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Interview

28.03.2017

Was eine Hochdeutschtrainerin zum Augschburger Dialekt sagt

Anne-Marie Nickel bringt Menschen Hochdeutsch bei und vergleicht das mit dem Erlernen einer zweiten Sprache. Den Dialekt, sagt sie, sollten die Menschen dennoch pflegen.
Bild: Annette Zoepf

Hosch, woisch, kosch: Eine zertifizierte Hochdeutschtrainerin vergleicht ihre Übungen mit dem Erlernen einer zweiten Sprache. Was sie zum Augsburger Dialekt sagt.

Frau Nickel, Sie sind eine von derzeit zwei zertifizierten Hochdeutschtrainerinnen in Deutschland. Wie sieht Ihre Arbeit aus?

Anne-Marie Nickel: Ich bin hauptberuflich Logopädin und zudem Stimm- und Sprechcoach. Ich trainiere Stimme und Aussprache, außerdem kann ich den Klienten Hochdeutsch beibringen.

Bedeutet das, dass Sie jemandem den Dialekt abgewöhnen?

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Nickel: Nein. Das wäre schade. Ein Dialekt ist wichtig. Er schafft Verbundenheit zu einer Region und zu Menschen und ist außerdem etwas sehr Persönliches.

Wie gehen Sie dann vor?

Nickel: Wenn jemand einen starken Dialekt spricht, dann lernt er Hochdeutsch als zweite Sprache dazu. Als würde man zur Volkshochschule gehen, um Italienisch zu lernen.

Wer sollte Ihrer Meinung nach Hochdeutsch sprechen können?

Nickel: Eigentlich jeder, der auch außerhalb seiner Heimat klar verstanden werden will. Sprache und Stimme sind sehr entscheidend für die Außenwirkung, also wie man vom Gegenüber wahrgenommen wird. Und das kann man trainieren.

Hochdeutsch ist nicht schwer zu lernen

Ist Hochdeutsch denn schwer zu lernen?

Nickel: Überhaupt nicht. Es ist viel einfacher als ein Dialekt. Der Oberbayer beispielsweise muss seine Mimik extrem überbetonen, um den oberbayerischen Dialekt so zu sprechen. Oder der Sachse. Er verändert stark die Vokale, bildet sie hinten im Rachen. Das Wort „laufen“ wird bei ihm dann zu „loofn“. Manche Wörter klingen leicht verniedlicht. „Tschüssi“ wird „Dschissi“. Die Sprache wirkt dann etwas knödelig. Hochdeutsch zu sprechen ist da wesentlich entspannter.

Wie schnell kann jemand, der starken Dialekt spricht, Hochdeutsch lernen?

Nickel: Das kommt auf die Motivation an und wie viel jemand übt. Aber mit acht bis zehn Trainingseinheiten haben Sie eigentlich einen guten Werkzeugkoffer von mir bekommen. Was Sie daraus machen, bleibt dann Ihnen überlassen.

Wie trainiert man das für sich am besten?

Nickel: Möglichst bitte nicht innerhalb der eigenen Familie oder im Freundeskreis. Da könnte es blöd ankommen und auf Unverständnis stoßen, wenn man plötzlich Hochdeutsch spricht. Suchen sie sich andere Gelegenheiten aus. Beim Einkaufen beim Bäcker oder Metzger zum Beispiel lässt sich das gut üben.

Wie beschreiben Sie das Augsburgerisch?

Nickel: Generell verwenden die Schwaben gerne Sch-Laute. Außerdem wird hier ein ei zum oi. Also Woisch statt weißt. Beim Konsonanten R spricht der Augsburger ein überbetontes rollendes Zungenspitzen-R. ,Gerrschthoufe’ zum Beispiel. Allerdings kann dieses rollende R auch durchaus bleiben. Es ist zwar nicht Hochdeutsch, aber wunderschön.

Der Augsburger verschluckt Wortendungen

Kann man nicht auch Sächsisch wunderschön finden? Gerade dieser Dialekt kommt ja bei vielen nicht so gut an...

Nickel: Es gibt ja diese Beliebtheits-Rankings von Dialekten. Da ist Sächsisch mit sieben Prozent ganz weit hinten. Es gilt als unattraktiv. Das Oberbayerische hingegen strahlt eher Souveränität aus. Man verbindet den Dialekt auch mit dem schönen Bundesland, in dem viele leben wollen. Die Sachsen hingegen leiden zum Teil wirklich selber unter ihrem stark gefärbten Dialekt.

Der Augsburger Kabarettist Silvano Tuiach hat mal den Witz gemacht, dass eine Zunge 80 Gramm wiegt. Die Zunge eines Augsburgers jedoch 160 ...

Nickel: Der Augsburger verschluckt bei seinem Dialekt tatsächlich sehr viel, zumeist Endungen eines Wortes, wie etwa ’hosch, woisch, kosch’. Die Muskulatur wird also durchaus bequemer.

Muskulatur?

Nickel: Beim Sprechen werden über hundert Muskeln bewegt. Sprechen üben ist quasi wie sporteln. Die Kraft und die Lautstärke einer Stimme erreicht man beispielsweise über den Zwerchfellmuskel. Der kann trainiert werden. Bei Stimmproblemen wird die Muskulatur reguliert. Habe ich eine stimmstarke Person vor mir, die beim Sprechen zu viel Druck aufwendet, arbeite ich mit ihr an der richtigen Dosierung.

Eigene Stimme für einen selbst ungewöhnlich

Warum finden viele Menschen ihre eigene Stimme schrecklich, wenn sie diese auf einem Band oder in einer Videoaufnahme hören?

Nickel: Die eigene Stimme klingt für einen selbst ungewöhnlich, weil es nicht viele Momente gibt, in denen man mit ihr konfrontiert wird. Darum ist es für viele Menschen unangenehm, einen Anrufbeantworter zu besprechen. Sobald man so etwas als stressig empfindet, wird aber auch der Stimmklang schlechter. Emotionen sind maßgeblich für die Stimme. Eine gute Freundin etwa hört schnell heraus, wenn es einem nicht gut geht. Stimme ist gleich Stimmung.

Wie bringen Sie als Stimm- und Sprechexpertin Ihre eigene Stimme morgens auf Vordermann?

Nickel: Auf dem Weg zur Arbeit mache ich im Auto Tonübungen. Das heißt, ich höre Musik und summe locker dazu. Dabei werden die Stimmlippen, im Volksmund die Stimmbänder, sanft durchmassiert und der lästige Frosch im Hals baut sich sanft ab. Räuspern hingegen sollte man vermeiden. Das kann auf Dauer die Stimmbänder sogar beschädigen.

Angebot: Was Hochddeutschtrainerin Anne-Marie Nickel an Seminaren und Coachings anbietet, findet man unter www.stimm-sprechcoaching.de.

Lesen Sie dazu auch: Was der Augsburger Comedian Herr Braun zum Augschburger Dialekt sagt  

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