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Augsburg

23.02.2021

Wenn das Einkaufen zur Herausforderung wird: Franziska kämpft mit einem Trauma

Die Augsburgerin Franziska Poschta und ihre Hündin Frieda.
Foto: Michael Postl

Plus Die 18-Jährige hat eine posttraumatische Belastungsstörung. Schon Alltagsdinge können sie überfordern. Ihr wichtigster Begleiter: die Hündin Frieda.

Es ist Vormittag, in dem Bio-Supermarkt sind mehr Menschen als gedacht. Was stand noch einmal auf dem Einkaufszettel? Franziska Poschta schaut auf ihren Zettel, dort hat sie zwei Dinge notiert: Tomatensoße und Karotten. Das Blättchen zittert leicht in der schwitzigen Hand, Franziska muss sich jetzt konzentrieren. Der Gang mit den Fertigmischungen liegt direkt vor ihr, die Packung Tomatensoße ist kaum zwei Meter entfernt. Und doch kommt Franziska erst einmal nicht dran. Zwei Frauen stehen im Gang, beratschlagen, welche Nudeln zu welcher Soße passen. Ein Problem für Franziska, denn Menschenansammlungen stressen sie. Sie wählt einen Umweg durch die Gewürzabteilung. Die zehn Meter mehr schützen sie.

Für Franziska ist Einkaufen eine hohe Belastung, denn die 18-Jährige leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS, der langfristigen psychischen Folgeerkrankung eines Traumas. Davon betroffen sind oft Missbrauchsopfer oder etwa Soldaten, die im Krieg waren und dort Schreckliches erlebt haben.

Was die Ursache für ihr Trauma ist, möchte Franziska nicht sagen. Die Folgen begleiten sie jedoch Tag für Tag. "Wenn ich überfordert bin, ich zu viele Dinge auf einmal tun muss, mache ich zu." Zumachen - für Franziska heißt das, alles auszublenden, nicht mehr zu reagieren, den Verstand abzuschalten. Das macht sie nicht bewusst, es passiert einfach. Sie sitzt dann apathisch auf dem Boden, reagiert weder auf Berührungen, noch auf Fragen. Oft geht das einher mit Krampfanfällen.

Viele PTBS-Patienten gehen gar nicht erst zu einem Therapeuten

Im Jahr 2014 wurden etwa 8700 Menschen vollstationär wegen posttraumatischer Belastungsstörung behandelt, neuere Zahlen gibt es nicht. Experten sprechen jedoch von einer Dunkelziffer, die weit höher ist. Viele gehen erst gar nicht zu einem Therapeuten oder einer Therapeutin, werden also nicht registriert. Das bestätigt auch Peter Sponagl. Der Diplompsychologe ist Vorsitzender der Gesellschaft für Psychotherapie Augsburg und hat immer wieder mit PTBS-Patienten zu tun. Dass kein Experte aufgesucht wird, könne zum Beispiel auf ein Scham- und Schuldgefühl zurückzuführen sein.

Die Augsburgerin Franziska Poschta leidet unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung PTBS. Für sie stellen Essenmachen und Einkaufen eine große Herausforderung dar.
Foto: Michael Postl

Einmal die Woche geht Franziska in eine Therapie, immer etwa eine Stunde lang. Ihr Ziel? "Ich will erst einmal klarkommen", sagt die 18-Jährige. Aktuell helfen ihr dabei noch eine Handvoll Betreuerinnen und Betreuer in ihrem Wohnheim im Augsburger Stadtteil Hochzoll.

Um sich im Alltag besser zurecht zu finden, seltener in eine Starre zu verfallen, wird Franziska von ihrer Assistenzhündin Frieda begleitet. Die Hündin kann sie aus einem psychischen Extremzustand "zurückholen", ihr Bewusstsein durch ihre Anwesenheit stärken. Dann legt sie die Pfoten auf Franziskas Knie, bellt sie an. Sie tut, was ihr beigebracht wurde. Franziska ist auf Friedas Verhalten konditioniert. "Ich war bei Friedas Ausbildung dabei, sie ist quasi auf mich spezialisiert."

Dabei bekommt das Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe" eine zentrale Bedeutung. Psychologe Sponagl sagt: "Frieda bietet von sich aus eine positive, vertrauensvolle und verlässliche Beziehung an, im Streicheln zärtlichen Kontakt und vor allem das so zentrale Erleben von Schutz, sogar nachts im Schlaf." Sie helfe Franziska zudem dabei, eine Tagesstruktur aufzubauen. Um so weit zu kommen, hat es etwa ein Jahr gedauert.

Wegen ihrer PTBS-Erkrankung nimmt Franziska Poschta ihre Hündin mit zur Arbeit

Denn ohne Frieda könnte Franziska den Alltag nicht wirklich bewältigen, sagt sie. Die Labradordame ist eigentlich immer in ihrer Nähe, auch bei der Arbeit. Franziska macht eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten, Frieda immer an ihrer Seite. Für die Kollegen in der Arbeit, die Mitschülerinnen in der Berufsschule ist das kein Problem. Neben Menschenmengen reagiert Franziska vor allem auf Geräusche sehr empfindlich. Sie lösen etwas in Franziska aus. In der Fachsprache heißt das Trigger.

Hündin Frieda begleitet Franziska.
Foto: Michael Postl

Viele Geräusche sind Trigger, sie lösen etwas in Franziska aus. Sie blendet dann alles aus, erzählt sie, fühlt sich wie in einem Kokon, abgeschnitten von der Außenwelt. Wenn sie an einer vielbefahrenen Straße entlangläuft, schaut sie auf und ab, vergewissert sich, ob nicht ein Fahrzeug mit Sirene gefahren kommt. "Das Geräusch geht gar nicht", sagt sie. Dabei hört sie es pro Woche etwa dreimal. Denn so oft etwa muss der Rettungsdienst anrücken, weil Franziska einen Krampfanfall hat. "Die meisten kennen mich schon", erzählt Franziska, "oft sagen sie: 'Na Franzi, du schon wieder' und lachen." Ihr sind die Gesichter jedoch fremd, denn erinnern kann sie sich an die Anfälle kaum.

Wie schwer sich Franziska manchmal im Alltag tut, wird auch an der Kasse des Bio-Supermarktes sichtbar. Ihr Blick ist auf die Ware gerichtet, die auf dem Kassenband liegt, die Packung Tomatensoße, dazu die fünf Karotten. Ihre Hände hat sie fest in die Seite gepresst, die Knöchel treten weiß hervor. Ihre Maske wölbt sich in schnellem Rhythmus nach innen und nach außen. Draußen vor der Eingangstür des Ladens sagt sie, dass das ein guter Einkauf war. Aber auch, dass "ich einfach nur wollte, dass es endlich vorbei ist."

Ein Leben mit PTBS: Einmal die Woche geht Franziska zur Therapie

Es ist ein schmaler Grat zwischen Vermeidung und Konfrontation. Die zweite Methode zielt darauf ab, die Angst zu "verlernen". Psychologe Sponagl erklärt: "Konfrontation setzt eine grundlegenden Stabilisierung voraus. Dann versucht ein Therapeut mit der Patientin Triggern in der Realität oder Aspekten der traumatischen Situation in der Vorstellung auszusetzen." In Einzelfällen könne der Therapeut versuchen, das Erinnerte mit hilfreichen Vorstellungen zu ergänzen und so dafür zu sorgen, dass Franziska die Anfälle leichter aushalten kann.

Ein Jahr lang hat die Ausbildung von Frieda gedauert.
Foto: Michael Postl

In ihrem Wohnheim lebt Franziska in einem Zimmer, 18 Quadratmeter groß, an der Wand hängt eine Pinnwand mit Diddlmäusen, an der Tür mehrere Postkarten. "Du kannst schon Bayernfan sein, aber dann bist du halt blöd" steht auf einer.

Mit Fußball hat das wenig zu tun, es geht eher um das Bundesland. Denn früher war Franziska, die ursprünglich aus Hessen kommt, nicht froh, hier zu sein, weg von Zuhause. Zu Beginn sei es schwierig gewesen, mit zwölf Jahren in einem neuen Umfeld und ihren Habseligkeiten im Gepäck. Und einem Trauma. Seitdem hat Franziska in fünf Einrichtungen gewohnt, das "Hilfe hoch 3" im Augsburger Stadtteil Hochzoll ist die sechste. Und wenn es nach ihr geht, ist es auch die letzte. Denn hier fühle sie sich wohl, sagt sie, versteht sich mit den Betreuern und kann sich ihrer Gesundheit widmen. Sie hat sich eingelebt. Seit zweieinhalb Jahren ist sie auch in einer Beziehung, ihr Freund kann jedoch aufgrund der Corona-Pandemie nicht mit in ihre Wohngruppe. "Den Tatort schauen wir dann eben auf dem Parkplatz im Auto zusammen", sagt Franziska. Weitere Einschränkungen hat sie wegen Corona aber nicht.

Trotz PTBS-Erkrankung ist für eine Augsburgerin eine Beziehung möglich

Es sei ein Schritt in die richtige Richtung, eine feste Bindung zu haben, sagt Psychologe Sponagl, denn eine gesunde Beziehung bedeutet Stabilität. Franziska könne eine Beziehung dabei helfen, sich verstanden und geschützt zu fühlen. Ein weiterer Schritt ist es für sie, in einer eigenen Wohnung zu wohnen. "Ich hab das schon versucht, vor zwei Jahren war das. Aber dann gab's eben nur Nudeln und Spargel aus der Dose", sagt Franziska lachend. Denn Kochen fällt in dieselbe Kategorie wie Einkaufen - viele Eindrücke und Pflichten auf einmal, Stress, Überforderung, zumachen.

Die Augsburgerin Franziska Poschta leidet unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung PTBS. Für sie stellen Essenmachen und Einkaufen eine große Herausforderung dar.
Foto: Michael Postl

Auch dabei hilft ihr die Wohngruppe. Wenn es Franziska mal nicht gut geht, kann sie ausschlafen und es gibt trotzdem essen. Dort lernt Franziska mit Situationen umzugehen, die sie überfordern. Einmal die Woche ist sie deshalb mit Kochen dran. Diesmal gibt es Nudeln mit Gemüsesoße. Franziska krempelt sich die Ärmel hoch. Beide Arme sind komplett zerfurcht von Schnitten, teilweise fingerlang. Über die Narben, die teilweise über älteren Narben liegen, möchte Franziska nicht sprechen. Sie wendet sich ihrem Brokkoli zu, der bereits auf einer der vier Herdplatten köchelt. Und was jetzt? Erst einmal sammeln, die Gedanken ordnen.

Nach einer halben Stunde sind Soße und Nudeln fertig, Franziska auch. "Das lief ganz gut", sagt sie, ein Tag ohne Rettungsdienst, ohne Krämpfe. Wie beurteilt Psychologe Sponagl Franziskas Zustand? "Ihr scheinen jedenfalls bereits mehrere wichtige therapeutische Anfangsschritte gelungen zu sein." Für sie ist das ein Ziel, das sie bereits erreicht hat.

Wenn Sie Hilfe suchen, können Sie sich an die Therapeutenliste der Gesellschaft für Psychotherapie speziell zum Thema Trauma wenden. Mitglied sind derzeit über 140 psychologische und ärztliche Payxhotherapeut:innen und Kinder- und Jugendpschotherapeut:innen aus Augsburg und Umgebung. Der gemeinnützige Verein bietet auch immer wieder für die Öffentlichkeit zugängliche Vortragsveranstaltungen an. Derzeit nur online.

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23.02.2021

Dem kann ich nur zustimmen LUDWIG B , ich habe in einer sehr depressiven Phase einen Hund geschenkt bekommen. Er hat mich geheilt und wieder Sonne in mein Leben gebracht. Hunde nehmen einem nichts übel und es gibt kein Lebewesen, dass sich so freut, dich zu sehen, wie dein Hund ;)

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23.02.2021

Hunde sind gute Therapeuten, sie haben angeborenes Rudelverhalten und wenn sie gut Sozialisiert sind, der beste Freund des Menschen. Der Hund begeht am Menschen keinen verrat, aber der Mensch begeht im oft am Hund, nebst Verwahrlosung ist Aussetzen und Zeitmangel das schlimmste für diese Tiere. Ein Hund ist ein Gutelaunebringer und mit Leckerli bestechbarer Freund! ;-)

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