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Augsburg

19.02.2018

Warum Elvira Martin nicht mehr Tram fahren darf

E-Scooter, wie Elvira Martin einen fährt, dürfen im öffentlichen Nahverkehr nur noch unter bestimmten Auflagen mitfahren.
Bild: Silvio Wyszengrad

Elvira Martin ist seit einem Schlaganfall auf einen E-Scooter angewiesen - darf damit jetzt aber nicht mehr die Augsburger Straßenbahnen nutzen. Schuld ist ein bundesweiter Erlass.

Elvira Martin hatte einen Arzttermin. Sie wollte wie immer die Straßenbahn nehmen. Seit ihrem Schlaganfall vor 14 Jahren kann sich die 58-Jährige nur in einem E-Scooter fortbewegen und ist auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Doch an der Haltestelle Schertlinstraße fuhr der Tramfahrer nicht die Rampe aus, über die Rollstuhl- und E-Scooter-Nutzer sonst hineingelangen. Er ließ Martin stehen – nicht aus böser Absicht. E-Scooter dürfen in Augsburgs Straßenbahnen seit dem ersten Februar nicht mehr mitgenommen werden.

Hintergrund ist ein bundesweiter Erlass, an den auch die Stadtwerke gebunden sind. Die Verkehrsminister der Länder beschlossen bereits im März 2017, dass diese Elektromobile im öffentlichen Nahverkehr nur noch unter Auflagen mitfahren dürfen. Es geht ausschließlich um E-Scooter, die anders als ein elektrischer Rollstuhl eine direkte Lenksäule haben und größer, höher und schwerer konzipiert sind. Sie dürfen nur noch mitfahren, wenn sie ein Prüfsiegel haben. Der Benutzer erhält es bei Erfüllung der Auflagen, die ihn selbst, aber auch die Beschaffenheit seines E-Scooters betreffen. Hinter den deutschlandweiten Vorgaben steckt die Sorge um die Sicherheit der E-Scooter-Fahrer und der anderen Fahrgäste. Jürgen Fergg von den Stadtwerken (swa) gibt zu, dass man in Augsburg immer wieder ein Auge zudrückte. Bis zu einem Vorfall.

Ein Fahrer kippte mit dem E-Scooter um

Der Pressesprecher zeigt mehrere Aufnahmen aus einer Straßenbahn. Sie dokumentieren, wie ein Fahrer eines auch sogenannten Cityshoppers in der Tram quer zur Fahrtrichtung steht. Bei einer Bremsung gerät er damit ins Kippen. Der Mann fällt auf den Boden, andere Fahrgäste helfen ihm auf. „Ihm geschah nichts. Aber es zeigt, dass durchaus etwas passieren kann. Wenn bis zu 300 Kilo in Bewegung geraten, kann das gefährlich werden“, sagt Fergg. Seit dem Vorfall werden bei den Stadtwerken die Vorschriften rigoros eingehalten. Zum Leidwesen von Elvira Martin und anderen Betroffenen.

In Augsburgs Straßenbahnen sind E-Scooter damit tabu. Die Trams erfüllen die Platzanforderungen gemäß dem Erlass nicht. Sie sind zu schmal, erklärt die Leiterin des swa-Fahrbetriebs, Stefanie Rohde. Nur in den silbernen Mercedes-Bussen sei eine Mitnahme möglich. Die MAN-Busse würden im Lauf der nächsten sechs Wochen umgerüstet.

Die neuen Richtlinien sorgen offenbar bei manchem Bus- und Tramfahrer für Verwirrung, wie Elvira Martin erzählt. Da sie ihre Wohnung im Nachsorgenzentrum für Hirngeschädigte am Siebentischpark hat, steigt sie oft an der Schertlinstraße zu. „Das eine Mal nimmt mich ein Fahrer mit, das andere Mal nicht. Einer fragte per Funk erst mal nach, ob er mich einsteigen lassen darf.“ Ein anderer Fahrer habe sie nur unter der Bedingung hineingelassen, dass sie aus ihrem E-Scooter steigt und sich auf einen Sitzplatz setzt. Für die gesundheitlich beeinträchtigte Frau ein schwieriger Akt. Elvira Martin ist nicht nur verunsichert, sie fühlt sich schikaniert und diskriminiert.

Einen schweren Kampf habe sie seit dem Schlaganfall hinter sich. „Inzwischen habe ich endlich zu meiner Lebenslust zurückgefunden und jetzt werden mir solche Steine in den Weg gelegt. Als Behinderte ist man nichts wert“, sagt sie bitter.

"Sehr aufgebrachte Bürger"

Die Problematik ist auch bei Sozialbürgermeister Stefan Kiefer und beim Behindertenbeirat präsent. Dass bei vielen Unklarheit herrsche, sei ein Nebelsituation, die man dringend auflösen müsse“, so Kiefer. Claudia Nickl, Vorsitzende des Behindertenbeirates sagt: „Wir haben sehr aufgebrachte Bürger, was ich verstehe. Aber man darf nicht überreagieren.“ Sie rät Betroffenen, sich bei Beschwerdefällen an den Behindertenbeirat zu wenden.Bei den Stadtwerken selbst läuft längst eine Informationsoffensive. Laut Sprecher Fergg wurden erneut alle 500 Bus- und Tramfahrer eingewiesen. Diese wiederum verteilen Zettel an betroffene Fahrgäste. Darauf wird über den Erlass und das weitere Vorgehen informiert. Betroffene erhalten Tipps und die Telefonnummer von Dorothee Schäfer. Sie ist bei der swa die direkte Ansprechpartnerin für Kunden mit E-Scootern. Schäfer kümmert sich darum, dass Nutzer bei Erfüllung der Auflagen das Prüfsiegel erhalten. Zudem berät sie bei Fragen. Sie schildert, wie unlängst zwei Damen mit ihren E-Scootern zu ihr kamen.

Die eine habe Multiple Sklerose, die andere sei halbseitig gelähmt. Schäfer ließ sich von den Frauen zeigen, dass sie vorschriftsmäßig in einen Bus manövrieren können. Auch die E-Scooter selbst erfüllten die Richtlinien. Die Prüfung war bestanden. „Die Damen erhalten jetzt Aufkleber für ihre Cityshopper. Die sind groß genug, dass sie jeder Busfahrer sieht.“ Neulich war ein Herr bei ihr, ergänzt Schäfer. Sein E-Scooter fiel durch. Er war zu lang. „Der Mann überlegt sich, einen E-Rollstuhl zu kaufen.“ Bislang seien die Nachfragen überschaubar. „Wir machen uns aber gerne die Mühe, jedem einzelnen zu helfen.“

Elvira Martins Cityshopper ist auch 15 Zentimeter länger als erlaubt. Zu ihrer Schwester nach Lechhausen oder zu den FCA-Spielen kommt die gebürtige Augsburgerin mit den öffentlichen Verkehrsmitteln so jedenfalls wohl erst einmal nicht mehr.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

19.02.2018

Wer den falschen Scooter hat, darf nicht mehr mit. Die Stadtwerke schließen solche Menschen mit Behinderungen von der Mittnahme aus. Das bedeutet eine Beeinträchtigung der Mobilität - Teilhabe am öffentlichen Leben wird massiv erschwert. Und die Behinderten müssen am Ende und auf längere Sicht auch noch das Geld haben für einen Krankenfahrstuhl haben, der den Richtlinien entspricht. Die Kassen werden da eher nicht einspringen. Nichts da mit Nachteilsausgleich.

120 cm Länge ist nicht viel - derzeit gibt es nicht viele Scooter, die so klein sind. Und nebenher: kleine Scooter passen auch nur für eher kleine Menschen. Auch das rückwärts Reinfahren über die Rampe bedeutet eine Erschwernis - das muss man erst einmal bringen. Einmal mehr die Erfahrung, wie sehr man behindert wird.

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19.02.2018

So kann man natürlich einen Erfolg der Behindertenverbände auch schlechtreden. Während es nämlich vorher aufgrund Unsicherheiten den Verkehrsverbünden überlassen war ob sie E-Scooter mitnehmen oder nicht - und häufig gab es Mitnahmeverbote - gibt es jetzt eine verlässliche Richtlinie.
Und es gibt sehr wohl die Möglichkeit einer Neubeantragung oder eines Umtausch eines E-Scooters bei der Krankenkasse aufgrund dieses Fakts falls der (bewilligte) E-Scooter nicht dieser Richtlinie entspricht.

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