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Müllberg-Serie (5)

23.04.2019

Warum der Müllberg den Augsburgern zu stinken begann

In der Südwestecke des Deponiegeländes unterhalb des Müllbergs verbirgt sich die Sickerwasser-Sammelstelle mit Vorreinigungstanks hinter hohen Bäumen.
Bild: Sammlung Häußler

In den 80ern begann die Deponie den Bürgern zu stinken – und das im wahrsten Wortsinn. Augsburg und Gersthofen beschlossen, sie von oben trockenzulegen.

Manche Dinge erschließen sich nicht sofort: Als Anfang der 1980er Jahre eine Sanierung der Mülldeponie in der Öffentlichkeit ins Gespräch kam, stellten Uneingeweihte die Frage: „Was soll eigentlich an einer Mülldeponie saniert werden?“ Wer jedoch am Lechufer unterhalb des Wehrs bei der Deponie und am Europaweiher genauer hinsah, entdeckte viele „Quellen“. Daraus quoll rostbraune Brühe. Es waren Sickerwässer aus dem Müllberg. Der Grund: Der Großteil der Mülldeponie hatte keine Abdichtung an der Basis.

Was genau sich unter dem Hügel abspielte und wie sich die belasteten Sickerwässer ausbreiteten, darüber suchten sich Fachleute Klarheit zu verschaffen. Im weiten Umkreis rund um den Müllberg wurden Rohre senkrecht im Boden versenkt, um Sickerwasserproben aus unterschiedlichen Bodenschichten entnehmen zu können. Die Auswertung ergab, dass der über Jahrzehnte unsortiert abgelagerte Müll Gifte und Schadstoffe absonderte. Regenwasser drang auf den riesigen Flächen ein und „spülte“ die Schadstoffe aus.

Jahrelang traten am Müllberg Gase ungehindert aus

Bei Zersetzungsprozessen organischer Stoffe entwickeln sich Gase. Sie entwichen am Müllberg jahrzehntelang ungehindert in die Umwelt. Die 1985 beginnende Planung einer Sanierung orientierte sich daran, beide Übel in den Griff zu bekommen. Zwei Methoden wurden erörtert: Den gesamten Berg unterirdisch abdichten oder nur seine Oberfläche „versiegeln“, um künftig die „Durchspülung“ und das Entweichen von Gasen nach oben zu verhindern. Die Entscheidung fiel für die Oberflächensanierung.

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Riesige Möwenschwärme und hunderte Saatkrähen erhoben sich zu dieser Zeit oftmals erst im letzten Moment von ihrem Futterplatz, dem Haushaltsmüll, ehe sie die Bearbeitungsfahrzeuge niederzuwalzen drohten. Möwen und Krähen überwinterten im Bereich der Mülldeponie: Sie bot Nahrung, der benachbarte Lech freie Wasserflächen. Mit der Inbetriebnahme der Müllverbrennungsanlage und dem Verbot zur Deponierung von Siedlungsabfällen wurde den Vögeln die Nahrung aus dem Müll entzogen. Sie verschwanden aus dem Müllberg-Bereich.

Einer mit „24. November 1987“ datierten Berechnung zufolge betrug damals das Volumen des Müllbergs 5,3 Millionen Kubikmeter, seine Höhe zwischen 40 und 45 Meter. Bei Volumen-Berechnungen sind auch die im Untergrund in den einstigen Kiesweihern liegenden Müllmengen einbezogen. 1988 schlossen Augsburg und Gersthofen einen neuen Vertrag über die Zukunft des Areals. Danach sollte die endgültige Deponiehöhe 49 bis 54 Meter erreichen. Zusammen mit einer flächenmäßigen Erweiterung würden im Lauf von sieben bis acht Jahren weitere 1,95 Millionen Kubikmeter Deponiegut Platz finden. Mit Eröffnung der Müllverbrennungsanlage des Zweckverbandes werde die Ablagerung enden und ein „landschaftspflegerischer Begleitplan“ verwirklicht.

Wie der Müllberg zum Naherholungsgebiet wurde

In dem Vertragswerk von 1988 wurde weiterhin festgeschrieben: Die Stadt Augsburg verpflichte sich, die Mülldeponie mit einem geschätzten Kostenaufwand von 60 Millionen D-Mark zu sanieren und die Aufwendungen zu 100 Prozent zu tragen. Auch die Kosten für eine zugängliche Grünanlage trage Augsburg allein. „Der Müllberg soll nach der Rekultivierung in das Naherholungsgebiet östlich des Lechs eingebunden werden“, heißt es in einer Veröffentlichung nach dem Vertragsabschluss.

Die Sanierung begann mit der „Entgasung“ durch Einbau von gelochten Rohrleitungen. Die verrohrten Flächen wurden anschließend mit einer dicken Lehmschicht und einer Folie versiegelt. Diese Abdichtung soll das Eindringen von Oberflächenwasser in den Berg verhindern. Er wurde quasi von oben „trockengelegt“, um das Absinken schädlicher Stoffe zu stoppen. Über der Folie liegt eine etwa zwei Meter dicke Abdeckung aus Kies und humosem Material. Darauf wurde begrünt. Die umweltgerechte Sanierung der nicht mehr benützten Altdeponie war 1997 abgeschlossen.

Ein Überwachungssystem garantiert, dass Standards eingehalten werden

Seither fallen je nach Niederschlagsmenge noch bis zu 35.000 Kubikmeter Sickerwasser pro Jahr an. Seit Ende Oktober 2007 wird das in gelochten Rohrleitungen erfasste Sickerwasser in Sammelbecken und danach in eine Reinigungsanlage in der Südwestecke des Deponiegeländes geleitet. In zwei oberirdischen Tanks erfolgt die Vorreinigung mit Aktivkohle. Dann werden die Sickerwässer durch eine 1400 Meter lange Druckleitung zu einem Düker beim Firnhaberauer Sportplatz gepumpt. Darin unterquert es Lech zum Klärwerk. Ein differenziertes, automatisch registrierendes Überwachungssystem garantiert, dass geltende Umweltstandards eingehalten werden.

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