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Theater Augsburg

09.10.2017

Warum Köcks Drama "Paradies fluten" zu Recht das Stück der Stunde ist

Eine Szene aus dem Drama "Paradies fluten" auf der Brechtbühne Augsburg
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Dieses Stück beginnt trostlos, hart und kräftig. Es geht um Untergangs- und Vernichtungsfantasie. Doch das Publikum ist am Ende vor allem eines: begeistert.

Dieser Start ist in seiner Vielfalt geglückt. Mit vier neuen Produktionen an zwei Wochenenden hat das Theater Augsburg ein Zeichen gesetzt, wohin die Bühnenreise des Hauses unter der neuen Leitung von André Bücker gehen kann: zu bekannten Opernstoffen in psychologisch klugem Gewand ("Der Freischütz") und mitten in die Augsburger Stadtteile hinein ("Der Tatort"), zur extravaganten und mehrstündigen Interpretation eines Schauspielklassikers ("Peer Gynt") und zuletzt – und im Folgenden ausführlicher besprochen – zu einem Weltuntergangswerk der Stunde, dem auf Augsburgs Brechtbühne eine kluge Regie den Apokalypse-Zahn zieht.

Trostloser kann ein Stück nicht beginnen

Schon im Prolog dieser lyrischen, nur selten dialogischen Textfläche "Paradies fluten" von Thomas Köck geht die Welt endgültig unter. Der Dramatiker, 1986 in Oberösterreich geboren, lässt zwei Figuren, die er als Nachfolgerinnen der römischen Schicksalsgöttinnen "Postparzen" nennt (beziehungsweise: die von der Prophezeiung Übersehene und die von der Vorsehung Vergessene) – dieser junge Dramatiker lässt also die Postparzen das Ende aller Tage ausmalen, wenn die Sonne sich in ein paar Milliarden Jahren so aufheizt und ausdehnt, dass "alles, was hier irgendwann einmal war, komplett ausgelöscht sein wird … Keine Zeichen, keine Spuren, keine Lesbarkeit wird uns überdauern … Wir wissen, dass wir vernichtet sein werden."

Trostloser, härter, kräftiger kann ein Stück nicht beginnen. Köck setzt im ersten Teil einer Klima-Trilogie zwei Stränge ins Zentrum des Geschehens, die immer wieder gegen- geschnitten werden: auf der einen Seite eine Familie, die sich mit einer Kfz-Werkstatt auf den freien Markt begibt und damit in den 1990er und 2000er Jahren scheitert, auf der anderen Seite den jungen deutschen Architekten Felix Nachtigal, der 1890 in der britisch-deutschen Handelsstation in Manaus einen Blick in die Vorhölle wirft, in die Kautschukbarone dieses Land mit Hilfe des freien Markts verwandelt haben. In der Stadt wird ein Opernhaus gebaut, während die Indios völlig selbstverständlich und beiläufig versklavt, misshandelt und gefoltert werden.

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Die Bühne ist vierseitig vom Publikum eingerahmt

Nach der Uraufführung dieses Stücks bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2016 steht es inzwischen an vielen – vor allem größeren – Häusern auf dem Spielplan. Auch in Wien, München, Berlin.

In Augsburg gelingt es Hausregisseurin Nicole Schneiderbauer, dieser Untergangs- und Vernichtungsfantasie zwei weitere Ebenen einzuschreiben, die dem Werk dann den nötigen Raum zur Entfaltung verschaffen: Gemeinsam mit ihrem Team – Miriam Busch für Bühne/Kostüme, Stefanie Sixt für Videos, Sabeth Braun für Dramaturgie – wird die vierseitig vom Publikum eingerahmte Bühne in einen Seil- und Netzgarten verwandelt. Die große Flut ist bildlich in den schweren Tauen gegenwärtig; gleichzeitig zieht das alles aber auch gegenläufig zum Untergang nach oben – vor allem, weil eine Vertikalseil-Artistin mit zum Schauspielteam gehört. Die Bilder, die entstehen, erinnern auf der einen Seite an die Ertrinkenden auf dem Floß der Medusa und auf der anderen Seite an einen Zirkus. Irgendwo lebt der Mensch auch als Mensch noch in diesem Untergangsnetz und verbreitet sinnlichen Glanz. Und: Diese Momente schaffen die dringend gebotene Distanz zum Gesprochenen. Dieser Text ist ein vielschichtiges, poetisches Anwüten an die Gegenwart und keine kritisch reflektierte, sich selbst hinterfragende Auseinandersetzung mit der Welt.

Einer Stunde und 40 Minuten folgt langer Applaus

Den Gegenpol dazu sucht in der Augsburger Fassung bewusst die Regie, auch, in dem das starke Ensemble Kaatie Akstinat, Linda Elsner, Jenny Langner, Roman Pertl und Patrick Rupar das Gesprochene oft in eine Komposition der Rede überführen – im Chor, versetzt, solistisch. "Paradies fluten" wird so zu einer Weltuntergangsfuge, die in sich als Text über einen lyrischen Zauberkern verfügt. Das lässt das Publikum eine Stunde und 40 Minuten lang nachdenken und auch staunen. Langer Applaus.

Die nächsten Aufführungen sind am 10., 14., 20., 21. und 27. Oktober.

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