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Augsburg

16.04.2017

Warum das Augsburger Huhn ein Pechvogel ist

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Im Garten von Anton Schneider leben zehn Augsburger Hühner und auch ein Hahn ist dabei.

Im Jahr 1870 schuf ein Haunstetter eine besondere Hühnerrasse mit Krone. Heute sind die Tiere sehr selten und gefährdet. Doch Anton Schneider will sie retten.

Kennen Sie eigentlich das Augsburger Huhn? Falls nicht: Kein Wunder, es ist so selten, dass es fast so schwer zu finden ist, wie der Osterhase. Von der Popularität des eierversteckenden Vierbeiners ist das Augsburger Huhn weit entfernt. Dabei hätte der gefiederte Freund eine größere Bekanntheit wohlverdient. Schließlich verkörpert das Federvieh aus Augsburg die einzige in Bayern erzüchtete Hühnerrasse.

Die Mama des Augsburger Ur-Huhns war eine rassige Südländerin aus Livorno – das Lamotta-Huhn. Der Papa war ein Franzose namens La Flèche. Verkuppelt wurden die beiden bereits 1870 durch den Züchter Julius Meyer aus Haunstetten. Weil das Lamotta empfindlich auf das schwäbische Klima reagierte, kreuzte er es mit dem für seine Robustheit und Fleischqualität bekannten La Flèche. Als Kind dieser Liebe entstand das Augsburger Huhn. Besonderes Kennzeichen: ein markanter, an eine Krone erinnernder Kamm. Seinerzeit genoss das Augsburger Huhn deutschlandweit einen erstklassigen Ruf. Als „Zwiehuhn“ (Zweinutzungshuhn) erfüllte es gleich zwei Aufgaben, diente als Eierlieferant und als Braten gleichermaßen.

Heute dagegen kräht kaum mehr ein Hahn nach dem Huhn. In der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. wird der gekrönte Vogel als extrem gefährdet eingestuft. Einer der Gründe ist, dass der charakteristische Kronenkamm sich ursprünglich nicht so vererbte wie gewünscht, weshalb 1905 die Verbreitung der Rasse durch Zuchtstationen für eine Weile verboten wurde. Kaum hatte sich das Augsburger Huhn durch die Zuwendung einiger engagierter Züchter einigermaßen erholt, hatte erneut jemand ein Hühnchen mit ihm zu rupfen: Mit der Schnelllebigkeit, welche die Industrialisierung der Landwirtschaft mit sich brachte, kam das gemütliche Augsburger Huhn im Gegensatz zum modernen Turbo-Huhn nicht zurecht. Der Augsburger gilt zudem als nicht käfigfähig, was ihn für die Massentierhaltung uninteressant macht. Dem ehemaligen Automechaniker Anton Schneider aus Friedberg-Rederzhausen ist das egal.

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Ziel: Das Huhn erhalten

Der 71-Jährige ist der erste Vorsitzende des Sondervereins der Züchter des Augsburger Huhnes und der Zwerg-Augsburger. Der Rentner hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Augsburger Huhn als gackerndes Kulturgut zu erhalten. In Schneiders Garten leben derzeit zehn Augsburger Hühner und ein Hahn, sowie etwa 50 Küken. Zwischen 160 und 180 Eier im Jahr produziert das Augsburger Rassegeflügel. Die Eier sind lediglich für den Eigenverbrauch für die Familie und Bekannte bestimmt. Bei Anton Schneider und seinen Kollegen leben die Augsburger Hühner, wie es ihnen gefällt. Und das bis zum Rentenalter: „Ich bringe es nicht übers Herz, Hühner, die für die Zucht nicht wertvoll sind, zu schlachten“, verrät Anton Schneider.

Die prächtigsten seiner Hühner nehmen an Schönheitswettbewerben teil. Die heißen zwar nicht Germany’s Next Top Chicken, doch geht es auch bei den jungen Hühnern um Äußerlichkeiten. Vor allem die Krone der Schöpfung wird bewertet: Nur wenn die beiden Kammhälften möglichst gleich aussehen und hinten geschlossen wirken, gibt es gute Noten von den Preisrichtern. Mittlerweile ist es zwar gelungen, reinerbige Augsburger Hühner zu züchten, doch von 40 Eiern entstehen mit viel Glück vielleicht zehn Kronenkämme, von denen wiederum nicht alle ausstellungsfähig sind.

Um die inneren Werte des Augsburger Huhns geht es dagegen der Slow-Food-Bewegung. Die hiesige Slowfood-Dependance Convivium Augsburg bemüht sich in Zusammenarbeit mit dem Holler-Hof in Augsburg darum, das schwäbische Schnabeltier als Fleischspezialität zu verbreiten. „Das Augsburger Huhn ist anspruchsvoller in der Haltung und der Zubereitung als ein modernes Turbo-Huhn“, weiß Marianne Wager von Convivium Augsburg. Zum Glück für den Augsburger, denn so kann er sich bei den wenigen Züchtern, die ihn weiterhin wertschätzen, fühlen wie der Hahn im Korb.

Schneider: Eier schmecken besser

„Meine Hühner haben Gras und Auslauf, deswegen schmecken die Eier auch besser als aus dem Supermarkt“, ist Anton Schneider überzeugt. „Das Augsburger Huhn liebt die Freiheit“, weiß Schneider. „Die brauchen Auslauf, die möchten sausen.“ Neben ihrer Freiheit genießen Schneiders wilde Hühner auch das Vertrauen ihres Züchters. Er muss seine Vögel nicht einsperren, ist der Züchter überzeugt: „Die haben hier alles, was sie brauchen, die haben keinen Grund, wegzufliegen.“ So ist das Wichtigste, was uns das Augsburger Huhn zu Ostern schenken kann weder Fleisch noch Ei, sondern eine Erkenntnis: Liebe und Freiheit müssen sich nicht zwingend widersprechen.

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