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Augsburg

15.06.2019

Warum Karin Dichtl ihren Lotto-Laden in der Maxstraße Ende 2019 schließt

Mit ihren 80 Jahren arbeitet Karin Dichtl noch sechs Mal die Woche in ihrem kleinen Lotto- und Tabakladen in der Maximilianstraße. Ende des Jahres ist Schluss.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Seit über 40 Jahren führt Karin Dichtl in der Maxstraße ein Lotto- und Tabakgeschäft. Per Post erhielt die 80-Jährige eine Hiobsbotschaft. Sie traf eine Entscheidung.

Das Geschäft in der Maximilianstraße Toto-Lotto Stockert ist so klein, dass mancher Passant daran vorbei gehen mag, ohne es zu registrieren. Doch viele Kunden kennen das Geschäft von Karin Dichtl. Seit 44 Jahren führt die Augsburgerin in der Nähe von St. Ulrich ihren Lotto- und Tabakladen. 80 Jahre ist die Geschäftsfrau inzwischen alt. Genau deshalb wurde ihr die Lotto-Lizenz entzogen. Anfänglich war sie darüber entsetzt.

Konzentriert balanciert die Seniorin auf der hohen Stufe im Schaufenster. Das Plakat mit der Lotto-Werbung war hinuntergefallen. Jetzt reckt sie sich, um es mit Tesa wieder ins Fenster zu kleben. „Hoffentlich hebt’s jetzt“, murmelt sie vor sich hin und steigt langsam hinunter. Die Geschäftsfrau hat Mittagspause und will gleich nach Hause fahren, um sich kurz hinzulegen. Mit 80 Jahren jeden Tag im Laden zu stehen, ist mühsam. Darum sieht Karin Dichtl die Hiobsbotschaft, die sie Anfang des Jahres aus dem Briefkasten gezogen hatte, inzwischen auch nicht mehr so tragisch.

Augsburger Lotto-Laden-Betreiberin verliert Lizenz

In dem Brief der Lottogesellschaft wurde sie darauf hingewiesen, dass ihre Lizenz Ende dieses Jahres abläuft. Der Grund: Mit 80 Jahren hat sie die Altersgrenze erreicht, um eine Lotto-Annahmestelle zu betreiben. „Damit hatte ich nicht gerechnet“, erzählt die zierliche, kleine Frau mit der Brille. Für die Seniorin kam das erst einer Katastrophe gleich. Schließlich arbeitet sie an sechs Tagen die Woche, damit sie sich Miete und Krankenversicherung leisten kann, wie Dichtl offen zugibt. Aber da ist noch ein anderer Grund, warum sie im hohen Alter weiter ihren Laden führt.

In der Maximilianstraße nahe St. Ulrich führt Karin Dichtl ihr Lotto-Geschäft.
Bild: Ulrich Wagner

Das nur 15 Quadratmeter große Geschäft mit seinen Stammkunden bedeutet ihr viel. Es ist ihr Leben. „Uns gibt es seit 1875. Mein Großvater hatte das Geschäft von seinem Onkel geerbt.“ Der Tabakwarenladen ging an die Großmutter über, später an ihre Mutter, dann an sie selbst. Am ersten Standort am Hohen Weg wurde das Geschäft im Krieg zerbombt, ihre Großeltern zogen damit an den Königsplatz um. „Dann waren wir noch am Judenberg, wo heute die Kichererbse drin ist, später am Vorderen Lech, danach zogen wir hoch in die Maximilianstraße. Hier ist die beste Lage.“

Karin Dichtl sagt, die Kunden lieben sie und umgekehrt

Es sei vor allem viel Laufkundschaft, die zu ihr hereinkomme. Aber auch Stammkunden mit denen die Dame gerne ein Schwätzchen hält. „Studenten, die hier in der Maxstraße in WGs leben, Geschäftsleute – zu mir kommen alle.“ Ein langjähriger Kunde etwa, der vor einigen Jahren nach München gezogen war, erzählt sie stolz, besuche sie einmal im Jahr. „Ich liebe meine Kunden und sie mich. Viele sagen mir, ich darf nicht aufhören, sie brauchen mich.“ Doch genau das wird sie Ende dieses Jahres tun.

Dann schließt die Seniorin das Traditionsgeschäft für immer. Ohne Lotto-Lizenz mache es keinen Sinn mehr, davon lebe der Laden in erster Linie. Gut erinnert sich Karin Dichtl an einen Kunden, der jede Woche kam, um bei ihr Lotto und Eurojackpot zu spielen. „Eines Tages brachte er wieder seine Tippzettel vorbei. Ich las sie im Computer ein und plötzlich stand da Zentralgewinn.“ 113000 Euro hatte der Mann gewonnen. Große Gewinne blieben für die Geschäftsfrau aus. „Wenn bei mir was ging, lag ich immer unter hundert Euro.“ Dass sie aufgrund des Alters ihre Lizenz verlieren wird, habe sie zuerst sehr traurig gestimmt.

„Jetzt denke ich, es ist auch mal gut, mit dem Arbeiten aufzuhören. Es ist schon anstrengend“, gesteht die gelernte Steuergehilfin, die in jungen Jahren an Wettkämpfen für rhythmische Sportgymnastik teilnahm. Sie müsse schauen, wie es für sie weiter geht. „Auf alle Fälle bin ich die letzte unserer Familie, die den Laden führt.“ Karin Dichtl hat keine Kinder. „Nach mir kommt niemand mehr.“ Noch ist keine Zeit für Wehmut. Schließlich steht die Seniorin bis Ende des Jahres hinter der hölzernen Ladentheke.

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