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Augsburg

19.10.2014

Was ist los im Seniorenheim Lechrain?

Pflegerin und Heimbewohner: Insgesamt seien die städtischen Senioreneinrichtungen kein Pflegefall, sagt Sozialreferent Stefan Kiefer aus aktuellem Anlass.
Bild: Gina Sanders – fotolia.com

Angebliche Pflegemissstände beschäftigen die Staatsanwaltschaft. Die Stadt will die Ermittlungen unterstützen. Warum der Sozialreferent aber vor schnellen Urteilen warnt.

Die Stadt will die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft im Seniorenheim Lechrain in vollem Umfang unterstützen. Das sicherte gestern Sozialreferent Stefan Kiefer (SPD) zu. „Wenn Bewohner in einer Senioreneinrichtung unmenschlich behandelt werden, ist das inakzeptabel“, sagte er. Bisher hätten sich die erhobenen Vorwürfe aber noch nicht bestätigt. Ermittelt wird wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung durch unzureichende Pflege.

Hedwig Deisenhofer, 76, hatte die Ermittlungen ins Rollen gebracht und unserer Redaktion das Schicksal ihres Mannes geschildert. Danach musste der demente 87-Jährige im Seniorenheim in Lechhausen stundenlang urindurchnässt in seinem Rollstuhl sitzen, weil Pflegekräfte sich weigerten, ihn auf die Toilette zu bringen. Trotz seiner schweren Rückenverletzung sei er auch unsachgemäß ins Bett gehievt worden.

In einer Pressekonferenz zu den Ermittlungen sagte Kiefer, die Stadt werde alles für eine rückhaltlose Aufklärung der Vorwürfe tun. Sollten sich die Ereignisse so abgespielt haben, verstoße dies gegen das Leitbild der städtischen Altenhilfe, fürsorglich und verantwortungsvoll mit Bewohnern von Seniorenheimen umzugehen. Gleichzeitig betont Kiefer mit Blick auf die Mitarbeiter im Lechrain, dass auch in diesem Fall die Unschuldsvermutung gelten müsse, solange die Vorwürfe nicht bewiesen seien. Derzeit werde nur „gegen Unbekannt“ ermittelt.

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Bislang sei kein konkretes Fehlverhalten nachgewiesen worden, sagte auch die Werkleiterin der städtischen Altenhilfe, Susanne Greger. Sie zeigt sich verwundert, dass Hedwig Deisenhofer nun zur Polizei ging, obwohl sich die zuständigen Mitarbeiter der Altenhilfe bereits seit Anfang September um ihre Beschwerden gekümmert hätten. Eine hausinterne Untersuchung zu den beanstandeten Pflegemängeln habe zum frühestmöglichen Zeitpunkt stattgefunden. Auch eine betriebsinterne Prüfung der Pflegequalität habe keine Beanstandungen ergeben. Ohne dass „belastbare Beweise“ vorgelegen hätten, seien jedoch Maßnahmen in die Wege geleitet worden.

Unter anderem gab es eine Zielvereinbarung, dass der 87-Jährige viermal am Tag „und bei Bedarf“ auf die Toilette geführt werden muss. Warum so eine Zielvereinbarung überhaupt nötig ist? Ein Problem sei, dass Demente nicht steuern können, wann sie auf die Toilette müssen, sagt Greger.

Als ihr Mann wieder extrem nass war, ging sie zur Polizei

Hedwig Deisenhofer bleibt unterdessen bei ihren Vorwürfen. „Seit September hat sich nichts gebessert“, sagt sie. Sie selbst schämte sich schließlich wegen ihrer regelmäßigen Beschwerden bei der Heimleitung. Als ihr Mann wieder extrem nass war, ging sie zur Polizei. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft stehen die Ermittlungen derzeit am Anfang. Bei einer Durchsuchung des Heimes Ende September war umfangreiches Beweismaterial sichergestellt worden. Das wird jetzt ausgewertet. „Es wird sicher Wochen dauern“, sagt Matthias Nickolai, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Sozialreferent Kiefer spricht vom „Fall Deisenhofer“ als einem bedauerlichen Einzelfall. Er zeigte sich besorgt, dass der Ruf der städtischen Altenhilfe dadurch Schaden nehmen könnte. Dabei seien die städtischen Senioreneinrichtungen insgesamt kein Pflegefall. Pro Augsburg fordert, einen „Patientenanwalt“ als neutralen Ansprechpartner bei Beschwerden einzuführen. Konsequenzen müssten nicht auf der Ebene „kleiner Pflegekräfte“ gezogen werden, sondern bei den Verantwortlichen.

Bei der Pressekonferenz wurde deutlich, dass es beim Aufbau des Lechrain erheblich knirscht. Seit das Seniorenzentrum im Juni 2013 in Betrieb ging, gab es einen sehr starken Personalwechsel in der Pflege. Jeder dritte Mitarbeiter wurde ausgetauscht. In der Aufbauphase sei das normal, meinte Greger. Allerdings wurde zum Jahreswechsel 2013/14 auch die Pflegedienstleitung ausgetauscht, und zuletzt im September noch die Heimleitung. Offenkundig war man in dem Seniorenheim, in dem zu 70 Prozent Demente leben, vorübergehend auch mit den Neuzugängen in der Kurzzeitpflege überfordert. Deshalb wurde die Aufnahme drei Monate lang bis 31. August eingeschränkt. „Wir arbeiten seit der Inbetriebnahme kontinuierlich an einer Verbesserung“, sagt Greger. Im Lechrain werde 20 Prozent mehr Personal vorgehalten als der Pflegeschlüsse vorsehe. Kiefer verweist auch auf eine neue Vereinbarung. Danach bekommt die Altenhilfe insgesamt mehr Spielraum, um schneller und flexibler Personal einzustellen.

Finanziell dürfte das Lechrain bis auf Weiteres ein Sorgenkind der städtischen Altenhilfe bleiben. Es ist das Heim mit dem größten Defizit und mit momentan 100 Bewohnern noch weit weg von einer wirtschaftlichen Auslastung. Weil eine zunächst geplante Umsiedlung von Hochbetagten aus dem Anna-Hintermayr-Stift aus politischen Gründen abgeblasen wurde und in Augsburg ein Überangebot von Pflegeplätzen besteht, wird das Seniorenheim wohl noch länger in den roten Zahlen bleiben. Aus heutiger Sicht hätte das Lechrain nicht gebaut werden dürfen, so Kiefer.

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