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Ausstellung

12.08.2017

Vorübergehend neu möbliert

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2 Bilder
Als Einrichtungsstücke nicht mehr verwendbar, weil der Kunst zugeführt, sind auch der hölzerne „Zwilling“ (links) und der hier auf seine Tauglichkeit geprüfte „Herd“ (dahinter die Skulpturen „Totem“ und „Das gute Stück“). Der Bildhauer Tobias Nink gibt seiner Schau im Holbeinhaus den Titel „Persönlichkeitsstörung“.

Im Holbeinhaus sind kuriose Kunstwerke eingezogen. Der Bildhauer Tobias Nink hat sie aus Teilen von Einrichtungsgegenständen geformt

Das fertig Vorgefundene gehört spätestens seit den Ready-mades vor circa 100 Jahren zur Kunstgeschichte. Das Ding an sich wird zur Kunstfigur, von der Achtlosigkeit zur Reflexion geführt, so wie verborgene Artefakte zu archäologischen und anthropologischen Erkenntnissen führen. Gerade Gegenstände neueren Gebrauchs können – seziert, fragmentiert, kombiniert, jedenfalls ihrer ursprünglichen Funktion enthoben – vor dem zeitgenössischen Betrachter die Banalität des Gewöhnlichen ablegen und Tiefenwirkung erzeugen.

Beispielhaft ist das jetzt im Holbeinhaus zu erleben, wohin der Kunstverein den niederrheinischen Bildhauer Tobias Nink zu einer Einzelschau geladen hat. 1985 in Moers geboren, studierte er an der Kunstakademie Düsseldorf bei Anthony Cragg und Richard Deacon, beide Turner-Preisträger (1987, 1988), beide Exponenten der New-British-Sculpture und des New-Sculpture-Movement. Nicks Arbeiten ist das anzusehen. „Persönlichkeitsstörung“ nennt er die Ausstellung, weil die (hauptsächlich) verwendeten Möbel der 1960er und 1970er Jahre durch seinen Eingriff zwar noch die Merkmale ihres Ursprungs aufweisen, aber nicht mehr ursprünglich verwendbar sind. Das einstige Gebrauchsstück bedarf nach Nicks Worten „nicht mehr des Nutzers oder eines Nutzens und entzieht sich ohne Rechtfertigung der rationellen Welt, aus der es stammte.“ Dies habe auch etwas Poetisches. Eichendorffs Poem „Schläft ein Lied in allen Dingen ...“ wird in einem aufliegenden Nink-Katalog zitiert.

Es bleibe dahingestellt, inwieweit Marcel Duchamp bei seiner berühmten Umtaufe eines Urinals in einen Brunnen poetische Gefühle hatte. Jedenfalls hatte er Sprachwitz, als er 1917 diesen stinknormalen Gegenstand neu codierte. Es sind diese Codierungszusammenhänge von Material und Sprache, Figuration und Wortspiel, die auch Tobias Ninks „Persönlichkeitsstörungen“ aufweisen, wenn er Möbel auseinandernimmt und sie (oder doch Teile von ihnen) mit großer Präzision wieder zusammensetzt. So nimmt er ihnen die dienende Funktion und gibt ihnen eine selbstständige Bedeutung, macht sie, um mit Tobias Nick zu sprechen, „zum autonomen Gegenstand, dem man durchaus eine Persönlichkeit und einen Charakter zusprechen kann“.

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„The General“ nennt er eine über zwei Meter hohe, sehr schmale Skulptur, deren Schubladenknöpfe wie Orden anmuten, „Totem“ eine noch höhere, noch schmalere aus Holz- und Spiegel-Segmenten. „Hoppe Hoppe Reiter“ heißt ein Konstrukt aus zwei grünen Resopalplatten auf vier hölzernen Beinen, „Hausvater“ eine Holz-Marmor-Assemblage, „Zwilling“ ein Zweiergebilde von Möbelbestandteilen aus Holz, Glas und Messing.

Die Titel sind lakonisch, ironisch, lapidar, können aber auch tieferen Hintersinn haben. So heißt eine vierteilige vertikale Wandarbeit in Orange „Agent Orange“ – nach dem im Vietnamkrieg von den Amerikanern eingesetzten Entlaubungsmittel. Ein aus einem Beistellmöbel gewonnener Vierteiler nennt sich „... für immer ... und immer ... und immer ...“ nach einer Schlüsselszene in Stanley Kubricks irrlichterndem Film „Shining“. Und „Chariten“ (Grazien) nennen sich drei Abformungen aus Paraffin und Gips, deren Vorlage aus kombinierten Schubladen bestand.

Durch solche Abformungen, diese auch aus Beton, Keramik, Bronze und Stahlguss, treibt Tobias Nink die Befreiung und Verselbstständigung vormaliger Gebrauchsgegenstände voran. Dem scheint allerdings ein auf Kleinformat gestutzter Gasherd aus emailliertem und lackiertem Stahl widerstehen zu wollen. Er stellt sich immer noch so dar, als ob er einen Kessel zum Kochen bringen könnte. Welche „Persönlichkeitsstörung“ hat er erlitten? Heißt er doch, wie er aussieht: „Herd“.

vereint 23 Skulpturen und drei großformatige Eisenoxyd-Zeichnungen von Tobias Nink. Die Ausstellung läuft bis zum 1. Oktober, Dienstag bis Sonntag 11-17 Uhr.

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