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18.06.2017

Was ist uns die Natur?

Der Mensch liebt, der Mensch fürchtet die Natur.
Bild: robert, fotolia

Serie Das Verhältnis des Menschen zur Umwelt ist vielfältig: emotional und wissenschaftlich, wirtschaftlich und religiös. Die darin liegenden Widersprüche werden sich künftig noch fatal verschärfen. Oder aber: lösen! Eine Provokation

Von der Ferne betrachtet ist das Verhältnis eindeutig. Der Mensch ist der große Umgestalter der Natur. Es gibt praktisch keinen Flecken auf der Erdoberfläche mehr, auf dem seine Einflüsse keine Spuren hinterlassen hätten. Und auch um den Planeten herum kreisen und in den Untiefen der Tiefsee liegen die Zeugnisse seines Wirkens. Einige Wissenschaftler sprechen darum bereits vom „Anthropozän“, dem ersten Erdzeitalter also, das aufgrund folgenreicher Dominanz einer einzelnen Spezies benannt werden sollte, nach dem Menschen.

Je näher man an ihn herangeht, desto vielfältiger wird das Bild. Er spaziert durch die Natur, um zur Ruhe zu kommen; er setzt sich ihr surfend, kletternd, fliegend als Sportler und Abenteurer aus; er studiert sie als Forscher; er imitiert sie, versucht sie zu übertreffen und selbst zu gestalten als Ingenieur; er verehrt sie als Dichter; er nutzt ihre Ressourcen als Konsument; liebt sie in seinen Mitgeschöpfen und fürchtet sie in ihren Extremen – vom Virus bis zum Vulkanausbruch …

Und in vielen dieser Verhältnisse wird der Mensch selbst immer extremer. Nicht nur dadurch, weil es immer mehr Exemplare seiner Art gibt. Und nicht nur, weil er die Natur im Zuge seiner fortschreitenden Entwicklung immer mehr beherrschen kann – und das, was er nicht kontrollieren kann, wohl umso verunsichernder wirkt. Sondern, weil sich etwas Entscheidendes zwischen Mensch und Natur verändert hat. Sie ist ihm zum Mittel geworden. Sie gibt ihm Auskunft auf die Frage: Was ist der Mensch?

Die vorherrschende Antwort darauf liefert ihm nicht zufällig die Naturwissenschaft. Mit den sich ständig weitenden Instrumentarien von Physik, Chemie und Biologie hat der Mensch seine Umwelt lesbar gemacht. Unsere Urahnen mögen noch versucht haben, all das Unverständliche, das Bedrohliche, das Fremde an der Natur durch Magie zu bannen. Und später machten unsere Vorfahren daraus Erzählungen, Religionen – mit einem wundersamen Effekt: Der Mensch war nun nicht mehr nur Teil der Natur, sondern ihr auch ein Gegenüber, etwas anderes, vom Übernatürlichen kommend. So prägte sich ein menschlicher Gegenbegriff zur Natur heraus, die Kultur. Ein eigenes Fortschreiten, außerhalb der Kreisläufe der Natur, eine Geistes- statt einer Naturgeschichte, mit ganz eigenen, neuen Zeugnissen dieses Fortschritts, der Zivilisation.

Heute jedoch erscheint die Trennung des Kulturwesens Mensch von der Natur wieder aufgehoben. Und zwar in der Wissenschaft. Darin nämlich wendet der Mensch jenes Instrumentarium, das er an der Erforschung der Natur entwickelt hat und weiter schärft, nun genauso auf sich selbst an. Was sich aus dem einstigen Dunklen und Fremden über die Magie und die Religion zu den Grundzügen der Kultur entwickelt hat – der freie Geist und das schöpferische Denken –, das soll nun lesbar werden, erklärbar wie die Strömungen des Meeres, das Zerfallen eines Atoms. Und damit auch das Bedrohliche am Menschsein selbst, die Krankheit, das Altern, das Sterben – alles eine Frage der Daten. Noch mögen die Instrumentarien nicht hinreichen, die Lesekapazitäten nicht genügen, die Modelle nicht ausgefeilt genug sein. Aber es scheint im Grunde nur noch eine Frage der Zeit. Und wenn ihn die in der Zwischenzeit entstandene Umgestaltung der Erde nicht bremst, zurückwirft oder gar tilgt, kann der wieder Natur gewordene Mensch sich und diese Natur fortan bewusst gestalten. Er lernt an seinem wissenschaftlichen Daten-Modell, immer mehr für möglich zu halten. Die Natur ist ihm zum Mittel geworden, und in ihrem Spiegel er sich selbst ebenso. Aber zu welchem Zweck dann noch?

Es ist der Versuch, alles noch nicht Kontrollierbare zu beherrschen und den Rest an Dunklem und Bedrohlichem aus der Natur zu tilgen. Sich selbst immer weiter zu optimieren und die Erde zu heilen. Daran wird längst geforscht. Hätten wir durch die Verwirklichung etwas Wesentliches verloren?

Das Paradoxe ist: Wer den Menschen als Natur ansieht, könnte ja immer noch als Romantiker durch die Natur flanieren – die dann ja auch als durch ihn gezähmte noch natürlich wäre. Und wer vermisste schon die Härten der Wildnis und die plötzlichen Extreme, die überall und jederzeit den Tod bringen können? Wir könnten uns währenddessen doch weiter in noch abenteuerlicheren Herausforderungen zu Lande, zu Wasser und in der Luft beweisen. Der Konsument könnte frei vor seinem Gewissen stehen. Und selbst für den Gläubigen würde vieles bleiben – sicher mehr als bislang überhaupt vorstellbar –, wenn der Mensch erst noch tiefer in die Komplexität des Lebens vorgedrungen ist. Ja, Wunder. Wunder der Natur, lesbar gemacht, und dann für die Natur wiederum nutzbar gemacht.

Hört sich das nach Apokalypse an, die sonst gerne mit Feldern wie der Genforschung assoziiert wird? Felder, von deren Errungenschaften der Mensch ohnehin heute schon alltäglich profitiert, es nur als moralisch fragwürdig ansieht – und Fortschritte, ohne deren Errungenschaften gegenwärtige Probleme wie die Ernährung der Welt längst nicht mehr zu lösen sind. Ist unsere Angst vor all dem nicht reaktionär?

Weil sie schlicht alle noch nicht vorstellbaren Veränderungen hysterisch düster zeichnet und bei Unsicherheiten lieber sehnsüchtig zurück als visionär nach vorne blickt?

Aber wäre ein Zurück denn möglich? Oder scheint uns diese gegenwärtige Welt, zaudernd auf der Schwelle, so bewahrenswert? Sicher, das Gelingen ist ungewiss. Und wahrscheinlich werden wir die Entscheidung darüber ohnehin nicht mehr erleben. Aber spätestens die Welt unserer Kindeskinder könnte von einem Verständnis der Natur geprägt sein, das in den jetzigen Entwicklungen wurzelt. Sie werden die Natur womöglich auf ganz neue Art als ihre Heimat und ihr Schicksal begreifen.

Heute, am Beginn des Anthropozäns, denken wir: Die Natur braucht uns nicht, sie wird auch ohne den Menschen, wahrscheinlich befreit, fortleben – allerdings sind wir auf sie angewiesen!

Was aber, wenn diese Trennung wegfiele und unsere Nachfahren dächten: Wir brauchen all ihre Wunder für den Fortschritt – und den wiederum braucht die Erde für ihre Heilung? Im Weg stünde wohl nur noch, dass der Mensch mit einem Teil der Natur am wenigsten sein Auskommen findet: dem Dunklen im Menschen selbst.

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