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Literatur

04.11.2017

Wenn das Böse in die Vergangenheit zieht

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Wolfgang Kemmer hat sich zum zweiten Mal als Krimi-Autor mit dem historischen Augsburg beschäftigt.
Bild: Michael Hochgemuth

Krimis haben es Wolfgang Kemmer angetan. Der Autor verlegt zum zweiten Mal ein Verbrechen in das historische Augsburg. Während des Reichstags 1548 taucht eine verstümmelte Leiche auf.

Ein grausiges Verbrechen: Ein blutiges Bündel aus Fleisch, Haut und Knochen liegt hinter dem Ofen im Haus des Schmieds. Ist das Liesbeth, die Stieftochter des Hausherrn? Hat sie ein Bär, der mit einem seltsamen Bärenführer in die Stadt gekommen ist und auf dem Markt seine Künste zeigt, im Haus überfallen? War es der Schmied, der seine Stieftochter im Jähzorn umgebracht hat? Zimperlich darf man als Leser nicht sein, wenn man diese Szene in dem historischen Roman „Im Auftrag des Stadtvogts“ liest. Wolfgang Kemmer ist der Autor dieses Buches, das im frühneuzeitlichen Augsburg spielt, zur Zeit des Reichstages von 1548, mit dem der Schmalkaldische Krieg beendet werden soll.

Anschaulich führt Kemmer, der aus Simmern im Hunsrück stammt und seit 2000 in Augsburg lebt, in die Blütezeit der Stadt, in der aber auch derbe Sitten und ein ruppiger Umgang herrschten und der Stellenwert eines Menschenlebens gering war. Eine spannende Mischung aus historischem Roman und Krimi ist dem Schriftsteller damit in seinem fünften Buch gelungen.

Mitglied im Syndikat

Seit 20 Jahren veröffentlicht Kemmer Krimis, in die Bestsellerlisten hat er es nie geschafft, aber in der deutschsprachigen Krimi-Szene ist er eine feste Größe – auch wegen seiner Mitgliedschaft im „Syndikat“. Das ist keine zwielichtige Organisation, sondern die Vereinigung deutschsprachiger Krimi-Autoren, ein Netzwerk, dem 800 Schriftsteller angehören. „Syndikat“ veranstaltet das Festival „Criminale“ und verleiht den „Glauser“, einen Krimi-Preis, der im Andenken an den Kriminalautor Friedrich Glauser verliehen wird. Der erreichte mit seinen Wachtmeister-Stude-Romanen Kultstatus unter Krimi-Fans. Deshalb, so Kemmer, veranstalte man jährlich zu seinem Todestag am 8. Dezember einen Krimi-Tag, der sich mittlerweile auch in Augsburg etabliert hat.

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Gedichte und Tagebuchaufzeichnungen in der Jugendzeit waren für Kemmer – wie für viele – Ausgangspunkt seiner schriftstellerischen Laufbahn. „Aber dass daraus mal etwas werden könnte, das habe ich mir nicht erträumt“, sagt er im Rückblick und erzählt, wie viel mehr dazu gehört, nach diesen ersten Versuchen tatsächlich eine längere Geschichte oder auch einen 150-seitigen Roman zu schreiben. Er spricht von dem guten Gefühl, das er hatte, als er seinen Erstling, den Krimi „Schwarze Witwen“, Mitte der 1990er Jahre bei einem Verlag unterbringen konnte. Wie den Nachfolgeband „Ach wie gut, dass niemand weiß…“ bezeichnet er das Werk heute als „Jugendsünde“, denn danach hatte er genug vom Schreiben und widmete sich einem Studium der Germanistik, Anglistik und Angloamerikanischen Geschichte in Köln. Das weckte jedoch seine Begeisterung für Kriminal-Literatur erst recht.

Ein gefälschter Ablassbrief

In seiner Magisterarbeit beschäftigte er sich damit und auch als Herausgeber und Lektor des Jokers-Kurzkrimis im Internet. Mit der Mitgliedschaft im „Syndikat“ fand er selbst wieder zum Schreiben – erst kürzere Geschichten für Anthologien und Zeitschriften, dann auch Umfangreicheres wie 2005 den Roman „Feuersbrunst“. Auch der spielt im frühneuzeitlichen Augsburg, im Jahr 1518, als Martin Luther in der Stadt ist, weil er seine Thesen widerrufen soll. Er handelt von einem Serienmörder, der Frauen umbringt, die im Besitz eines gefälschten Ablassbriefes sind.

Geht es darin noch mehr um die Aufklärung eines Verbrechens, so steht dies im Nachfolgeband, der keine Fortsetzung ist, nicht im Vordergrund. Die Geschehnisse in „Im Auftrag des Stadtvogts“ entwickeln sich zu einer Geschichte um Rache und Gerechtigkeit, deren Ursprung Kemmer in einem Prolog vorwegnimmt. Obwohl der Leser von Beginn an um die Hintergründe weiß, bleibt es spannend. Politische und private Zusammenhänge verwebt der Autor zu einem dichten Panorama des Alltags in jener Zeit. „Die Faszination des Bösen ist mir zu morbide. Wenn ich sie in einen größeren Rahmen setzen kann, finde ich sie gut“, erläutert der 51-Jährige. Genauso schätzt er es, mit dem Genre Krimi zu spielen. Sein Buch „Sherlocks Geist“, erschienen 2015, enthält zahlreiche Anspielungen auf den Meisterdetektiv, den Arthur Conan Doyle erschuf.

Eine Anspielung gibt es auch in „Im Auftrag des Stadtvogts“, allerdings nicht auf berühmte Krimis, sondern sein Werk: Eine zentrale Figur aus „Feuersbrunst“ taucht im neuen Roman wieder auf. Vielleicht findet sie sich in einigen Jahren noch einmal in einem weiteren Buch Kemmers. Denn der spielt mit dem Gedanken, ein drittes Mal ins frühneuzeitliche Augsburg abzutauchen, in die Zeit der Confessio Augustana um das Jahr 1530.

Wolfgang Kemmer liest am Donnerstag, 9. November, um 19.30 Uhr in der Bücherinsel in Pfersee. Am 10. Dezember findet um 11 Uhr eine Lesung mit Augsburger Krimi-Autoren im Planetarium statt.

Wolfgang Kemmer: Im Auftrag des Stadtvogts. Gmeiner Verlag, 311 Seiten, 13 Euro

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