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Augsburg

08.05.2016

Warum soll eigentlich die Brechtbühne weg?

In der Brechtbühne sind seit 2012 Schauspiel-Inszenierungen zu sehen. Sie sollte ursprünglich für 14 Jahre als Schauspielhaus genutzt werden.
Bild: Silvio Wyszengrad

Die zweite Spielstätte des Augsburger Theaters soll einem Neubau weichen. Viele Bürger können das nicht verstehen. Was spricht für und was gegen einen Abriss? Ein Überblick.

Sie ist Augsburgs Schauspielhaus und sie vermittelt eine besondere Atmosphäre: Wer eine Inszenierung in der Brechtbühne besucht, hört zu jeder Viertelstunde die Glocken der Heilig-Kreuz-Kirche und wenn der Gast am linken Rand der Reihe mit den Beinen wackelt, spürt der am rechten die Erschütterung. Die Brechtbühne ist ein Provisorium – dennoch haben viele sie lieb gewonnen. Im Zuge der Theatersanierung soll sie nun einem Neubau weichen. Die Fakten im Überblick.

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Wie kam es zum Bau der Brechtbühne?

Die Komödie war 65 Jahre die zweite Spielstätte des Theaters. Schon der ehemalige Intendant Ulrich Peters hing nicht an der Bühne in der Altstadt. Er träumte von einem Schauspielhaus in der Nähe des Theaters, der aus finanziellen Gründen nicht zustande kam. Die Komödie wurde im Juli 2010 geschlossen. Das Problem war der Brandschutz; nach Jahren der Kompromisse machte die Feuerwehr nicht mehr mit. 2011 beschloss der Stadtrat, auf dem Mitarbeiter-Parkplatz des Theaters den Neubau eines Provisoriums, anfänglich Container genannt. Der Ort schien allen am sinnvollsten – wegen der Nähe zu Großem Haus und den Werkstätten und wegen der einfachen Verfügbarkeit. Eröffnet wurde die Bühne 2012.

Was hat das Provisorium Brechtbühne gekostet und wie wurde es finanziert?

Inklusive Bühnentechnik kostete die Brechtbühne 6,2 Millionen Euro. Die reinen Baukosten lagen bei etwas mehr als fünf Millionen Euro. Der Freistaat steuerte damals 1,82 Million Euro bei, die Stadtsparkasse Augsburg 1,7 Millionen.

Warum soll die Bühne nun abgerissen werden?

Die Brechtbühne steht an der Stelle, an der nach den Plänen Werkstätten, Verwaltung und eine zweite Spielstätte entstehen sollen. Dieser Neubau wird nach aktueller Planung mit dem Großen Haus verbunden sein. Werkstätten und Bühne des Großen Hauses lägen künftig auf einer Ebene, was die Arbeitsabläufe im Theater erleichtert. Bislang müssen beim Transport von Kulissen große Höhenunterschiede überwunden werden, die Mitarbeiter müssen schwer heben.

Können Werkstätten und Verwaltung nicht um die Brechtbühne herum gebaut werden?

Laut Kulturreferent Weitzel ist ein Umbauen der Brechtbühne nicht möglich, weil damit zu viel Fläche verloren gehen würde. Der Raumbedarf des Theaters ist so groß, dass derzeit mehrere Etagen in die Tiefe geplant wird. Die Brechtbühne, wie sie heute hinter dem Theater steht, könnte aber weder unter- noch überbaut werden. Intendantin Juliane Votteler gibt zu bedenken, dass die Brechtbühne auch nicht genutzt werden könnte, wenn drum herum ein Neubau entsteht. Schon aus Lärmgründen sei dies nicht möglich. Die Kritiker der Sanierungsplanung sehen dies anders. Sie halten eine Umbauung des Schauspiel-Provisoriums für denkbar. Entsprechende Pläne, die diese Annahme untermauern, haben sie bislang nicht vorgelegt. Fraglich ist, welchen Sinn es machen würde, um die Brechtbühne herum zu bauen. Irgendwann wird das Provisorium nicht mehr als Spielstätte tragbar sein. Dann stünde die Stadt wieder vor einem planerischen Problem.

Müssen die Zuschüsse an den Freistaat zurückgezahlt werden, wenn die Brechtbühne abgerissen wird?

Die Stadt geht davon aus, dass dies anteilig der Fall sein wird. Verhandlungen gab es laut Verwaltung aber noch nicht. Die Brechtbühne sollte laut Zuschussvertrag 14 Jahre als Schauspielhaus, weitere elf Jahre als Lager genutzt werden. Wird sie früher zurückgebaut, könnte für jedes Jahr der Nicht-Nutzung eine Rückzahlung fällig werden. Wie hoch sie ausfällt, hängt laut Stadt auch davon ab, ob Teile der Brechtbühne wiederverwendet werden können. „Fest steht, dass die Mehrkosten, die ein Erhalt der Brechtbühne bedeuten würde, die Summe der Rückzahlungen bei Weitem übersteigen würden“, so die Stadt.

Was sagt der Sponsor Stadtsparkasse?

Das Logo der Stadtsparkasse prangt an der Fassade der Brechtbühne. Diese Form des Marketings ist Teil des mehrjährigen Sponsoring-Vertrags, den die Stadt damals mit der Bank ausgehandelt hatte. Die Brechtbühne ist laut Stadtsparkassen-Vorstand Rolf Settelmeier geeignet, auch an anderer Stelle wieder aufgebaut zu werden. Sollte die Theatersanierung kommen und die Brechtbühne weichen, müsse über mögliche Sponsoring-Gegenleistungen verhandelt werden.

Kann die Brechtbühne an anderer Stelle komplett wieder aufgebaut werden?

Die Übergangsspielstätte wurde in Leichtbauweise errichtet; sie ist eine Konstruktion aus Betonfertigteilen. Ein Fundament hat sie nicht. Um nicht in den archäologisch wertvollen Bodenraum einzugreifen, wurde sie auf Bohrpfählen errichtet. Laut Stadt könnte die Brechtbühne zerlegt und an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden. Allerdings wäre dies wohl nicht wirtschaftlich. Wollte man die Brechtbühne umziehen und anderswo wieder als Spielstätte benutzen, würde dies laut Architekturbüro Bestler rund 5,2 Millionen Euro kosten.

Können wenigsten Teile der Brechtbühne umgezogen werden?

Ja, die Brechtbühne war von Anfang an so geplant, dass Teile der Bühnen- und Lüftungstechnik sowie Bühnenboden und Tribüne umgezogen werden können. Die Stadt lässt derzeit prüfen, was tatsächlich weiter genutzt werden kann. Denkbar ist laut Stadt, einige Bestandteile ins Ofenhaus am Gaskessel einzubauen. Dort soll das Schauspiel während der Sanierung eine neue Heimat finden. Auch die markante rote Fassade der Brechtbühne könnte sich dort wiederfinden. Wie viel Ausgaben für die Brechtbühne mit einem Abriss tatsächlich verloren gingen, kann die Stadt derzeit noch nicht beziffern.

Gibt es Alternativen?

Stadt und Theater halten die aktuelle Planung für alternativlos. Die Vorteile eines Neubaus hinter dem Theater lägen auf der Hand. Zum einen erleichtere die Nähe von Spielstätten und Werkstätten die Arbeitsabläufe. Der geplante Multifunktionssaal, der die Brechtbühne ersetzen soll, werde außerdem nicht nur dem Theater, sondern auch anderen Veranstaltern wie freier Szene oder Vereinen zur Verfügung stehen. Sanierungskritiker schlagen unter anderem vor, die zweite Spielstätte für immer am Gaskessel anzusiedeln. Wenn dort fürs Theater schon ein Haus saniert und eines neu gebaut werde, mache es Sinn, beides auch langfristig zu nutzen. Dies hat zwar auch die Stadt vor, nach dem Rückzug des Theaters ist aber daran gedacht, die Räume an andere Veranstalter zu vermieten.

Podiumsdiskussion „Theatersanierung – aber wie?“

Unter diesem Motto veranstaltet die Augsburger Allgemeine eine Podiumsdiskussion mit Sanierungsbefürwortern und -kritikern. Termin ist am Mittwoch, 11. Mai, um 19 Uhr in der Kälberhalle. Auf dem Podium sitzen Intendantin Juliane Votteler, Kulturreferent Thomas Weitzel sowie Peter Bommas und Kurt Idrizovic, beide Initiatoren des Bürgerbegehrens gegen die Sanierung. Moderiert wird der Abend von stellvertretendem Chefredakteur Jürgen Marks sowie Alfred Schmidt, Leiter der Lokalredaktion.

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