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Augsburger Geschichte

03.01.2020

Was für eine Feier: Als Augsburg zur Großstadt aufstieg

Auf der Postkarte zur Großstadtfeier huldigen antik gekleidete Augsburger der Stadtgöttin Augusta. Die Festzeitung informierte über das Festprogramm im Mai.

Plus Schon 1910 überschritt Augsburg die Grenze von 100.000 Einwohnern. Für die Geschäftswelt und die Touristiker war dies Anlass, eine Großstadtfeier auszurichten.

Die magische Grenze von 100.000 Einwohnern wurde in Augsburg zunächst ganz unbemerkt überschritten. Bei der am 1. Dezember 1910 reichsweit durchgeführten Volkszählung konstatierte man in der Fuggerstadt 102.454 Einwohner, 49.270 davon Männer und 53.184 Frauen. Gegenüber der Volkszählung von 1905 bedeutete dies einen Anstieg um 7,93 Prozent. Der Zuwachs an der Wende zum 20. Jahrhundert geschah dabei aus eigener Kraft, noch vor der Eingemeindung Oberhausens am 1. Januar 1911, wodurch sich die Einwohnerzahl nochmals auf 122.983 erhöhte.

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Damit war Augsburg – als dritte Stadt neben München und Nürnberg – in den kleinen, exklusiven Kreis bayerischer Großstädte aufgerückt. Den Begriff der Großstadt hatte im Jahr 1887 die Internationale Statistikkonferenz, ein Zusammenschluss von bedeutenden Statistikern aus europäischen Regierungen und Hochschulen, festgelegt. Freilich rangierte Augsburg im Vergleich noch an der unteren Grenze dieser Norm. Für München hatte die Zählung 595.053 Einwohner ergeben, für Nürnberg 332.651 Einwohner. Unter den im Jahr 1910 in Deutschland insgesamt ermittelten 47 Großstädten belegte Augsburg den 40. Platz im Kaiserreich – nach Krefeld und vor Plauen.

Die Stadt bezuschusste die Feier mit 1000 Mark

Die „Aufstiegsfeier“ in die Liga der Großstädte fand am Wochenende des 20./21. Mai 1911 statt, organisiert und durchgeführt vom 1891 neu etablierten Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs in Augsburg, genauer gesagt von dessen Spezialkomitee, dem das „Projekt Großstadtfeier“ ein rühriges Betätigungsfeld bot. Die damalige Stadtspitze in Form der Gemeindebevollmächtigten schloss sich diesem Vorhaben nach einigem Zögern an und bezuschusste die Veranstaltung mit einer Spende von 1000 Mark aus dem jährlichen Reservefonds. Zur Finanzierung der Feier druckte man eine Festzeitung in einer Auflage von 30.000 Stück, die zum Preis von 20 Pfennig verkauft wurde. Werbe- und Inseratseiten in dieser Broschüre brachten zusätzlich Geld in die Festkasse. Allein die Firma Kröll & Nill warb darin auf zwei ganzen Seiten für ihr Geschäft.

Was für eine Feier: Als Augsburg zur Großstadt aufstieg
Auf der Postkarte zur Großstadtfeier huldigen antik gekleidete Augsburger der Stadtgöttin Augusta. Die Festzeitung informierte über das Festprogramm im Mai.

Drei Orgelkonzerte in St. Anna, St. Ulrich und in der Barfüßerkirche eröffneten am Samstagvormittag des 20. Mai die Festlichkeiten. Zu den Höhepunkten an diesem Tag zählten die Schauflüge auf dem großen Exerzierplatz durch den „Aviatiker“ Paul Schwandt (1887–1920), der eigens aus Mecklenburg mit dem neuesten deutschen Motorflugzeug, einem Grade-Eindecker, angereist war. Die Vorführung wurde dabei von einem tragischen Unglück überschattet, nachdem die große Zuschauermenge die Einzäunung niedergerissen hatte und auf die Flugbahn geströmt war. Bei der Landung traf ein Propeller den Kopf einer Zuschauerin und verletzte die Frau lebensgefährlich. Keine Probleme bereitete dagegen der Massenaufflug von Militärbrieftauben am Prinzregentenplatz.

Die größte Veranstaltung am Samstagabend fand vor den Ulrichskirchen statt. Drei Musikkorps der in Augsburg stationierten Regimenter sowie der Schwäbische Sängergau mit circa 400 Sängern boten ein eindrucksvolles, buntes Konzertprogramm. Für optische Effekte sorgten sowohl die bengalische Beleuchtung des Ulrichsmünsters als auch die festlich illuminierten Fenster entlang der Maximilianstraße. Zu all dem schwangen etliche Turner im Takt der Musik ihre Fackeln.

Beim Stadtfest gab es einen Blumenkorso

Wer dann noch weiterfeiern wollte, konnte ins Apollotheater zum Operetten-Ensemble vom Hamburger Metropoltheater, zu Streichmusikern im Palasthotel Drei Mohren, zum Maitanz mit Infanteriemusik im Saalbau Herrle, zum Militärkonzert im Schießgrabensaal oder in drei Kinematographentheatern mit ausgewählten Großstadtfeier-Programmen. Nicht fehlen durfte der bei Stadtfesten so beliebte Blumenkorso, der sich aus Automobilen, Pferdegespannen, Radfahrern und einem Trachtenverein zusammensetzte und am Sonntagnachmittag durch die Straßen der Innenstadt zog. Ein Anreiz zur regen Beteiligung waren die ausgeschriebenen wertvollen Ehrenpreise.

Das Stadttheater trug zu den Feierlichkeiten mit einem Matineekonzert am Sonntag bei, das kein geringerer als Richard Wagners einziger Sohn Siegfried Wagner (1869-1930) dirigierte. Es wirkten die Augsburger Liedertafel mit einem „bedeutenden“ Solisten sowie das Tonkünstler-Orchester München mit.

Das Stadtgartenfest am Sonntagabend bildete den Abschluss der Feierlichkeiten. Nach dem Operettenkonzert des Münchner Tonkünstlervereins verzauberte der Pyrotechniker Johann Baptist Sauer (1871-1934) den Himmel über Augsburg unter anderem mit dem Stadtwappen, der Zirbelnuss.

Höhepunkt: ein Schaufensterwettbewerb

Der eigentliche Höhepunkt war aus Sicht der Veranstalter aber ein Schaufensterwettbewerb, laut Ankündigung der erste in Bayern überhaupt. Dieser sollte Besucher und potenzielle Kunden in die Stadt locken. Bereits am 21. April fand zur Vorbereitung im Café Maximilian ein Lichtbildervortrag des „Ersten Leipziger Spezialinstituts künstlicher Dekorationen“ statt. Die Begeisterung für den Schaufensterwettbewerb dürfte auch der Zusammensetzung des Komitees geschuldet sein: Unter den 14 Mitgliedern waren neben den Architekten Jean Keller (1844-1921) und Walter Krauß (1873-1951) lediglich Geschäftsleute. „Die beste Lösung wird dasjenige Fenster darstellen, welches bei geschmacklich vollendeter Anordnung die kaufmännisch zweckmäßigste Dekoration darbietet“, stand in der Ausschreibung zu lesen.

Die Parfümerie Naegele, damals noch in der Steingasse, setzte dem Motto gemäß bei ihrer Dekoration ganz auf die Farben Lila und Weiß. „Außer den zur Dekoration notwendigen Hilfsmitteln“ durften dabei nur Waren des eigenen Geschäfts verwendet werden. Insgesamt 63 Firmen beteiligten sich an diesem Wettbewerb, weitere 15 schmückten ihre Auslagen außer Konkurrenz. Darunter auch der Hofjuwelier Karl Franz Schmedding (1867-1928), selbst Mitglied des Komitees, der einen Augustusbrunnen in Silber im Schaufenster ausstellte. Dieser Tischbrunnen ist heute noch erhalten und in den Kunstsammlungen im Schaezlerpalais zu besichtigen.

Euphorische Resonanz in der Presse

Augsburgs neue Größe erzeugte auch in der Presse euphorische Resonanz. „Augsburg war einmal eine Großstadt. Und Augsburg wird wieder einmal eine Großstadt werden. Denn so steht es geschrieben in dem Buch der ewigen Naturgesetze und in der Verheißung der Väter.“ Diesen optimistischen Blick – in Retrospektive auf Augsburgs antike Blütezeit und mit Blick auf die Tagesereignisse – formulierten beispielsweise die Augsburger Neuesten Nachrichten am 23. Mai 1911. Für die Vossische Zeitung in Berlin berichtete ein Münchner Korrespondent am 28. Mai, die letzte Volkszählung habe von den Augsburgern nun endlich das „Odium der Provinzialen“ genommen – alles Biedere, das man noch der alten, reichsstädtischen Ära zuschrieb.

Das 20. Jahrhundert brachte der Stadt in ungeahnter Geschwindigkeit neue Rekorde. Nach den Angaben im „Statistischen Jahrbuch der Stadt Augsburg“, das seit September 1954 regelmäßig herausgegeben wurde, lebten zum 31.12.1954 200.064 Einwohner in Augsburg. Demnach war zu diesem Zeitpunkt die 200.000-Marke bereits überschritten. Rückblickend wurde danach Ulrich Karl-Heinz Steidle zum 200.000. Einwohner erklärt. Die kontinuierlich ansteigende Bevölkerungszahl Augsburgs seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte verschiedene Ursachen. Neben dem regelmäßigen statistischen Geburtenüberschuss war vor allem eine starke „Binnenwanderung“ zu konstatieren, die in den Jahren unmittelbar nach Kriegsende einen Höhepunkt aufwies. In den Jahren 1946 bis 1954 hatte die Stadt weit über 60.000 Neuankömmlinge zu verzeichnen. Parallel dazu wurde in diesen Jahren auch das Wirtschaftswunder mit dem Anstieg der Arbeitsplätze in Augsburg greifbar.

Mit dem nun konstatierten 300.000. Einwohner hat sich die Bevölkerungszahl in knapp 110 Jahren verdreifacht. Augsburg erreicht im deutschlandweiten Ranking inzwischen den 23. Platz und darf künftig als „Große Großstadt“ bezeichnet werden.

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