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22.07.2010

Wenn Seebären zu Seelendoktoren werden

Augsburg, Zoo, Seebären-Anlage: Es naht der Moment, der Julians Leben verändern soll. Im hinteren Teil der Anlage, von den Robben abgeschirmt durch ein schwarzes Netz, sitzt der Zehnjährige am Rand eines kleinen Beckens. Die Sonne scheint hell auf das Wasser, die Luft ist über 35 Grad heiß. Beschützend und stützend sitzt Julians Vater Bruno Endörfer hinter dem mehrfach behinderten Buben. Tierpfleger Peter Kühlburg holt das acht Jahre alte Seebären-Weibchen Bölle vor das Netz und setzt sich Vater und Sohn gegenüber. Auf Kühlburgs Kommando kommt das Tier langsam näher. Ganz entspannt ist der Pfleger, ganz ruhig und vorsichtig leitet er den Vater an, Julians Hand zu führen, um Bölle zu streicheln.

Drei Jahre lang haben Kühlburg und Christiane Schuler diesen Augenblick vorbereitet, haben geplant und gewartet: "Für uns war das heute eine wertvolle Pioniererfahrung", sagte die Diplom-Psychologin Schuler, die Leiterin der tiergestützten Therapie beim Bunten Kreis ist. Julians Begegnung mit Bölle soll nur der Anfang sein: "Wir wollen die Ergebnisse auswerten und dann eventuell ein Konzept für ein dauerhaftes Angebot einer Therapie mit Seebären ausarbeiten."

Julian, dessen Körperhaltung und Gesichtsausdruck bisher abweisend erschienen, der keinen Blickkontakt zu den Menschen in seiner Umgebung aufgenommen hat, sitzt plötzlich mit geradem Rücken, er beginnt zu lächeln und neigt seinen Kopf dem Raubtier zu. Das Kind selbst hebt jetzt seine Hand und berührt das Maul von Bölle. Ein besonderer Moment, eine plötzliche Nähe und eine Anmutung von Glück tun sich auf.

Zustande gekommen ist dies im Rahmen der dritten Tagung "Tiergestützte Therapie", zu der Wissenschaftler und Experten aus Deutschland, der Schweiz und Italien zum Bunten Kreis ins Klinikum gekommen waren. Ein Programmpunkt der Tagung war die erstmalige Begegnung von Seebären und Buben im Augsburger Zoo.

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Der Tierpfleger Peter Kühlburg arbeitet seit 30 Jahren mit Robben, er nennt seine Arbeit eine "Seelenarbeit, die heilsam ist durch den Umgang mit Wasserraubtieren". Für ihn, der schon mit gesunden und blinden Kindern mit seinen Seebären Nico und Bölle gearbeitet hat, ist es heute das erste Mal, mit totkranken Kindern zu arbeiten, die schwer beeinträchtigt sind.

Bruno Endörfer hat sofort zugestimmt, als die Psychologin Christiane Schuler ihm angeboten hatte, dass sein Sohn Julian an dem Workshop mit den Seebären teilnehmen könne. "Julian liebt Tiere und Wasser. Er macht auch schon seit Jahren beim Bunten Kreis eine Reittherapie. Wir wollten daher schon in die USA fliegen, um Julian dort eine Delfintherapie zu ermöglichen, aber die Fluggesellschaften lassen ihn wegen seiner Epilepsie nicht fliegen."

Neben Julian und seiner Familie ist heute auch der neunjährige Tom, der an einem Gendefekt leidet, mit seinen Eltern und dem kleinen Bruder zur ersten Kontaktaufnahme mit den Seebären gekommen. Toms Organismus kann Eisen nicht verwerten, es wird im Gehirn abgelagert.

Anfangs ist seine Mutter Anja Barthe skeptisch. Im Laufe der Therapiestunde wird sie immer weicher, schaut lächelnd zu ihrem Sohn und ihrem Ehemann, der hinter Tom sitzt, während Tom den Seebären-Bullen Nico umarmt und sich an den dicken Pelz des Raubtieres schmiegt.

Wenn Tierpfleger Peter Kühlburg den Eindruck hat, dass Seebär Nico genug hat, reagiert er sofort und trennt Kind und Tier für eine Weile. Er setzt sich vor Nico, tätschelt ihn mit beiden Händen gleichzeitig, und belohnt ihn für sein gutes Mitmachen.

"Tier und Kind sollen glücklich aus der Stunde gehen", findet Peter Kühlburg, der davon überzeugt ist, dass gute Tierpflege nur mit Seele und Herz, nicht nur durch Sachverstand, möglich ist.

Im Anschluss an die Therapiestunde strahlen nicht nur die Eltern, die beiden kranken Kinder und alle Zuschauer. Auch Kühlburg ist sehr zufrieden. "Bölle hat sehr sensibel auf die beiden kranken Kinder reagiert. Sie hat sich, anders als sonst, nicht den anderen Menschen, die mit im Gehege waren, zugewandt, sondern war ganz auf Julian und später Tom konzentriert." Als ob die Tiere wahrnehmen können, dass sie es hier mit besonders wehrlosen, schwachen Menschenkindern zu tun hatten.

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