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Augsburg

12.02.2017

Warum ein Ex-Gefängnischef viele Häftlinge gerne freilassen würde

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Thomas Galli war als Gefängnis-Chef verantwortlich für fast 400 Gefangene – doch von Haftstrafen hält er seither nichts mehr.
Bild: Matthias Becker (Symbolbild)

Thomas Galli arbeitet mehr als 15 Jahre in Haftanstalten. Bis er erkennt, dass er seine Gefangenen am liebsten alle freilassen würde.

Er ist jetzt frei. Thomas Galli sitzt in einem Büro in der Bahnhofstraße. Die Möbel sind neu, im Flur stehen noch Umzugskisten. Rund 15 Jahre hat der Jurist in Gefängnissen gearbeitet. Zuletzt war er Chef einer Haftanstalt mit knapp 400 Gefangenen in Sachsen. Doch je länger er hinter Gittern tätig war, um so mehr Zweifel befielen ihn. Irgendwann glaubte er nicht mehr daran, dass eine Haftstrafe aus einem Gefangenen einen besseren Menschen machen kann. Als ein TV-Reporter ihn fragte, was er machen würde, wenn er als Knast-Chef freie Hand hätte, lautete seine Antwort: „Die Häftlinge freilassen.“ Da wurde ihm klar, dass es an der Zeit ist, den Beruf zu wechseln.

Thomas Galli, 43, ist ganz in Schwarz gekleidet. Hose, Hemd, Sakko. Auf seinem Schreibtisch liegen die ersten Akten. Er hat beim Staat gekündigt, hat die Sicherheit, aber auch die Zwänge eines Beamtenlebens aufgeben. Jetzt arbeitet er als Rechtsanwalt in Augsburg. Es ist für ihn eine Rückkehr in seine Heimat. Thomas Galli ist hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, hat das Abitur gemacht. Anfang der 1990er Jahre ging er nach Regensburg zum Studieren. In Amberg arbeitete er zum ersten Mal im Gefängnis, später bekam er es als Abteilungsleiter in der JVA in Straubing mit den besonders „harten Jungs“ zu tun. Vor allem Schwerverbrecher sitzen dort ein.

Weniger Chancen nach Entlassung

Er traf in den Gefängnissen auf Mörder und Vergewaltiger, aber auch auf viele Kleinkriminelle und Drogensüchtige. Seine Erkenntnis ist: „Wir machen uns etwas vor, wenn wir meinen, dass das Gefängnis etwas Positives bewirken kann. Das Gegenteil ist leider der Fall.“ Viele Täter, ist er überzeugt, sind nach der Haftstrafe gefährlicher als vorher. Die Rückfallgefahr steige eher. „Die allgemeine Wut auf einen Täter wird durch eine harte Strafe zwar beruhigt“, sagt Thomas Galli. „Aber wenn er wieder rauskommt, hat er noch weniger Chancen und sein Freundeskreis besteht nur noch aus Straftätern.“ Zwar gebe es viele Therapieangebote, etwa für Sexualstraftäter oder Schläger. Der Aufwand, der dafür betrieben werde, sei groß. Doch die Therapien fänden in der künstlichen Umgebung der Haftanstalt statt. Mit dem Leben draußen habe das nichts zu tun.

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Thomas Galli hat ein Buch geschrieben, in dem er Schicksale von Häftlingen erzählt. In „Die Schwere der Schuld“ geht es um einen Mörder, der sich nach über 20 Jahren hinter Gittern irgendwann umbringt, weil er keine Perspektive mehr für sich sieht. Galli erzählt, wie ein notorischer Betrüger eine junge Gefängnispsychologin dazu bringt, mit ihm zu schlafen. Sie wird schwanger. Er berichtet von einem jungen Russlanddeutschen, der hinter Gittern die grausame Rache der Russenmafia zu spüren bekommt. Der Staat kann den jungen Mann nicht schützen. Es sind alles Geschichten, die Thomas Galli so oder ähnlich bei seiner Arbeit hinter Gittern erlebt hat. Allerdings hat er die Fälle verfremdet, damit die Betroffenen anonym bleiben.

Buch macht Schlagzeilen

Sein Buch machte im vorigen Jahr eine Menge Schlagzeilen. Er wurde oft interviewt und in Talkrunden eingeladen. Thomas Galli galt fortan als der „Gefängnischef, der die Gefängnisse abschaffen will“. Tatsächlich meint er, dass es besser wäre, 90 Prozent der Straftäter nicht einzusperren. Er plädiert statt dessen für Hausarrest, für elektronische Fußfesseln und vor allem für gemeinnützige Arbeit als Strafe. So könnten Täter besser in die Gesellschaft eingegliedert werden. Für jene, bei denen das aussichtslos erscheint, will aber auch er keine Freiheit. Da ist er sogar besonders strikt. Schwerverbrecher, von denen eine dauerhafte, große Gefahr ausgeht, müssten für immer eingesperrt werden, meint er. Bisher hat in Deutschland jeder Straftäter, egal wie schlimm sein Verbrechen war, die Chance, irgendwann wieder frei zu kommen. Er braucht dazu positive Gutachten von Psychiatern. Thomas Galli, der während seiner Arbeit im Strafvollzug auch noch Psychologie und Kriminologie studiert hat, hält von diesen Gutachten und von den Prognosen zur Gefährlichkeit eines Täters nicht viel. „In den meisten Fällen könnte man genauso gut eine Münze werfen“, sagt er. Er plädiert deshalb für von der Außenwelt abgetrennte Unterkünfte, in denen diese Täter den Rest des Lebens verbringen müssten. Aber menschenwürdig, nicht in Knast-Atmosphäre.

Thomas Galli hat lange nachgedacht, bis sein Entschluss feststand, den sicheren Beamtenjob zu kündigen. Es ist auch ein Risiko. Er ist verheiratet, hat drei Kinder. Niemand habe ihn aufgefordert, wegen seiner unbequemen Ansichten den Dienst beim Staat zu quittieren, sagt er. Er brauche bei seiner Arbeit aber das Gefühl, etwas sinnvolles zu tun. Im Gefängnis hatte er dieses Gefühl am Ende nicht mehr.

Jetzt arbeitet er als Anwalt

Jetzt will er sich als Rechtsanwalt darum bemühen, dass Täter, wenn sie verurteilt werden, eine Strafe bekommen, die sinnvoll ist. Gerade im Jugendstrafrecht könne man da viel erreichen, sagt er. „Man muss so früh wie möglich eingreifen. Fast jeder Täter, den ich kennen gelernt habe, hatte als Kind ein großes Problem in seiner Familie.“ Er will sich als Anwalt auch mit Flüchtlingen und dem Asylrecht beschäftigen. Auch das Beamtenrecht liegt ihm. Schließlich war er als Gefängnisleiter auch der Chef eines Apparats mit über 100 Beschäftigten.

Und er will weiter Bücher schreiben: Über Täter, deren Schuld und wie die Gesellschaft damit umgehen sollte. In seinem zweiten Buch, das gerade erschienen ist, beschreibt er die Fälle von mehreren Schwerverbrechern. Und er geht den Fragen nach, die ihn ständig umtreiben: Wann gilt ein Täter als gefährlich? Was sollte man mit ihm tun? Thomas Galli hat noch eine Menge zu sagen. Und er ist jetzt frei, das ohne Blatt vor dem Mund zu tun.

Info: Thomas Gallis neues Buch mit dem Titel „Die Gefährlichkeit des Täters“ ist erschienen im Verlag Das Neue Berlin (ISBN 978-3-360-01318-7). Das Buch kostet 12,99 Euro.

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