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Friedhöfe

05.01.2020

Was die Stadt Augsburg gegen Grabsteine aus dem Internet hat

Erdbestattungen sind auf Augsburgs Friedhöfen selten geworden. Die meisten Angehörigen scheuen die Arbeit, die ein Grab macht.
Bild: Bernd Hohlen

Menschen trauern heute anders. Das hat Auswirkungen auf eine ganze Branche. Doch die Stadt Augsburg ist nicht mit allen Entwicklungen einverstanden.

Wie sehr sich eine Gesellschaft im Wandel befindet, ist auch daran zu erkennen, wie sie ihre Toten bestattet. Die Veränderungen sind vielfältig, und Kommunen und Kirchengemeinden auch in Augsburg sehen sich veranlasst, ihre Friedhofssatzung der Zeit anzupassen. Und man glaubt es kaum, auch Kinderarbeit hat damit etwas zu tun. Dazu müssen Unternehmen aus der Bestattungsbranche, wie Steinmetze, ebenfalls auf den Trend reagieren.

Der Tod findet keinen rechten Platz mehr in unserer Welt. Zu diesem Ergebnis kommt der Bundesverband Deutscher Steinmetze, der für seine Branche Handlungsbedarf sieht und sich in dieser Annahme durch eine bei der Universität Regensburg in Auftrag gegebenen Studie bestätigt sieht. Das Ergebnis: „Es herrscht Trauerverbot, weil die propagierte Werteskala von Erfolg und Fortschritt geprägt ist.“ Und: „(...) Praktische Erwägungen wie Kostenersparnis und Entlastung bei der Grabpflege stehen heute im Vordergrund.“ Das hat Auswirkungen auf den Beisetzungsritus.

Die meisten Beisetzungen in der Region sind Urnenbestattungen

„Vor dreißig Jahren waren es 90 Prozent Erdbestattungen, heute haben wir mehr Urnenbeisetzungen“, sagt der Obermeister der Steinmetzinnung Nordschwaben und Geschäftsführer des Augsburger Steinmetzbetriebes Brenner, Stefan Maier. Das Umweltreferat der Stadt Augsburg bestätigt dies: „64 Prozent aller Beisetzungen auf den städtischen Friedhöfen sind Urnenbestattungen“. Michael Müller, Geschäftsführer der katholischen Gesamtkirchengemeinde und zuständig für den Hermanfriedhof, schließt sich an: „Urnenbestattungen verursachen weniger Kosten, und die Beisetzung in ein Gemeinschaftsfeld entbindet von den Pflichten der Grabpflege.“

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Auf dem Hermanfriedhof wurde deshalb ein Urnenfeld mit Stelen eingerichtet. Die Grabstelle wird für 15 Jahre erworben und kostet 4750 Euro. Der Trend gehe zu „pflegeleichten“ Bestattungsarten wie Baumbestattungen, Urnennischen, Memoriamgarten oder Urnengemeinschaftsanlagen, wissen Branchenkenner. „Wir lösen mehr Gräber auf, als neue eingerichtet werden. Familien leben heute weit verstreut, was die Grabeinrichtung und Pflege schwieriger macht“, sagt Maier. Kein gutes Geschäft für einen Steinmetz. Zumal wertige Steinarbeiten, auf die Maier nach wie vor setzt und für die er bei der Bundesgartenschau in Heilbronn im vergangenen Jahr mit einer Silbermedaille ausgezeichnet worden ist, teuer sind.

Ein Grabstein kostet bis zu 6000 Euro

Ein individuell gefertigter Stein kostet bis zu 6000 Euro, dazu die Pflegekosten für ein Grab. Das schreckt viele ab. Daher wird nach günstigeren Lösungen gesucht. Nicht selten fragen Kunden bei einer Grabauflösung beim Steinmetz, wie viel sie für den alten Stein noch bekommen. Die Antwort: nichts. Denn der Steinmetz muss den Grabstein in aller Regel entsorgen. Umarbeitungen sind so gut wie unmöglich. Deshalb wird vermehrt nach günstigen Lösungen im Onlinehandel gesucht. Das hat seine Tücken. Vieles, was im Internet günstig erscheint, wird Recherchen nach von Kindern gefertigt. Die Stadt Augsburg verlangt daher einen Nachweis, dass Grabsteine aus dem Netz nicht aus Kinderproduktion stammen, der Hermanfriedhof wird seine Friedhofssatzung ändern.

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

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07.01.2020

"Umarbeitungen sind so gut wie unmöglich" - Aber nur, weil die neuen Steine laut Friedhofssatzung jetzt 2 cm dicker sein müssen - "wegen der Standsicherheit" !!!! Früher wurden wohl dutzende auf den Friedhöfen von umstürzenden Grabsteinen erschlagen ;-)
Aber da soll wohl nur Umsatz generiert werden.

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07.01.2020

Tja das Geschäft mit dem schlechten Gewissen läuft wohl nicht mehr so gut wie früher. Macht ja auch mehr Sinn, sich auf das Leben zu konzentrieren und das Geld für schöne Dinge auszugeben. Ein toter kann sich über einen Marmorblock mit seinem Namen nicht mehr freuen.

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07.01.2020

Haben Sie eine Ahnung. Viele spätere Tote suchen sich zu Lebzeiten noch ihren Stein aus und bestimmen die Gestaltung. ;-)

Ein Grab war immer auch Statussymbol und Renommierobjekt (schauen Sie sich ruhig mal auf den Friedhöfen um). Mag sein, dass das schwindet, obwohl ja so viel vererbt wird wie nie und ein ordentliches Grabmal da immer noch drin sein sollte.

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06.01.2020

"Denn der Steinmetz muss den Grabstein in aller Regel entsorgen. Umarbeitungen sind so gut wie unmöglich." Das stimmt so nicht. Das Umarbeiten von "alten" Grabmalen war schon immer die Arbeit des Steinmetzen, allein schon wegen des Respektes vor dem Naturmaterial. Bis zu dem Zeitpunkt, als der Import von Fertigsteinen aus Fernost billiger wurde und diese Arbeit des hier ansäßigen Steinmetzen im Spiegel dieser importierten Katalog- und Massenware nun für ihn selbst auch ökonomisch nicht mehr als attraktiv angesehen wurde. Importierte Massenware wird nun als "Eigenleistung" des deutschen Steinmetz- und Steinmetzmeisters verkauft. Dabei gibt es Steinmetze, für die ist das Umarbeiten von angeräumten Grabmalen ein alltägliches Geschäft. Denn der Anreiz ist nicht nur die gestalterische Herausforderung, sondern auch die Ressourcenschonung, die geringeren Emissionen von Klimagasen, der Verbleib der Wertschöpfung am Ort der Herstellung und nicht im Handel usw. (edit/kommerzieller Link zu eigener Seite gelöscht/Bitte beachten Sie unsere NUB) . Auch die im Verein Handwerk mit Verantwortung e.V. (www.handwerk-mit-verantwortung.de) organisierten Steinmetze könne hier weiterhelfen.

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06.01.2020

Im Endeffekt ist das alles eine Kostenfrage. Grabsteine werden sich in Zukunft nur noch betuchte Leute leisten können. Alles nur Geschäftemacherei.

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06.01.2020

"Der Tod findet keinen rechten Platz mehr in unserer Welt. Zu diesem Ergebnis kommt der Bundesverband Deutscher Steinmetze, der für seine Branche Handlungsbedarf sieht ..." . . .
Der Steinmetz verdient nicht mehr so viel, das ist seine größte Sorge. Das Geschäft läuft nicht mehr so gut.
Ja tatsächlich, der Mensch trauert heute anders - kümmert sich nicht mehr darum was der Nachbar tut. Die leere Hülle, die seelenlosen Überreste - da genügt ein kleiner Platz auf dem Friedhof.
Meine verstorbenen Angehörigen fühle ich ganz nah bei mir - in seinem / ihrem Lieblingssessel - im Garten - und tatsächlich neben mir als Schutzengel in meinem Auto.
Auf meinem Familiengrab steht ein kleiner Findling mit Inschrift - Findlinge sind die Umrandung - Blumen blühen der Jahreszeit entsprechend.
Wie schon erwähnt: Meine Angehörigen leben in meinem Herzen - und sie waren sparsam - ich bin sparsam . . .

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