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Brunnengeschichten

26.02.2015

Vor den Bomben in Sicherheit gebracht

Vor den Ruinen der Börse wurde 1950 der Augustusbrunnen wieder mit den kunstvollen Bronzefiguren bestückt und danach ein fröhliches Brunnenfest gefeiert (Bild oben). Die beiden bronzenen Männer vom Augustusbrunnen, Lech und Wertach, verbrachten mit anderen Augsburger Kulturgütern den Zweiten Weltkrieg im Kloster Ottobeuren (Bild links unten). Am 5. März 1940 hob man Kaiser Augustus von seinem Sockel und brachte ihn in ein bombensicheres Exil (Bild rechts unten).
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Vor den Ruinen der Börse wurde 1950 der Augustusbrunnen wieder mit den kunstvollen Bronzefiguren bestückt und danach ein fröhliches Brunnenfest gefeiert (Bild oben). Die beiden bronzenen Männer vom Augustusbrunnen, Lech und Wertach, verbrachten mit anderen Augsburger Kulturgütern den Zweiten Weltkrieg im Kloster Ottobeuren (Bild links unten). Am 5. März 1940 hob man Kaiser Augustus von seinem Sockel und brachte ihn in ein bombensicheres Exil (Bild rechts unten).
Bild: Sammlung Häußler/Städtische Kunstsammlungen/Stadtarchiv

Vor 75 Jahren verschwanden die Bronzefiguren von den Brunnen

Augsburgs Kunstbrunnen sind winterfest eingehaust. Merkur wurde sogar vom Podest gehoben. Der Abguss ist nach München ausgeliehen, das Original bleibt im Viermetzhof im Maximilianmuseum. Seit 6. Februar ist der Doppelgänger des antiken Gottes des Handels im Bayerischen Nationalmuseum in der Ausstellung „Bella Figura – Europäische Bronzekunst in Süddeutschland um 1600“ zu sehen. Der Brunnensockel war schon mal jahrelang leer. Das belegt ein Foto von 1941: Es zeigt den Merkurbrunnen ohne Merkur.

Solche Fotos durften damals nicht veröffentlicht werden. Die NS-Machthaber versuchten alles zu vermeiden, was die Angst vor einer Bombardierung Augsburgs geschürt hätte. Doch eben aus diesem Grund waren bereits im Februar und März 1940 Augustus, Herkules, Merkur und die kleineren Bronzen an diesen Brunnen als erhaltenswerte, unersetzliche Kulturgüter in Sicherheit gebracht worden. Bereits Ende 1939 hatten die Vorbereitungen dieser Aktion begonnen. Das bedeutete, dass Militärs schon bei Kriegsbeginn die Einbeziehung des frontfernen Augsburg in den Luftkrieg als realistisch ansahen. Neptun wurde erst am 7. Juli 1942 von seinem Sockel auf dem Jakobsplatz gehoben.

Unbegreiflich angesichts der „Metallnot“ ist die Entscheidung der NS-Stadtregierung, St. Georg auf dem Metzplatz zu belassen. Er wurde zwar nicht getroffen, aber es gibt Fotos, auf denen Anfang März 1944 die Georgsfigur den Bombenschutt überragt. Auch der antike Krieger auf dem Fronhof durfte stehen bleiben, ebenso Hans Jakob Fugger vor dem Maximilianmuseum.

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Bereits 1940 waren alle Haushalte zu Führers Geburtstag (20. April) zur „Metallspende des deutschen Volkes“ aufgerufen worden. Zinnteller und Metallkrüge, kupferne Siebe und Schöpflöffel, Kerzenhalter, Münzen und vieles mehr wurde zum Einschmelzen abgeliefert. Der Druck bei solchen „Aktionen der Volksgemeinschaft“ war groß. In Metallsammelstellen der NS-Ortsgruppen wurden die Metallwaren und die Einlieferer registriert. Um nicht aufzufallen, „spendeten“ viele widerwillig.

Gewaltiger Unmut, der jedoch nicht geäußert werden durfte, herrschte bei der Mehrheit der Augsburger Bevölkerung und überall im Lande über die Abnahme von Kirchenglocken. Meist verblieb nur die kleinste Glocke auf dem Turm. Daneben waren wenige Glocken als historisch wertvolle Güsse als Kulturgut eingestuft und durften bleiben. Im Augsburger Dom waren es die beiden je rund 400 Kilogramm schweren, um 1070/75 gegossenen „Bienenkorbglocken“ sowie die 2850 Kilo schwere Marienglocke von 1652.

Fünf Glocken des jetzigen Domgeläutes tragen das Gussjahr 1946. Sie ersetzten die eingeschmolzenen. Etwa 45000 Glocken wurden während des Zweiten Weltkriegs verhüttet. Weitere 16000 waren zwar abgeliefert und in Hamburg gelagert, landeten aber bis Kriegsende nicht mehr in den Schmelzöfen.

Mit fortschreitendem Krieg wurden die mit der Rohstoffbeschaffung beauftragten Institutionen im Deutschen Reich noch aktiver. Sie ignorierten jegliches Volksempfinden und initiierten 1943 eine „Denkmalsablieferung zur Verstärkung der Metallreserve“. Im August 1943 wurden in einem amtlichen Schreiben die in Augsburg abzuliefernden Denkmäler aufgeführt. Es waren vornehmlich Brunnenfiguren aus dem 20. Jahrhundert.

Die Liste war lang. Darauf standen der 1902 gegossene Prinzregent Luitpold, der 1912 auf dem Martin-Luther-Platz platzierte Goldschmied, der Jüngling vom Kesterbrunnen, die 1928 von Fritz Beck modellierten Nymphen vor dem Fernmeldeamt, das von Fritz Koelle 1922 geschaffene Mädchen aus dem Künstlerhof, der Bub mit der großen Trommel von einem Trinkbrunnen beim Roten Tor und der Bronzelöwe vom alten Kriegerdenkmal in Lechhausen. Auch schwere Kandelaber wurden abgebaut und verladen. Ziel war die Metallschmelze der Norddeutschen Affinerie in Hamburg.

Die planmäßig ausgelagerten historischen Brunnenfiguren überstanden den Krieg. Bereits Ende Juli 1947 stand Merkur wieder auf seinem Brunnenpodest. Erst am 22. März 1950 konnte Herkules auf sein Postament gehievt werden, am 15. September Kaiser Augustus. 1950 wurde zum „Brunnen-Rückkehrjahr“, denn auch fünf der zum Einschmelzen bestimmten Brunnenbronzen hatten auf dem „Glockenfriedhof“ in Hamburg überlebt. Sie trafen 1950 am Friedensfest wieder in Augsburg ein.

Schon am 31. August hob die Feuerwehr den Goldschmiedgesellen auf seinen Standplatz, ebenso den nackten Knaben auf den Kesterbrunnen. Am 26. September war der Prinzregent an der Reihe. Vier Tage später wurde ein Weinfest am Augustusbrunnen eröffnet. Augsburg feierte die Brunnenrückkehr vom 30. September bis 15. Oktober gebührend. Der Wein floss aus einer separaten Leitung am Brunnenbecken. Rund 50000 Liter Pfalz-wein wurden bei diesem Brunnenfest getrunken!

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