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02.12.2015

Wenn Texte live vertont werden

Tolle Geräuschebei den Kültürtagen

Geräuschvoll endeten die Kültürtage 2015: Das Programm „Geräuschvolle Texte“ setzte exklusiv vier Kurzgeschichten effektvoll in vier Live-Hörspiele um. Die vier Augsburger Autoren waren dabei selbst überrascht: Bis zur Uraufführung auf der Kellerbühne des Grand Hotel Cosmopolis hatten sie keine Ahnung, welche Töne sich während der Lesung zu ihren Texten gesellen würden. Ein sechsköpfiges Soundteam hatte mit Haushaltsgeräten, Wasser, Stimmen und den eigenen Körpern Geräusche arrangiert. Etwa 100 Zuschauer lauschten dem Wasserplätschern in der Schüssel, dem Flugzeuglärm mit Föhn und dem Verrinnen von Zeit im Klacken des Metronoms. Dass auch die Autoren nicht wussten, welche Töne beim Live-Hörspiel auf sie zukommen würden, ließ Raum für Witz und Spontaneität. Die Folk- und Straßenmusikband „Katze mit Bart“ sorgte dazwischen für ordentlich Tempo.

Während Fabio Esposito sich in eine heiter-tiefgründige Kurzgeschichte über Weltschmerz und Existenzangst vergrub, waren ein klingelnder Wecker und schwerer Atem zu hören, dazu Herzklopfen in der Stille. Tinnitus hatte der Erzähler zu allem Überfluss auch noch, und die Türen quietschten. Eine Gabel kratzte über einen Teller. Schließlich wendete sich die Geschichte: Der schwermütige Fabrikarbeiter riss aus, flog in den Urwald und fand unterwegs seine Liebe, mit der er sich in Deutschland „ein Leben nimmt, das er verdient“. Für die Tierlaute des Urwalds und den Wasserfall vor der Höhle des Erzählers kreierte das Soundteam einen Geräuschteppich, der die fremde Welt beinahe sichtbar machte.

Auch Michael Friedrich, Autor und Brechtexperte, gab eine Kurzgeschichte zum Besten. „Das Ding“ drehte sich in Anlehnung an den Erfinder der Dinggedichte, Rainer Maria Rilke, um ein Astloch, das einst Teil eines Kirschbaums war, der dem Bau neuer Häuser weichen musste. Rilke selbst tauchte schließlich in der Kresslesmühle auf, in der er das Echo für einen Auftritt testete – anspruchsvolle Arbeit für das Töneteam. Anschließend erklärte Bayerns zweitbester Poetryslammer Christian Weiblen seine „Welt“, wie er seine Partnerin nannte. Dauernd musste er bei starkem Wind draußen auf sie warten, um zwischen Zähne- und Geschirrklappern im Stadtmarkt zum Mittagessen zu gehen. Auch hier: große Kreativität bei den Geräuschemachern.

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Zum Schluss wagte das Programm den Sprung zur Realität: Autor Fikret Yakaboylu verwebte Erinnerungen an seine Flucht vor den türkischen Militärs 1980 mit aktuellen Erlebnissen syrischer und afghanischer Flüchtlinge zu einer dramatischen Geschichte: Die Bootsgemeinschaft, die sich am Strand von Bodrum zusammenfand, war zufällig. Sie versteckten sich nachts, Mütter versuchten, die Kinder zu beruhigen. Das Boot des Schleusers wird aufgepumpt, das Wetter ist stürmisch. Begleitet von Regenrauschen und Wellenbrechern wird den Zuhörern schnell klar: Diese Überfahrt endet tödlich.

Ein nachdenkliches, berührendes Finale. Insgesamt haben über 70 Künstler bei den diesjährigen Kültürtagen ohne Gage, dafür mit Fotokunst, Musik, Essen, Comedy bis hin zum Schauspiel vorgemacht, wie kulturelle Teilhabe geht. Das ist nachhaltig für die Stadtgesellschaft – und billig für die Stadt, denn Geld bekommen sie keins.

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