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Augsburg

20.07.2016

Warum bei Vergewaltigungen die Suche nach der Wahrheit schwierig ist

Die Suche nach der Wahrheit ist bei Vergewaltigungen besonders schwierig. Oft steht Aussage gegen Aussage.
Bild: Symbolbild, Anne Wall

Die meisten Vergewaltigungen spielen sich unter Bekannten ab. Oft steht Aussage gegen Aussage. Wieso die Augsburger Kripo kaum glaubt, dass das neue Sexualstrafrecht viel ändert.

Es klingt nach einem furchtbaren Martyrium. Eine 37-jährige Frau erscheint zusammen mit ihrem Ehemann im Sommer 2012 bei der Polizei. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen einen zehn Jahre älteren Türken. Der Mann habe sie über Jahre hinweg bedroht, misshandelt und vergewaltigt – einmal sogar inmitten von Gräbern auf dem Nordfriedhof. Was die Frau erzählt, klingt glaubwürdig. Der Mann sitzt acht Monate in Untersuchungshaft. Erst im Prozess verstrickt sich das vermeintliche Opfer in Widersprüche. Die Frau räumt ein, dass der Sex – auch auf dem Friedhof – freiwillig gewesen ist. Das Motiv für die Falschaussage: Sie wollte Rache üben an ihrem Ex-Geliebten.

Kriminalrat Helmut Sporer leitet das Kommissariat 1 bei der Kripo. Die Ermittler in seiner Abteilung kümmern sich um Sexualverbrechen, die sich im Großraum Augsburg abspielen. Die erfundene Vergewaltigung auf dem Friedhof ist der heftigste Fall einer Falschbeschuldigung, den der Ermittler in Erinnerung hat. „Wenn jemand über Monate als angeblicher Sexualstraftäter zu Unrecht in Haft sitzt, ist das nicht akzeptabel“, sagt Sporer. „Der Ruf ist ruiniert, das soziale Umfeld wendet sich ab.“

Helmut Sporer hat länger darüber nachgedacht, ob er über ein Phänomen sprechen soll, mit dem die Ermittler immer wieder konfrontiert sind: falsche Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfe. Er hat sich entschieden, es zu tun. Denn es gehört zur Realität im Alltag der Kripobeamten. Es gibt Frauen, denen Furchtbares angetan wurde. Opfer, die schlimmste Taten erlebt haben. Aber es gibt eben auch die Fälle, in denen sich die Vorwürfe als haltlos oder fragwürdig erweisen.

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Jeder zehnte Vergewaltigungs-Vorwurf ist erfunden

Über die Jahre hinweg hat sich daran nicht viel geändert, sagt Helmut Sporer. Bei etwa zehn Prozent der angezeigten Sexualstraftaten, die bei der Kripo bearbeitet werden, lässt sich nach einiger Zeit nachweisen, dass die Vorwürfe nicht stimmen. Im Jahr 2015 zählte die Kripo in Augsburg 26 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung. Dem gegenüber stehen drei Fälle von nachgewiesener falscher Beschuldigung.

Bei Sexualstraftaten zu ermitteln, das gehört zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt, die es bei der Polizei zu vergeben gibt. Deshalb sind es erfahrene, speziell geschulte Beamte, die damit betraut sind – Frauen und Männer. Die meisten Sex-Verbrechen spielen sich in Beziehungen und unter Bekannten ab. Die Beamten müssen dabei zwangsläufig die Intimsphäre beleuchten. Auch Opfern könne man es nicht ersparen, dass sie genau befragt werden. Eines ist Sporer aber wichtig: „Wenn wir akribisch ermitteln, dann geht es nicht um Misstrauen. Wir nehmen jeden Fall, der uns angezeigt wird, sehr ernst.“ In einem Rechtsstaat sei es aber nötig, genau herauszufinden, was geschehen ist. Schließlich hänge davon ab, welche Straftaten am Ende einem Beschuldigten vorgeworfen werden. Und ob er für längere Zeit ins Gefängnis muss. Ein Problem ist auch: In der Regel gibt es bei Sexualstraftaten weder neutrale Zeugen noch andere Beweise. Es hängt meist alles davon ab, wer im Prozess glaubwürdiger ist: das mutmaßliche Opfer oder der Angeklagte. Auch deshalb müsse ein Opfer von den Ermittlern genau befragt werden. „Je detaillierter die Tat von uns ermittelt ist“, sagt Helmut Sporer, „umso eher gelingt es auch, einen Täter zu einem Geständnis zu bewegen.“ Das erspare den Opfern dann in vielen Fällen eine erneute, belastende Aussage in einem Gerichtssaal.

Fachleute glauben nicht, dass das neue Sexualstrafrecht viel ändert

In manchen Fällen zeigt sich am Ende aber auch: Die Vorwürfe stimmen nicht. Die Motive dafür sind unterschiedlich. Rache und verletzte Gefühle nach einer Trennung gehören dazu, mitunter ist es auch der Ruf nach Aufmerksamkeit. Und es gibt einen großen Graubereich: Missverständnisse zwischen Mann und Frau, unterschiedliche Wahrnehmungen. Ein Mann denkt, der Sex sei einvernehmlich gewesen, eine Frau empfindet es als Vergewaltigung. Am Ende muss dann ein Gericht abwägen, ob es eine Straftat gewesen ist. Dass die kürzlich im Bundestag verabschiedete, neue Regelung nach dem Prinzip „Nein heißt Nein“ an diesen schwierigen Gerichtsverfahren viel ändert, glauben Fachleute wie Sporer nicht.

Immer wieder erleben die Kripobeamten aber auch das Gegenteil einer falschen Beschuldigung: Frauen zeigen eine Vergewaltigung an, die Ermittler sehen den Fall als erwiesen an. Doch plötzlich ziehen die Opfer ihre Anzeige wieder zurück. Oft sei es in solchen Fällen der Druck aus dem familiären Umfeld, der die Frauen dazu bewege. Ihnen wird der Vorwurf gemacht, sie sollten die Familie nicht zerstören.

Helmut Sporers Erfahrung ist, dass viele Frauen ihre Strafanzeige aber nicht bereuen. Trotz der Belastungen, die ein Ermittlungsverfahren und ein Strafprozess mit sich bringen können. „Die überwiegende Mehrzahl der Frauen sagt hinterher, es sei richtig gewesen, dass sie diesen Schritt gemacht haben“, sagt der Beamte. Ein Strafprozess könne den Opfern dabei helfen, die Tat zu verarbeiten – und irgendwann auch damit abzuschließen.

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