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Intermezzo

23.02.2018

Wenn das eigene Wissen plötzlich wertlos wird

Eine Maschine im Textil- und Industriemuseum in Augsburg.
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Eine Maschine im Textil- und Industriemuseum in Augsburg.
Bild: Fred Schöllhorn

„Intermezzo“ ist unsere Kultur- Kolumne. Heute geht es darin um die Erinnerung das Textil- und Industriemuseum.

Es ist schon erstaunlich, wie rasant sich das Augsburger Textilviertel in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Wo früher Webstuhl an Webstuhl stand, es unglaublich laut in den Hallen zuging, herrscht heute die Stille eines gepflegten Neubaugebiets. Eigentumswohnungen statt Maloche. Ohne das Textil- und Industriemuseum mitten im Herzen des neuen Stadtteils wäre die Vergangenheit weitgehend ausgelöscht.

Und doch existieren die Web-stühle, die Arbeitsschritte, auch die prägenden Menschen der Textilindustrie immer noch – in der Erinnerung. Im Textil- und Industriemuseum sind es zum Beispiel die alten Textiler gewesen, die die Maschinen wieder in Betrieb genommen haben, die wussten, wie sie zu bedienen und wie sie zu warten waren. Da war das Wissen eines Berufslebens plötzlich wieder wichtig.

Die Erinnerung an die Maschinen

Gestern rief eine Leserin an, die sich erinnerte. Es ging um den Artikel Nylon gegen Perlon und um die große neue Privat-Sammlung, die das Textil- und Industriemuseum bekommen hat. Die Frau erzählte am Telefon, dass sie nach dem Artikel eine Nacht nicht habe schlafen können. Die Frau stammt ursprünglich aus dem Banat, sie wurde von dort vertrieben. Nachts, wenn sie nicht schlafen könne, würden sie oft die Bilder von der Vertreibung und Flucht plagen, schlimme Erinnerungen in schwarzen Nächten. Nun habe sie an etwas anderes denken können. Ihre Zeit bei der Kammgarnspinnerei – und später bei Elbeo, dem Augsburger Strumpfhersteller. Sie sei in der Firma gewesen, als die Stützstrumpfe ins Sortiment kamen. Sie habe an einzelne Arbeitsschritte denken müssen, an die Maschinen, auch an den Firmenchef Bahner und dessen Kinder. Gute Menschen!

Danach erschrickt man. Denn wie viele Berufe sind in den zurückliegenden Jahrzehnten verschwunden? Wie viel Wissen, das sich Menschen über Jahre angeeignet haben, ist plötzlich nutzlos geworden? Wie viele Erinnerungen an früher warten eigentlich darauf, vielleicht doch noch für etwas gut zu sein? Und der technische Fortschritt kennt ja keinen Halt. Die Maschinen werden immer raffinierter, die Arbeitswelt wird sich weiter verändern. Müssen dann nicht auch viele weitere Museen gegründet werden, um das Wissen um die alten, nicht mehr benötigten Techniken zu bewahren?

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