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Kino

06.02.2015

„Was zählt, sind Geld und Macht“

Auf brachliegendem Gelände soll ein Einkaufszentrum entstehen, aber die Bürger wehren sich dagegen. Die Filmemacherin Anna Ditges dokumentierte die Planungen und den Widerstand und zeigte ihren Film jetzt in Augsburg.
Bild: agt

Eine Langzeitdokumentation über ein riesiges Bauprojekt und was es mit den Menschen macht

Dom, WDR-Turm, Nebel. Schnitt. Langsam zieht die Kamera aus dem Zoom über die Dächer des Kölner Stadtteils Ehrenfeld. Im gemütlich-schmuddeligen Biergarten tummeln sich Bewohner auf Sitzkissen. Schnitt. Graue Anzugträger vor einem Modell des Veedels (Viertels). Im Herzen Ehrenfelds, auf dem 150 Jahre alten Gelände der ehemaligen Elektrofabrik Helios AG soll ein Shopping Center entstehen. „Wir nehmen die Bau-, Grundstücks- und andere Kosten und entwickeln das Projekt, fertig. Das ist mit allen Verwaltungsstellen abgesprochen“, erklärt der eine Anzugträger forsch. Und dann kommt alles anders.

Zwei Jahre lang begleitete die Filmemacherin Anna Ditges den Widerstand der Bürger, die mühsame Einigung auf Alternativen. Geschickt und humorvoll bohrte sie die Kommunikations- und Entscheidungsprozesse rund um das 30000 Quadratmeter große Bauvorhaben auf. Zur Preview ihrer Langzeitdokumentation „Wem gehört die Stadt – Bürger in Bewegung“ strömten 150 Besucher ins Thalia Kino. Die Langzeitdokumentation präsentierte das Architekturforum Augsburg zusammen mit den Kinobetreibern.

Ditges beobachtet die Investoren beim Golfspielen, zeigt den agilen Bürgermeister hinter seinem Schreibtisch und befragt die hoheitlich distanzierten, später überforderten Verwaltungsexperten. Und sie lässt die Ehrenfelder zu Wort kommen, die sich in ihren Wohnzimmern, Werkstätten, kleinen Supermärkten und Kebabläden seit 50 Jahren rund um den alten Leuchtturm, das Wahrzeichen des Heliosgeländes, ihre Heimat aufgebaut haben. Einer bringt es auf den Punkt: „Irgendwelche Leute machen hier was ohne mich und mir bleibt nur Ärgern. Was zählt, sind Geld und Macht.“

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Aus der individuellen Empörung über die Händel zwischen Investor und Verwaltung wachsen eine kreative Bürgerinitiative und schließlich ein Dialog zwischen allen Beteiligten. In Arbeitskreisen organisieren sich Architekten, die ein alternatives Modell erarbeiten, Einzelhändler, die sich vernetzen, Bürger, die mit „belebtes Veedel“ nicht den Krach vom Parkplatz meinen.

Inzwischen hat die Stadt dem Investor einen Teil des Baulandes abgekauft, die Shoppingmall wird nicht gebaut, erzählt die Regisseurin im Gespräch. Eine Schule soll entstehen. „Aber das ist nicht alles“, erklärt Ditges, die selbst in Ehrenfeld wohnt. „Freundschaften sind entstanden, die Identifizierung mit dem Viertel ist stärker als je zuvor.“

Und weil sie weiß, dass Investoren und gigantische Bauprojekte in vielen Städten die fachmännische, bürgerorientierte Stadtplanung ersetzen, verzichtete Anna Ditges in ihrem Film auf Bauchbinder, also die eingeblendeten Angaben zu Namen und Funktion der sprechenden Personen. Denn Ehrenfeld kann überall sein.

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