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Augsburg

24.10.2018

Was ein Spaziergang durch Lechhausen mit Poesie zu tun hat

Mit amüsanten Episoden aus dem Leben Bert Brechts unterhielt Buchhändler Kurt Idrizovic sein Publikum bei einem Streifzug durch den Stadtteil.
Bild: Michael Hochgemuth

Buchhändler Kurt Idrizovic überrascht selbst Ur-Lechhauser mit unbekannten Stationen bei einem Brecht-Spaziergang durch die ehemalige Vorstadt.

Als „entscheidend“ bezeichnet Kurt Idrizovic das Naturerlebnis. Damals wie heute herrscht an den Ufern des Lech jene „magische“ Stimmung, die Marktsonntagsbesuchern bei einem Spaziergang in die Gefühlswelt des jungen Bert Brechts einzutauchen erlaubt.

Unter den Sohlen der Teilnehmer raschelt das trockene Laub, während sich das Licht in den allmählich dürren Zweigen der Bäume vor blauem Himmel bricht. Ein leises Lüftchen bewegt die Zweige der Baumkronen, von denen die herbstlich sterbenden Blätter auf die Gruppe herabschweben. Gut 60 Interessierte schließen sich am frühen Nachmittag dem Buchhändler aus der Innenstadt an, um ihn erzählen, rezitieren und sogar singen zu hören. Dass sich so viele Menschen für den Rundgang interessieren, sagt der Literatur-Fachmann, habe ihn selbst „total überrascht“.

Ulrichsbrücke: das Gefühl von Heimkommen

Die erste Station ist direkt unter der Lechbrücke am Flößerpark. Hier, im Grenzland zwischen Stadt und Vorstadt, verlassen die Teilnehmer erst einmal die Einkaufsmeile Neuburger Straße und biegen westlich ab in „Brecht-kontaminiertes“ Gebiet. Kurt Idrizovic, selbst ein Ur-Lechhauser, hat immer das Gefühl von Heimkommen, wenn er über die Ulrichsbrücke in den Stadtteil kommt. Dass Lechhausen ein „magischer, gewissermaßen verzauberter Ort“ ist, spüre nur, wer mittendrin steht. Aus der Hegelstraße stammend, lebt er heute im Johann „Baal’schen“ Pfersee. Dort ist es seiner Auskunft nach „auch schön“, aber „nicht das Gleiche“. Das Lebensgefühl an der renaturierten Wertach sei ein völlig anderes als an den Ufern des Lech.

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Video: Silvia Kämpf

 

Eine etwas bessere Infrastruktur würde Lechhausen nach Ansicht von Kurt Idrizovic zur Renaissance verhelfen. Auch er ist der Meinung, dass eine weiterführende Schule – sei es ein Gymnasium oder zumindest eine Realschule – dem Stadtteil gut zu Gesicht stünde. Ansonsten wird beim Brecht-Spaziergang deutlich, dass der Blick zu des Literaten Jugendzeit „nicht nach Osten“, sondern vielmehr in Richtung Westliche Wälder ging. Aus diesem Grund habe man sich auch nie nach Friedberg orientiert. Vielmehr avancierte ein 1925 gegründetes Möbelhaus zum Synonym für die Nachbarkommung: Immer wieder am 8. August – also zum Friedensfest – mache der Augsburger einen Ausflug „zum Segmüller“, nicht nach Friedberg.

Die Spaziergänger von Lechhausen lernen einen Bert Brecht kennen, der „weder sportlich noch sehr mutig“, dafür aber immer politisch und irgendwie rebellisch war. Schön sei er nicht gewesen, eher zart und unsicher, sagt Idrizovic. Umso amüsierter sind die Zuhörer, als sie hören, dass er Marie Rose Ammann, kurz „Rosl“, zum Rendezvous „bestellt“ habe. So lässt sich seine Wirkung auf das weibliche Geschlecht eigentlich nur durch eines erklären: durch „Seine Poesie“, die laut Idrizovic durch eine „unfassbare Qualität“ bestach.

Die Schiffschaukeln sind nicht mehr

„Wenn im Gesträuche kreisend der Wind die Röcke flattern lässt“, neigt sich der Spaziergang nach eineinhalb Stunden am ehemaligen Grünen Kranz dem Ende entgegen. Nach Griesle, Arbeiter-Quartier Lechburg, Birkenau sowie mehreren Liedern aus der „Drei-Groschen-Oper“ schließt sich laut Kurt Idrizovic mit Blick auf den Kirchturm von St. Pankratius der Kreis zu den Seiltänzern und Schiffschaukeln, die in Bertolt Brechts Leben eine ebenso elementare Rolle spielten. Dass heute an der Stelle der Schiffschaukeln längst elektrifizierte Fahrgeschäfte stehen, ist für den Brecht- und Lechhausen-Kenner „schade“. Denn mit den Schiffschaukeln sei dem Stadtteil auch ein Stück Nostalgie verloren gegangen, das auf dem Plärrer gerade wieder aufleben durfte.

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