sich besser verstecken. Wenn Sie einen hohen Fichtenwald haben, gibt es kaum Deckung. Die Maisfelder werden immer mehr, auch dort kann man sich hervorragend verstecken. Darum werden diese Tiere immer mehr und müssen bejagt werden.

Wie sehen denn die Zahlen aus?

Die Augsburger Jäger sind enorm fleißig. Wenn man das letzte Jagdjahr nimmt, sind in Augsburg und im Landkreis 1670 Wildschweine erlegt worden. 95 Prozent sind beim Einzelansitz erlegt worden, also nicht bei Treibjagden. Da können Sie sich vorstellen, wie viele Nächte die Jäger dafür draußen gesessen haben. Vor allem weil man davon ausgehen kann, das Sie mindestens zehn mal rausgehen, bis Sie ein Wildschwein haben. Das ist eine freiwillige Leistung der Jäger und die wollen sich dafür nicht beschimpfen lassen.

Ist die Jagd nur etwas für Gutbetuchte?

Viele Menschen glauben, das sei nur etwas für Privilegierte, aber das ist nicht so. Wir haben Landwirte, Handwerksmeister, ganz normale Leute. Die sogenannten Akademiker machen nur einen kleinen Teil aus.

Wie wird man Jäger?

Sie müssen einen Kurs nachweisen, der mindestens 60 Stunden Theorie und 60 Stunden Praxis hat. Dann können Sie sich zur Jägerprüfung anmelden. Und die heißt nicht umsonst „das grüne Abitur“ – die ist richtig schwer.

Wie sieht es danach aus? Man braucht ja auch eine Jagd, also ein Revier, in dem man für Ordnung sorgt.

Sie müssen als „Jungjäger“ zunächst drei Jahre mit zur Jagd gehen. Dann sind Sie jagdpachtberechtigt und können sich um eine eigene Jagd bemühen. Die Jagden werden öffentlich ausgeschrieben und für neun Jahre vergeben.

Kann ich eigentlich mit gutem Gewissen Wild essen? Gerade Wildschweine sind nach Tschernobyl ja noch immer belastet...

Ja, in Augsburg gibt es immer noch die Becquerel-Belastung durch Tschernobyl. Die Wildschweine werden untersucht und etwa die Hälfte muss entsorgt werden. Was sie bei uns kaufen, ist aber ein hochwertiges Nahrungsmittel. Und zum Thema Gewissen: Für mich beginnt die Ethik beim Essen. Wenn ich hohe ethische Maßstäbe ansetze, darf ich auch kein Hühnchen im Supermarkt kaufen. Jedes Reh, das bei uns in freier Natur gelebt hat, und durch einen sauberen Schuss getötet wurde, hat ein besseres Leben gehabt als jedes Hühnchen, das wir essen. Interview: Fridtjof Atterdal

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