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Gesellschaft

16.06.2011

Wenn Gastarbeiter altern

Die Pflege steht vor neuen Herausforderungen. Pilotprojekt für Türken im Herrenbach

Sie sind nicht gekommen, um zu bleiben. Doch nach 50 Jahren sind viele ehemalige Gastarbeiter längst im Renten- und sogar im pflegebedürftigen Alter. Das stellt die Altenpflege vor Herausforderungen. Sie muss sich auf alte Menschen einstellen, die die Sprache nicht gut beherrschen, die andere religiöse Regeln befolgen, andere Essgewohnheiten, andere Vorstellungen von Scham haben. Und die sich mit dem deutschen Pflegesystem nicht auskennen.

Augsburg, die Stadt mit einem der höchsten Migrantenanteile Deutschlands, hat ein bayernweites Pilotprojekt für diese Gruppe gestartet, das „Interkulturelle Netz Altenhilfe“. Es soll Senioren, die nicht aus Deutschland stammen, mit dem hiesigen Altenpflegesystem vertraut machen. Außerdem soll es deren pflegende Angehörige unterstützen, indem es sie untereinander vernetzt und Kontakte zu Behörden und Institutionen herstellt.

Es richtet sich vor allem an Türken. Dort gibt es – im Gegensatz zum russischsprachigen Bereich, wo sich viele ambulante Pflegedienste etabliert haben – bislang kaum eigene Organisationsstrukturen in der Altenpflege. Gleichzeitig stehen die traditionell engen Verbünde türkischer Familien heute vor den Herausforderungen der modernen Arbeitswelt und in der Folge der Organisation der häuslichen Pflege.

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Mit ihren Kolleginnen Helga Rasehorn und Nurten Sertkaya kann Projektleiterin Nimet Oswald im Herrenbach, wo das Projekt angesiedelt ist, schon Erfolge verzeichnen. Auslöser waren unter anderem Schwierigkeiten der Stadt Augsburg, Informationen über Pflege von Demenzkranken in die türkische Stadtbevölkerung hineinzutragen. Oswald erklärt: „Mit Flyern im Briefkasten kommt man da nicht weit. Dieser Teil der Bevölkerung ist nicht gewohnt, dass man sich für ihn interessiert und so mussten wir andere Wege finden.“

Der entscheidende Vorschlag, der schließlich zum Projekt „Interkulturelles Netz Altenhilfe“ führte, kam vom Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Eckard Rasehorn. Der Ansatz: In der türkischen Bevölkerungsgruppe verankerte Multiplikatoren führen die Menschen über informelle Veranstaltungen an die Informationen heran. Projektleiterin Oswald und ihre Mitarbeiterin Sertkaya haben türkische Wurzeln, beherrschen die Sprache und finden so leichter Zugang zu den Menschen.

Im Oktober installierten sie einen Frühstückstreff für Senioren im Mehrgenerationentreff Herrenbach. Dazu kam ein Kreis, in dem sich deutsche und ausländische Frauen austauschen. Außerdem veranstaltet das Netzwerk Infoveranstaltungen rund um Pflege und Versicherungsfragen. Der Zuspruch bestätigt den Ansatz des Pilotprojekts. Finanziert wird die Initiative von den Pflegekassen, der Stadt Augsburg und der Arbeiterwohlfahrt.

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