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Augsburg

01.02.2019

Was die Beusts mit dem Erotikgeschäft "Orion" alles erleben

Nadine und Carsten Beust betreiben seit rund zwei Jahren den Erotikladen "Orion" am Leonhardsberg.
Bild: Silvio Wyszengrad

Der Hamburger Carsten Beust betreibt in Augsburg das Erotikgeschäft "Orion". Er und seine Frau erleben Kurioses. Auf der Reeperbahn wurde er einst angeschossen.

Wenn ein Kunde auf ärztliches Anraten bei ihm Vibrator „Paul“ kauft, wundert sich Carsten Beust nicht mehr. „Viele benutzen Paul gegen das Karpaltunnelsyndrom.“ Die Vibrationen helfen angeblich bei dem Nervenleiden an der Hand. Außerdem ist Paul apfelgrün und sieht auf dem ersten Blick nicht gleich nach Sexspielzeug aus. Kuriositäten erlebt Carsten Beust, der mit seiner Frau den Erotikfachhandel "Orion" am Leonhardsberg betreibt, immer wieder. Dabei ist der 53-Jährige, der lange Zeit in Hamburg auf St. Pauli ein Sexkino hatte, selbst ein unkonventioneller Mensch.

Das "Ampelpublikum" lässt manch "Orion"-Kunden ins Schwitzen geraten

Die meisten Augsburger kennen den Erotikshop am Leonhardsberg wohl vorwiegend in einer Lebenslage: Nämlich wenn sie dort an der Kreuzung im Stau stehen. Dann mag der ein oder andere Blick zu den Schaukästen wandern, in denen Bilder von Frauen in aufreizender Wäsche zu sehen sind. Die Eingangstür aus Glas verwehrt den Blick ins Ladeninnere. Sie ist mit einer milchigen Folie beklebt - wohl eine Anordnung des städtischen Ordnungsamtes. Genau dieses „Ampelpublikum“ lässt den ein oder anderen Kunden im "Orion" ins Schwitzen geraten, erzählt Carsten Beust grinsend.

„Da kommen zum Teil überreife Menschen zu uns herein, um einzukaufen“, beginnt er. „Aber danach warten sie im Laden an der Tür, bis die Ampel draußen auf Grün schaltet. Erst dann trauen sie sich raus.“ Über solche Szenen kann sich der waschechte Hamburger, der jeden im Laden mit einem fröhlichen „Moin“ begrüßt, köstlich amüsieren. Er sagt: „Der Augsburger ist mindestens genauso versaut wie jeder andere auch. Nur redet er nicht offen darüber.“ Unterschiede zwischen Reeperbahn und Fuggerstadt muss es nun einmal geben.

Carsten Beust ist eine gepflegte Erscheinung. Er könnte genauso gut Porzellanservice verkaufen, bei einer Behörde arbeiten oder Gastronom sein. Hier in dem kleinen Laden stehen er und seine Frau zwischen Regalen und Tischen, die mit DVDs, Zeitschriften, Dessous und allerlei Spielzeug für Erwachsene bestückt sind. Seine halblangen, grauen Haare sind schwungvoll nach hinten gekämmt, er trägt einen sorgfältig gestutzten Bart und unter seiner grauen Strickjacke ein weißes Poloshirt. An der linken Hand steckt ein auffälliger Totenkopfring. „Ein Geschenk meiner Frau“, sagt er stolz und lächelt die 44-jährige Nadine Beust an. Hier, in Augsburg und in dem gemeinsamen Laden führt er freilich ein beschaulicheres Leben als einst in Hamburg auf der Reeperbahn.

Er arbeitete auf dem Kiez bis ihn eine Kugel traf

Zehn Jahre lang, von 1990 bis 2000, hat der gelernte Einzelhandelskaufmann, der sagt, mit Hamburgs einstigem Bürgermeister Ole von Beust entfernt verwandt zu sein, auf dem Kiez gearbeitet. Tagsüber war er in der Möbelbranche tätig. Abends und nachts führte er mit einem Kumpel ein Kino auf St. Pauli in der Nähe der Davidwache. Bis er angeschossen wurde.

„Ich war keine Kiez-Größe“, winkt er lachend ab. „Das war damals vielleicht der Inhaber des Nachtclubs Dollhouse.“ Dennoch habe Beust „seine Leute“ gehabt. „Man musste nur einmal pfeifen und schon waren sie da und halfen.“ In Augsburg sei so etwas unvorstellbar. „Hier bei uns im Laden wurde schon einmal randaliert, aber da hilft dir keiner.“

Auf der Reeperbahn war man trotz vieler Kleinkrimineller und Alkoholiker wie eine große Familie, sagt Beust. „Die Reeperbahn war nie was Schlimmes. Wenn Du nachts Lust auf eine Bulette bekamst, bist du auf den Kiez gegangen.“ Aus seiner Stimme klingt etwas Wehmut. „Aber damals war St. Pauli noch nicht so gefährlich.“ Irgendwann nämlich hätten sich andere Nationalitäten in die Szene gedrängt. Eines Nachts passierte dieser Überfall. Viel erzählt der 53-Jährige darüber nicht.

„Ein Besoffener kam rein. Er schoss mir mit einer Pistole in den Rücken.“ Beust wurde nicht lebensgefährlich verletzt. Aber ab da, meint er, war es mit ihm und St. Pauli vorbei. Seine damalige Frau drängte darauf, wegzugehen. In Augsburg fand er eine Arbeitsstelle - vorerst in der Möbelbranche. Das ist 13 Jahre her. Längst hat Beust seinen Job gewechselt, seit drei Jahren ist er mit Nadine verheiratet. Als die beiden 2017 das Erotikfachgeschäft "Orion" am Leonhardsberg übernahmen, wurden sie mit Problemen konfrontiert, mit denen sie nie gerechnet hätten.

Betreiber von Erotikhandel "Orion": "Die Kunden sind oft dankbar"

„Keine Bank gab uns ein Geschäftskonto“ berichtet Beust. „Es hieß, wir sind ein Schmuddelladen. Letztendlich war die Postbank die einzige, die uns aufnahm.“ Dabei, sagen beide, machen sie doch nichts anderes als jemand, der Brot oder Brötchen verkaufe. Die Eheleute, die derzeit eine Aushilfe suchen, sind völlig zufrieden, wie ihr Geschäft läuft. Der Internethandel, meinen sie, tangiert sie überhaupt nicht. „Die Menschen erkundigen sich zwar im Internet, kommen dann aber zu uns - teils mit langen Einkaufslisten“, erzählt Beust. „Sie wollen die Sachen sehen und anfassen können. Seine offene Hamburger Art komme ihm dabei zu Gute.

„Die Kunden sind oft dankbar, wenn man ihnen die Worte abnimmt, die sie sich nicht auszusprechen trauen.“ Denn der Augsburger an sich, sagt er, sei zwar nett, aber verschlossen. „Als Fischkopf hatte ich in der Stadt anfangs zu kämpfen. Ich bin halt sehr direkt und sage, was ich denke. Viele brauchen, bis sie damit klar kommen.“ Doch die Tür zu ihrem Laden sei wie ein Filter. „Mit den Leuten, die zu uns reinkommen, kannst du dich ordentlich unterhalten.“ Wer denn ihre Kunden sind?

Als sich eine Rentnerin mit Rollator einen "Womanizer" kaufte

Normale Leute in jedem Alter von 18 aufwärts, erzählt er. Viel Stammkundschaft. „Auch die Frauen aus der Hasengasse kommen vorbei. Eine Frau, die in der Nähe wohnt, kauft bei uns zum Beispiel immer Batterien. Ganz unterschiedlich eben.“ Das, wie er sagt, „schärfste Erlebnis“ hatten Beust und seine Frau mit einer Rentnerin im Alter von 84 Jahren. Eines Tages habe ein Krankentransporter vor ihrer Ladentür gehalten.

„Mit Krankenpfleger und Hackenporsche (Rollator, Anm.d.R.) kam sie zu uns herein und kaufte sich einen Womanizer“, erzählt Beust. Womanizer? Er erklärt: „Das ist ein Pulsator. Funktioniert bei jeder Frau - zu hundert Prozent.“ Die Rentnerin habe sogar den mit Totenkopfdesign gekauft. „Sie sagte, dass sie eben auch noch ihre Bedürfnisse hat.“ Carsten und Nadine Beust finden so etwas toll. Es ist doch schön, auch im hohen Alter noch Spaß zu haben, meinen sie.

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