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Augsburg

16.06.2017

Wenn das Geld nicht mal zum Essen reicht

Augsburg hat, statistisch gesehen, die ärmsten Bürger Bayerns. (Symbolbild)
Bild: Ulrich Wagner

In Augsburg wohnen statistisch gesehen die ärmsten Bürger Bayerns. Viele Hilfsorganisationen merken: Der Andrang der Bedürftigen steigt. Doch es geht nicht allein um Lebensmittel.

Es ist Mitte Juni, das Ende des Monats rückt näher. Für Johann Stecker und seine Kollegen von der Wärmestube bedeutet das mehr Arbeit, weil der Andrang größer wird. „Am Monatsende haben einige Menschen nichts mehr zu essen.“ Es sind Menschen wie Karin Schönberger und Viktoria Zunk.

Auch in Augsburg gibt es Armut und Hunger

Die Frauen leben in kleinen Wohnungen in Lechhausen. Schicksalsschläge haben sie an den Rand ihrer Existenz gebracht. Zunk arbeitete elf Jahre lang als Verpackerin bei Osram. Dann begannen die Knie-Probleme. 2011 erhielt sie die Diagnose Krebs, sie hat außerdem Diabetes. Die 57-Jährige kann nicht mehr arbeiten, lebt von Hartz IV. Wie auch die ein Jahr ältere Schönberger, die in ihrem Leben auf falsche Freunde setzte und finanziell ausgenutzt wurde, wie sie erzählt.

Beide Frauen wissen, was es heißt, Hunger zu haben. Ihre Kühlschränke seien oft leer. Umso dankbarer sind sie, dass es in der Wärmestube des Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM) immer eine Mahlzeit für sie gibt. Rund 150 Frauen und Männer kommen dort täglich vorbei. „Im Winter sind es mehr“, sagt Hans Stecker vom Vorstand des Fördervereins. Viele seien Obdachlose – aber nicht nur.

„Bei uns bekommt auch ein Rentner, der wenig Geld hat, eine Suppe. Wir schicken niemanden weg.“ In der Einrichtung wird nicht gekocht, Firmen spenden einen Teil ihres Kantinenessens und Kitas melden sich, wenn etwas übrig bleibt. Hilfesuchende wie Viktoria Zunk bekommen auch Lebensmittel für zu Hause mit. Deshalb bittet die Wärmestube um Lebensmittel-Spenden: „Wir brauchen Würstchen im Glas, Eintopf aus der Dose oder Tütensuppen“, sagt Stecker. Und Zucker. „Er ist als Energielieferant gerade für Obdachlose wichtig.“

In Augsburg wohnen statistisch gesehen die ärmsten Bürger Bayerns. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt bei 18400 Euro. Die Armutsgefährdungsquote ist in den vergangenen Jahren gestiegen: In der Stadt beträgt sie laut Sozialreferat 23 Prozent – 2010 waren es noch 19,1 Prozent, in Schwaben sind es 16,1 Prozent. Als armutsgefährdet gilt, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung in Deutschland auskommen muss.

Immer mehr Menschen sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen - trotz Arbeit

Hans Stecker beobachtet, dass die Zahl der Hilfesuchenden zunimmt. Es kämen immer mehr Frauen und junge Leute. Meist führten Schicksalsschläge oder psychische Erkrankungen zum Abstieg eines Menschen. Zum Glück, sagt er, ist die Hilfsbereitschaft ungebrochen. Diese Erfahrung macht auch Arnd Hansen, Geschäftsführer der Stiftung Kartei der Not. Das Leserhilfswerk unserer Zeitung hilft Menschen in der Region, die unverschuldet in Not geraten sind. „Das Spendenaufkommen bleibt auf einem guten Niveau stabil.“ Unter den Bürgern gebe es erfreulich viel Solidarität. Hinzu käme, dass die Wirtschaftslage gut sei. Auch das wirke sich auf die Bereitschaft aus, zu spenden.

Von der stabilen Wirtschaftslage profitieren nicht alle. Trotz Jobs sind etliche Menschen auf finanzielle Unterstützung des Staats angewiesen. „Armut kann auch drohen, wenn jemand geringfügig oder in Teilzeit beschäftigt ist und keine andere Arbeit findet“, sagt Silke Klos-Pöllinger, Chefin des hiesigen Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). In Augsburg gebe es viele Arbeitnehmer mit einer geringfügigen Tätigkeit. Überwiegend seien es Frauen. Gewerkschaftskollege Thomas Gürlebeck spricht ein besonders problematisches Arbeitsverhältnis an: Die Arbeit auf Abruf, die häufig im Textilhandel vorkomme. Der Arbeitgeber garantiert hier ein Minimum an zehn Arbeitsstunden im Monat. „Bei saisonalem Hochbetrieb werden die Mitarbeiter vorübergehend in Vollzeit eingestellt, dann lässt man sie die nächsten Monate wieder auf zehn Stunden hängen.“ Die Arbeitnehmer stelle das vor viele Probleme.

Armut ist nicht immer so plakativ erkennbar wie bei Obdachlosen. 5000 Bürger holen sich derzeit Lebensmittel bei der Augsburger Tafel. Den Berechtigungsausweis bekommen sie, „wenn ihnen nach Abzug der Miete nur noch 400 Euro monatlich zum Leben bleiben“, erklärt Fritz Schmidt, Chef der Tafel. Dass es bei vielen Augsburgern hinten und vorne nicht langt, zeigen diese Zahlen: Vergangenen Dezember erhielten 12533 Menschen Arbeitslosengeld II und 4762 Menschen Sozialgeld. 3907 Personen bezogen Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung.

Karin Schönberger und Viktoria Zunk fahren oft mit der Tram in die Stadt. Das Sozialticket ermöglicht es ihnen. Für sie ist die Wärmestube nicht nur da, um Hunger zu stillen. Sich in einer Gemeinschaft aufgehoben zu fühlen, ist für beide mindestens ebenso wichtig.

Lebensmittel werden in der Wärmestube, Klinkertorstraße 12, Mo bis Fr von 9 bis 16 Uhr angenommen; Telefon 0821/45045830. Die Augsburger Tafel sucht Fahrer; Telefon 0821/313331.

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