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Augsburg

14.11.2018

Wahl-Gögginger mit beispielloser Karriere

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Der Gartensaal der Hessingburg war bei den Vorträgen gut gefüllt. Hessingdirektor Markus Funk (li.) und Toni Resch vom Gögginger Geschichtskreis lauschen den Ausführungen von Heinz Münzenrieder.
Bild: Michael Eichhammer

Seit Monaten feiern die Gögginger gleich drei Jubiläen um den Orthopädie-Pionier Friedrich Hessing. Ein Vortragsabend in der Hessingburg beschäftigte sich jetzt mit der filmreifen Figur des Lebemanns.

Mitten in Augsburg steht eine Burg, die sich mit den Märchenschlössern von König Ludwig messen kann. Nicht von der Größe her, aber immerhin was die erhabene Ausstrahlung angeht. Zumindest von vorne. Denn das Gästehaus der ehemaligen Hessingschen Orthopädischen Heilanstalt wirkt nur von der Schauseite aus majestätisch genug für den Adel und Geldadel, der seinerzeit dort logierte. Die Rückseite dagegen erinnert an die Nüchternheit moderner Mietshäuser. Ein wenig wie eine Filmkulisse wirkt das Gebäude, welches zur Hessing-Klinik in Augsburg-Göggingen gehört. Und war genau deshalb die perfekte Kulisse für einen Vortragsabend, der dem ehemaligen „Schlossherrn“ gewidmet war. „Friedrich von Hessing – Facetten eines filmreifen Lebens“ lautete am vergangenen Sonntag, 12. November, das Motto der Veranstaltung im Gartensaal der Hessingburg. Das Interesse des Publikums an einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Augsburger Geschichte und dem Wegbereiter der modernen Orthopädie war groß.

2018 finde gleich drei Jubiläen rund um Hessing statt

2018 gilt aus gleich drei Gründen als Jubiläumsjahr des ersten Orthopädiemechanikers der Welt. Zum einen ist es der 180. Geburtstag des 1913 in den Adelsstand erhobenen Wahl-Göggingers. Zum anderen feiert die Hessing-Klinik in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen und die Hessing-Stiftung ihren 100. Geburtstag. Der prunkvolle Saal in der Hessingburg war ab 17 Uhr voll besetzt. Vorträge hielten Markus Funk, Leiter der Hessing-Stiftung, Hessing-Experte Heinz Münzenrieder und Toni Resch, Vorsitzender des Gögginger Geschichtskreises. Dafür, dass sich die Besucher ein im wahrsten Wortsinn noch besseres Bild von der wohl schillerndsten Persönlichkeit der Stadtteilhistorie machen konnten, sorgte das Fotoarchiv von Helga Eberle, der ehemaligen Vorsitzenden des Geschichtskreises.

„Was hat denn die Größe eines Menschen mit dem Zollstockmaß zu tun?“, soll der nur 1,47 Meter kleine Hessing dereinst gefragt haben. Andere Lieblingsanekdote von Heinz Münzenrieder ist die von der Telegramm-Korrespondenz mit dem Eisenbahn-Tycoon Cornelius Vanderbilt. Als dieser Hessing für eine Geschäftsidee nach Amerika einlud, soll die Antwort aus Schwaben gelautet haben: „Göggingen ist von New York ebenso weit entfernt wie New York von Göggingen.“ Anders ausgedrückt: Wenn Vanderbilt ein Anliegen habe, solle er die Reise auf sich nehmen, nicht anders herum.

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Der Erfolg war ihm nicht in die Wiege gelegt

Die Vorträge ließen keinen Zweifel: Friedrich Hessing war eine große Persönlichkeit mit einer beispiellosen Karriere. In die Wiege gelegt war ihm der Erfolg keineswegs. Ganz im Gegenteil: Toni Resch vom Gögginger Geschichtskreis betonte, dass der 1838 in Schönbrunn bei Rothenburg ob der Tauber geborene aus „bettelarmen Verhältnissen“ kam. Der ehemalige Stadtdirektor Heinz Münzenrieder machte deutlich, dass der Nicht-Mediziner Hessing zeitlebens gegen die Vorbehalte der gelernten Mediziner ankämpfen musste. Denn sein gelernter Beruf war Orgelbauer. Die Anekdote, er habe einen Invaliden mit der Fertigung eines künstlichen Holzfußes zu neuer Lebensqualität verholfen, setzte den Grundstein dafür, dass der Gögginger später europaweit den Ruf eines orthopädischen Heilsbringers genoss.

Hessing ist der berühmteste Sohn Göggingens, so Toni Resch vom Gögginger Geschichtskreis. In Göggingen errichtete er quasi eine Stadt in der Stadt, zu der neben der Burg unter anderem eine Kirche, ein Park, das Kurhaus und ein Ärztehaus zählen. Dank Hessing wurde Göggingen zum international bekannten Kurort. Ebenfalls ist es Hessing zu verdanken, dass der Ort Göggingen lange vor der Stadt Augsburg elektrisches Licht hatte. Neben russischen Adeligen war in Hessings Heilanstalt die Kaiserin Auguste Viktoria die prominenteste Patientin. Die Verdienste des kleinen großen Mannes beschränkten sich nicht auf Göggingen. Im Auftrag des Königs sanierte er die darbenden Staatsbäder. Markus Funk von der Hessing-Stiftung bewundert am medizinischen Autodidakten Hessing die Mischung aus „unternehmerischem Geschick und sozialem Bewusstsein“. Hessing habe „Arm und Reich eine Behandlung ermöglicht und eigene Abrechnungsmodelle entwickelt“. Funk wendet seinen Blick aber nicht nur in die Vergangenheit: „Hessing gab uns den klaren Auftrag, seine Institution an der Spitze der Orthopädie zu halten.“ Funk war überzeugt, dass man von der Hessing-Stiftung „unabhängig vom Jubiläumsjahr in den kommenden Jahren hören“ wird. Auf Hessings Grabmal im Gögginger Friedhof steht: „Durch Arbeit zur Unsterblichkeit“. Damals eine Provokation gegen die Religion. Doch Hessing habe sein Vermächtnis eingelöst, findet Toni Resch: „Sein Name wurde tatsächlich unsterblich – und seine Pionierarbeit in der Orthopädie kann von jedermann nachvollziehbar geprüft werden.“ Hessings Schaffen beweist den Wahrheitsgehalt einer Binsenweisheit, die manchen Medizinern noch heute unbequem ist: Wer heilt, hat recht.

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