1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Was mit den Brunnenfiguren während des Krieges passierte

Augsburger Geschichte

10.04.2019

Was mit den Brunnenfiguren während des Krieges passierte

Copy%20of%20Brunnen-Bronzen_1.tif
3 Bilder
Am 22. März 1950 war Herkules aus dem Exil zurückgekehrt. Den Hintergrund bildete die Ruine des Hotels „Drei Mohren“.
Bild: Sammlung Häußler

Augustus, Herkules, Merkur und Neptun wurden zwischen 1940 und 1943 verwahrt. Dafür gab es zwei ganz unterschiedliche Gründe.

Der Zweite Weltkrieg brachte Augsburgs Brunnenfiguren „auf Wanderschaft“. Mit Ausnahme des Bronzeritters St. Georg wurden sie zwischen 1940 und 1943 von ihren Sockeln gehoben. Dafür gab es zwei ganz unterschiedliche Gründe: Wenige Monate nach Kriegsbeginn wurden Augustus, Herkules und Merkur als unersetzliche Kulturgüter eingestuft. Sie sollten nicht Opfer feindlicher Bomben werden, deshalb wurden sie im Februar und März 1940 von ihren Sockeln gehoben. Als sichere Verwahrorte wurden die Klöster Ottobeuren und Roggenburg sowie das Schlossgut Mergenthau angesehen.

Der bronzene Neptun vom Jakobsplatz verschwand erst am 7. Juli 1942. Geplante Rückkehr aller Kunstbronzen: nach dem „Endsieg“. Warum St. Georg auf dem Metzgplatz verblieb, ist nicht überliefert. Dort überlebte er den Luftkrieg. Auch Hans Jakob Fugger vor dem Maximilianmuseum wurde nicht entfernt. St. Michael am Zeughaus bekam 1940 einen hölzernen Splitterschutz. Diese „Einhausung“ erschien nach drei Bombenangriffen im Jahr 1940 als zu unsicher, sodass am 16. September 1941 die Figurengruppe abgenommen wurde. Sie kehrte im November 1947 an die Zeughaus-Fassade zurück.

Kulturfrevel für die Rüstungsindustrie

Ein Wiedersehen mit dem Prinzregenten, dem Bub vom Kesterbrunnen und dem Goldschmiede-gesellen vom Martin-Luther-Platz und einigen modernen Brunnen-Bronzen war nicht vorgesehen. Sie sollten 1943 eingeschmolzen werden. Der Grund für diesen vom NS-Staat verordneten Kulturfrevel: Der Rüstungsindustrie mangelte es bereits kurz nach Kriegsbeginn an Metallnachschub.

CR Newsletter.jpg

Im April 1940 riefen Zeitungen erstmals zu „Führers Geburtstag“ zur „Metallspende des deutschen Volkes“ auf. Metallgegenstände aller Art waren gefragt. Überzeugte Nationalsozialisten lieferten zum Teil wertvolle Zinnteller und Zinnkrüge, Kupfersiebe, Schöpflöffel, Kerzenhalter und alte Münzen ab. Andere fügten sich dem persönlichen Druck und brachten entbehrliche Gegenstände zu den Metallsammelstellen der NS-Ortsgruppen. Solche Abgabeaktionen wiederholten sich im Verlauf des Krieges.

Im August 1943 wurden deutsche Städte zur „Denkmalsablieferung zur Verstärkung der Metallreserve“ aufgerufen. Selbstverständlich war die NS-Stadtregierung in Augsburg dazu bereit. Am 27. August 1943 wurde der Knabe vom Kesterbrunnen vom Sockel gehoben. Der schwergewichtige Prinzregent und vier kleinere Bronzeplastiken aus dem 20. Jahrhundert verschwanden ohne großes Aufsehen und wurden nach Hamburg transportiert. Auch der Löwe auf der Säule des alten Kriegerdenkmals von Lechhausen wurde abgenommen. Diese Metallgüsse fielen in die Kategorie „historisch und künstlerisch nicht wertvoll“. Wie 45000 Kirchenglocken sollten sie eingeschmolzen werden.

Merkur kehrte als erster zurück

16000 Glocken waren bei Kriegsende noch nicht in Hochöfen gelandet. Sie lagerten auf dem als „Glockenfriedhof“ berühmt gewordenen Gelände der Norddeutschen Affinerie in Hamburg-Veddel. 1945 waren dort neben den unverhütteten Glocken viele der 1943 als „Metallreserve“ abgelieferten Kunstgegenstände deponiert. Dies wurde in Augsburg erst Anfang 1950 bekannt. Von den sicher verwahrten Kunstbrunnen wurde im Juli 1947 Merkur als erster „Rückkehrer“ auf seinen Brunnen gehievt. Am 9. September 1947 berichtete die Schwäbische Landeszeitung über die anderen aus den Verwahrorten heimgebrachten Bronzefiguren. „Der Prinzregent, der Goldschmiedegeselle und der Bub vom Kesterbrunnen sind vermutlich eingeschmolzen“, hieß es 1947 noch. 1950 konnte dann eine „Suchkommission“ nach Hamburg reisen, um dort Ablieferungsgut aus Augsburg zu identifizieren. Der Prinzregent, der Goldschmied, der Jüngling vom Kesterbrunnen, die 1928 von Fritz Beck modellierten Nymphen und das von Fritz Koelle 1922 geschaffene schlanke Mädchen hatten auf dem „Glockenfriedhof“ in Hamburg den Krieg überstanden! Der bronzene Bub mit der großen Trommel von einem Trinkbrunnen beim Roten Tor blieb unauffindbar, auch der Löwe vom Lechhauser Kriegerdenkmal fehlte.

Die Verhandlungen über eine Rückführung zogen sich hin. Anfang Juli 1950 einigten sich die Stadt Augsburg und die Norddeutsche Affinerie über den Rückkauf zum Metallwert. Für 1792 Kilogramm Bronze bezahlte die Stadt 3500 Mark.

Am Friedensfest, 8. August 1950, trafen die fünf Brunnenfiguren in Augsburg ein. Nach Behebung leichter Schäden hob am 31. August 1950 die Feuerwehr den Goldschmiedegesellen auf seinen Brunnen auf dem Martin-Luther-Platz und den Bronzeknaben auf das sieben Jahre verwaiste Podest an der Schießgrabenstraße. Am 26. September kehrte der 866 Kilo schwere Prinzregent am Kranhaken auf den sieben Jahre leeren Sockel zurück. Herkules stand seit 22. März 1950 über seinem Brunnen. Am 15. September 1950 folgte Augustus. Die Rückkehr der jahrelang sicher verwahrten und der verloren geglaubten Brunnenbronzen wurde vom 30. September bis 15. Oktober 1950 mit einem Weinfest am Augustusbrunnen gefeiert. Dabei floss aus einer Leitung am Brunnenbecken Wein: Rund 50000 Liter aus Ruppertsberg (Pfalz) wurden getrunken.

Plastik kam als Totalschaden in die Akten der Denkmalpflege

Erst 1953 war Fritz Koelles zartes Mädchen wieder zu sehen, und zwar in der neu gestalteten Grünanlage am Roten Torwall. 49 Jahre lang stand es dort. Am 22. Mai 2002 wurde es entfernt und von den Kunstsammlungen eingelagert. Die Plastik war derart beschädigt, dass sie in den Akten der Denkmalpflege als „wirtschaftlicher Totalschaden durch Vandalismus“ verzeichnet ist. Das Bronzemädchen konnte restauriert werden. Ungeschützt wollte man es nicht mehr im Freien zeigen, doch es fand sich ein Platz im verschließbaren Brunnenmeisterhof bei den Wassertürmen am Roten Tor.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie unter www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Unfall Ampel Augsburg.jpg
Augsburg

Illegales Auto-Rennen? Auto rast in Tram-Haltestelle und zerlegt Ampel

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser Morgen-Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen