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Rote Armee Fraktion

28.02.2016

Warum die RAF plötzlich wieder ganz nah ist

November 1989: In diesem Auto stirbt Deutsche Bank-Chef Alfred Herrhausen. Die Umstände des Anschlags sind bis heute unklar.
Bild: Kai-Uwe Wärner, dpa (Archvi)

20 Jahre lang kämpfte der FDP-Politiker Klaus Kinkel gegen die RAF. Nun ist er wieder mit dem Thema konfrontiert. Was eine deutsche Bestseller-Autorin damit zu tun hat.

Keiner bemerkt den bärtigen jungen Mann, der in Rolli und dunklem Anzug die Polizeidirektion am Augsburger Prinzregentenplatz betritt. Unter dem Arm trägt er eine Aktentasche. Er nimmt die Treppen in den dritten Stock, wo er zwei Pappschachteln auf Aktenschränke legt. Dann verlässt er das Gebäude. Wenige Minuten später erschüttern zwei Detonationen das Haus, ihre Wucht durchschlägt die Betondecke zur vierten Etage. Es ist ein Freitag im Mai 1972. Der Terror der Rote Armee Fraktion (RAF) hat Augsburg erreicht.

Knapp 44 Jahre später, an einem Nachmittag im Februar, betritt ein Mann in Anzug und Mantel ein Nürnberger Café. Er ist da, um von einer Vergangenheit zu erzählen, die viele Rückschlüsse auf die Gegenwart zulässt. Mit ruhiger Stimme sagt er einen Satz, der wie kaum ein anderer die Stimmung im Deutschland der 70er Jahre wiedergibt: „Wir hatten damals alle das Gefühl: Herrgott, der Staat wird damit nicht fertig.“ Für Klaus Kinkel, jenen Mann im Café, war die Situation doppelt belastend: Er war nicht nur Bürger, er war selbst Teil dieser ohnmächtigen Staatsmacht.

1972 ist Kinkel persönlicher Referent von Innenminister Hans-Dietrich Genscher. Das Attentat in Augsburg und fünf weitere Anschläge, die die RAF innerhalb weniger Tage deutschlandweit verübt, führen wenig später zu einer spektakulären Festnahme in einem Frankfurter Wohnblock. Tagelang hat die Polizei den Unterschlupf der RAF-Köpfe Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe observiert, dann schlägt sie zu. Baader wird angeschossen, Raspe ergibt sich. Es ist der Anfang vom Ende der ersten RAF-Generation. Dennoch geht die Gewalt weiter.

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34 Morde, über 200 Verletzte, Entführungen, Überfälle, Sprengstoffattentate – mehr als 20 Jahre lang hält die Rote Armee Fraktion Deutschland in Atem. „Immer wieder kam aus dem linken Umfeld Gewalt nach. Das hat uns im Innenministerium stark belastet“, sagt Kinkel. Anfang der 90er trägt er dazu bei, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Inzwischen Justizminister, plädiert er für die vorzeitige Entlassung einiger inhaftierter RAF-Terroristen. Sie verzichten im Gegenzug auf neue Gewalt. Der Deal geht als „Kinkel-Initiative“ in die Geschichte der Bundesrepublik ein. Der Liberale erntet dafür großes Lob – und ebenso harsche Kritik.

Die Rote Armee Fraktion ist plötzlich wieder ganz nah

Die aktive Zeit der RAF liegt weit zurück. Jetzt erfährt das Thema eine neue Aktualität. Kürzlich teilen die Behörden mit, dass der Überfall auf einen Geldtransporter im Juni 2015 in Niedersachsen drei ehemaligen RAF-Terroristen zugeschrieben wird, die seit Jahren untergetaucht sind und für den bislang ungeklärten Mord an Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen 1989 mitverantwortlich sein sollen. Klaus Kinkel gibt zu, dass er überrascht war, nach so vielen Jahren wieder von der RAF zu hören. Ein Wiederaufflammen linksterroristischer Gewalt hält er dennoch für unwahrscheinlich: „Ich glaube nicht, dass die RAF noch aktiv ist. Die brauchten einfach Geld.“

Eine weitere Nachricht aus dem Umfeld der Rote Armee Fraktion lässt erst vor wenigen Tagen einen Aufschrei durch die Republik gehen: Der ehemalige Terrorist Christian Klar, verurteilt unter anderem für die Morde an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto, arbeitet seit kurzem für einen Bundestagsabgeordneten der Linken. Ein ehemaliger Staatsfeind im Herzen des „Schweinesystems“, das er selbst jahrelang bekämpft hat – darf das sein? Klaus Kinkel, der kein öffentliches Amt mehr bekleidet, hat eine klare Meinung: „Selbst bei Mördern muss die Möglichkeit bestehen, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern.“

Auch Bestseller-Autorin Tanja Kinkel („Die Puppenspieler“) hat sich in den letzten zwei Jahren intensiv mit der Frage der Rehabilitierung ehemaliger RAF-Terroristen beschäftigt. Ihre Recherchen hat sie literarisch aufbereitet: Im November erschien ihr Roman „Schlaf der Vernunft“. Erzählt wird die Geschichte einer Terroristin, die nach 20 Jahren aus dem Gefängnis freikommt. Dort begegnet sie nicht nur der Tochter, die sie verließ, um in den Untergrund zu gehen. Sie sieht sich auch mit RAF-Opfern und ihren Hinterbliebenen konfrontiert.

Mit Klaus Kinkel ist Tanja Kinkel weder verwandt noch verschwägert. Trotzdem sitzen sie an diesem Nachmittag gemeinsam am Tisch des Nürnberger Cafés. Autorin und Politiker kennen sich seit Jahren, sie haben sich bei einem Empfang zum 70. Geburtstag von Hans-Dietrich Genscher kennengelernt. Kinkel hat seiner Namensvetterin bei den Recherchen zum aktuellen Buch geholfen: „Er stellte mir unter anderem Protokolle eines Gesprächs zwischen ihm und Brigitte Mohnhaupt zur Verfügung, die nie veröffentlicht wurden.“ Es sei wertvoll gewesen, sich mit Zeitdokumenten zu beschäftigen, die anders als Memoiren nicht aus der Rückschau verfasst sind, sagt Tanja Kinkel. „Es war aber auch spannend, die Stimmen dieser Menschen zu hören.“

Seit einigen Wochen sind die beiden immer wieder gemeinsam unterwegs, um mit den Menschen über das Buch, die RAF und aktuelle politische Entwicklungen zu sprechen. Dabei sehen sie sich häufig mit denselben Fragen konfrontiert: Ist der linke Terrorismus der 70er und 80er mit dem Terrorismus heute zu vergleichen? Warum laufen junge Männer und Frauen zum Islamischen Staat über, um eine Religion zu verbreiten, die nicht ihre ist? Und, die größte Befürchtung: Wird der Terror irgendwann bei uns ankommen?

„Der Terror der RAF war ideologisch bestimmt"

Es sind Fragen, denen auch der erfahrene Politiker Kinkel nur mit Vermutungen begegnen kann: „Der Terror der RAF war ideologisch bestimmt. Die wollten den Staat ändern und sind deshalb gezielt auf Männer los, die für diesen Staat standen.“ Auch Kinkel gehörte zu den gefährdeten Personen, war zuhause wie auf Reisen von Personenschützern umgeben. „Das sind Dinge, an die gewöhnt man sich. Ich hab nie gedacht: Jetzt packt’s dich dann. Die Sicherheitsleute gehörten irgendwann zur Familie.“

Anders als der IS riskierten die RAF-Leute nur selten den Tod von Frauen und Kindern. „Selbst beim Attentat auf das Springer-Hochhaus gab es vorher eine Warnung“, sagt Kinkel. In diesem Punkt unterschieden sich die linken Terroristen von IS-Kämpfern. Diese schlagen unerwartet zu, ohne Rücksicht auf Personen oder Einrichtungen – so wie im November in Paris. Die religiös motivierte Gewalt hält Kinkel für ungleich gefährlicher als die der RAF. Und er sieht ein weiteres Problem: „Was die Sache so schrecklich macht ist, dass man mit normalen Methoden der Absicherung nicht an die Kämpfer herankommt. Sie können einen Selbstmordattentäter eben nicht erkennen.“

Dennoch sehen Klaus und Tanja Kinkel Parallelen – vor allem, was die Ursachen einer Radikalisierung betrifft. „Terrorismus wird von Menschen gemacht, deren Hintergründe im emotionalen Bereich liegen“, hat Tanja Kinkel in vielen Unterhaltungen mit Experten gelernt. Bei der RAF war es die Ablehnung eines kapitalistischen Staates, die Auflehnung gegen Eltern, die sich im Nationalsozialismus falsch verhalten hatten, der Protest gegen den Vietnamkrieg. „Heute ist es die fortschreitende Verelendung vieler Städte, die Perspektivlosigkeit junger Leute in ganz Europa, die sich oft mit Arbeitslosigkeit verbindet, und das Schüren der Angst vor echten oder vermeintlichen Feinden.“

Auch in Deutschland gibt es Menschen, die zu einer Radikalisierung neigen. Klaus Kinkel sieht dies mit Sorge: „Wir haben zweifellos zunehmende rechtsextreme Tendenzen, auch mit kriminellem Einschlag, wenn man nur an die Anschläge auf Flüchtlingsheime denkt.“ Auch die Einstellung einzelner Pegida-Sympathisanten und AfD-Anhänger sei „unerfreulich“. Doch Kinkel geht nicht so weit, von rechtem Terror zu sprechen.

Wird Deutschland also weiter vor neuer terroristischer Gewalt verschont bleiben? Wohl kaum, glaubt man der Einschätzung Klaus Kinkels: „Ich halte es für ein Wunder, dass es hier noch keine islamistischen Anschläge gab.“ Und so lassen die vergangenen Monate in vielerlei Hinsicht das Gefühl der Ohnmacht wieder aufleben, das viele Bürger auch in den 70ern gespürt haben. Wie wird der Staat mit diesen neuen Herausforderungen fertig? Klaus Kinkel denkt kurz nach, um dann mit den Schultern zu zucken. „Ich bin froh“, sagt er, „dass ich in einer so unruhigen Welt keine politische Verantwortung mehr tragen muss.“

Wie durch ein Wunder kommen beim Anschlag auf die Augsburger Polizeidirektion im Mai 1972 keine Menschen ums Leben. Fünf Jahre später werden die Führungsfiguren der RAF wegen dieses und anderer Attentate zu lebenslanger Haft verurteilt. Baader, Raspe und Gudrun Ensslin werden diese Strafe nie absitzen. Sie nehmen sich am 18. Oktober 1977 in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim das Leben.

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