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Architektur

20.04.2016

Wenn die Kunst am Bau verschwinden muss

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12 Bilder
Der Brunnen am Bahnhofsvorplatz von Theo Bechteler musste dem Großprojekt Bahnhofsumbau weichen. Allerdings soll er bei der Neugestaltung berücksichtigt werden und wieder einen Ort finden.

Beim Wiederaufbau hatte die Kunst einen hohen Stellenwert im Stadtbild. Heute sieht das anders aus. Aktuelle Projekte sehen kaum noch Budgets dafür vor. Und was geschieht mit dem Erbe aus besseren Zeiten? / Von Ingrid Bergmann

Die beiden Arbeiter vom Stadtberger Bauhof fluchten zwar nicht, aber man sah es ihnen an: Die Abnahme dieser massiven Holzreliefwand war kein „Spaziergang“. Die Bohrmaschinen liefen heiß. Denn die Kreuzschrauben in den langen Dübeln nahmen kein Ende. Dieses Werk war für die Ewigkeit gemacht. Anders der Ort, an dem es sich befand. Die Osterfeldsporthalle wurde nach 30 jungen Jahren wegen Einsturzgefahr zum Jahresende geschlossen und wurde kürzlich abgerissen. Die Sanierung der maroden Dachkonstruktion wäre nicht rentabel, hieß es im Bauamt.

Aus diesen oder anderen Gründen verschwinden etliche Werke Bildender Künstler wie diese Holzwand in Depots und Kellern. Manche werden nie wieder ins Tageslicht zurückkehren, andere bekommen, frisch aufgehübscht, noch mal eine neue Chance, betrachtet zu werden.

In der Leitlinie „Kunst am Bau“ des Verkehrs-, Wohnungs- und Bauministeriums wird darauf hingewiesen, dass die Zerstörung bestehender Kunstwerke nur in Ausnahmefällen und nur mit Zustimmung der Obersten Technischen Instanz zulässig ist. Es wird angeraten, den „Urheber des Werks“ mit in die Abnahme einzubeziehen und Lösungen zu suchen, die Arbeit anderweitig unterzubringen, aufzubewahren oder sogar dem Künstler zurückzugeben.

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Kunst am Bau ist die auf ein Gebäude oder eine Bauanlage bezogene Arbeit Bildender Künstler. Sie soll auf die Besonderheiten der Architektur eingehen, und nicht wie eine angesteckte Brosche an irgendein Gewand geheftet werden. Die beste Lösung wird erreicht, wenn Architekten und Künstler schon während der Planungsphase zusammenarbeiten. Es geht hier also nicht um die „Kunst im öffentlichen Raum“.

In diese Kategorie passen Lüpertz’ „Aphrodite“ oder das Bronzemädchen von Manzù auf dem Königsplatz – das waren Stiftungen für die Stadtverschönerung oder zum Gedenken an ein Ereignis, zum Beispiel die 2000-Jahr-Feier der Stadt Augsburg. Jetzt wollen die Lechwerke anlässlich des Kö-Umbaus eine imposante Skulptur vor ihr Gebäude Ecke Halder-Herman-Straße platzieren.

Nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die „Kunst am Bau“ in die Architektur eingebunden. Künstler waren stets Partner der Architekten, und das nicht nur im sakralen Baubereich. Man denke nur an den Goldenen Saal des Rathauses oder an Gründerzeit und Jugendstil im Wohnungsbau. Durch die Kriegszerstörung und die Geschmacksveränderungen wurde zwar vieles davon beim Wiederaufbau abgeschlagen und damit zerstört, doch auch rekonstruiert oder erhalten.

Ein Stadtratsbeschluss Ende 1949 verpflichtete die Stadt Augsburg, bei allen größeren Bauvorhaben zwei Prozent der Bausumme für die Bildende Kunst und das Kunsthandwerk zu veranschlagen.

Die Stadt übernahm damit eine freiwillige Leistung, denn nur auf Bundes- und Landesebene gibt es die Vorgabe, bei Baumaßnahmen mit öffentlichem Bezug Bildende Kunst im Sinne des verfassungsmäßigen Auftrags der Kulturpflege einzubeziehen. Dafür sind 0,5 bis zwei Prozent der Bausumme (ohne Technik) „zuwendungsfähig“. Das heißt: Das Bundesland zahlt einen Prozentsatz je nach finanzieller Potenz von Gemeinde, Stadt oder Landkreis zu den Kosten. Die Vorbildfunktion der Länder und des Bundes wirkte lange Zeit bis in selbst kleine Gemeinden hinein. Auch private Unternehmen schmückten ihre Gebäude gerne mit integrierter Kunst. Das waren unter anderem Wandbilder und Reliefs, Farbgebungen zur Orientierung in großen Gebäuden, Fassadenschmuck oder Werke im Außenbereich der Architektur.

Heute heißt es aber auch bei solchen Großvorhaben: Sparen, sparen, sparen... In den viel „ärmeren“ fünfziger Jahren konnten sich in Augsburg und Umgebung viele Maler und Bildhauer durch die Kunst am Bau über Wasser halten wie unter anderen Theo Bechteler, Josef Lappe, Sepp Marstaller, Hanns Weidner, Hans Selner, Hans Koller, die mit Mosaiken und Freskenmalereien Nachkriegsbauten wie Schulen, Altersheime, Kindergärten und Verwaltungsgebäude schmückten.

Wie facettenreich die Arbeiten dieser Künstlergeneration und ihrer Vorgänger der zwanziger und dreißiger Jahre gewesen sind, lässt sich heute noch an den mit viel Sympathie, fachlichem Können und Geldaufwand erhaltenen Wandbildern und Reliefs erfahren. Jürgen Winterholler, Bautechniker der Wohnungsbaugesellschaft der Stadt, hat die Sanierung des Altbestandes der Wohnanlagen geleitet. Sein Chef Edgar Mathe, bekannt für sein historisches Interesse, hat in den letzten 20 Jahren viel vernachlässigte und fast schon aufgegebene Wohnarchitektur wieder auf heutigen Stand bringen lassen.

So wurden beispielsweise aus dem Schubert- und dem Eschenhof, der Siedlung im Hochfeld aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg oder der Fünfziger-Jahre-Bauten im Bärenkeller und in Kriegshaber wieder ansehnliche und begehrte Objekte. Die dabei erhaltenen kleinsten bis größeren künstlerischen Details sind von besonderem Reiz.

Der neue Chef seit eineinhalb Jahren, der promovierte Jurist Mark Dominik Hoppe, hat nach den 20 Jahren Sanierung und Modernisierung der Altbauten nun die Aufgabe, möglichst viele neue günstige Wohnungen zu bauen. Ein Drahtseilakt bei den heutigen Baukosten, nicht zuletzt auch durch eine sich ständig nach oben schraubende Spirale an staatlich verordneten Auflagen. „Da bleibt für Kunst am Bau kein Euro übrig!“, rechnet Hoppe vor. „Wir müssten ja die Kosten dafür in die Mieten einrechnen. Ein Unding!“

Dennoch wird ab und zu ein besonderes Kunstwerk restauriert, wie die heilige Namensgeberin der Elisabethstraße. Ihr Wandbild ließ sich nicht von der Fassade lösen, sodass sie mit Silikon „abgepaust“ und mithilfe des entstandenen Negativs wieder als Positiv in den Putz eingebracht werden konnte. Leider kennt aber niemand bei der WBG die Namen dieses oder der anderen Künstler.

Zu was für guten Ergebnissen die enge Zusammenarbeit von Architekten, Künstlern und Kunsthandwerkern geführt hat, lässt sich besonders schön an dem 1954 bis 1956 wieder aufgebauten Stadttheater unter der Leitung des Stadtbaurats Walther Schmidt an alten Fotos und an noch verbliebenen eleganten Gestaltungselementen feststellen. Der Verein der Freunde des Augsburger Stadttheaters leistete durch einen Spendenbetrag von 450000 Mark einen Beitrag zu den Wiederaufbaukosten und für die künstlerische Ausgestaltung: zum Beispiel mit malerischen Wandteppichen im Hauptfoyer und goldenen Prägestempeln auf den mit Leder bezogenen Balkonaußenseiten.

Die fast alle in der Künstlervereinigung „Die Ecke“ und/oder im Berufsverband Bildender Künstler organisierte Künstlergruppe der Nachkriegszeit hat sehr zur Ästhetik des Stadtbildes beigetragen. Dass etliche ihrer Arbeiten stillschweigend abgebaut oder vernichtet wurden, ist bedauernswert. So berichtet auch der aus vielen bayerischen Wettbewerben siegreich hervorgegangene Kunstprofessor Georg Bernhard vom Verschwinden seiner Arbeiten im öffentlichen Raum: „Manche Dinge sind einfach ohne mein Wissen abmontiert oder übermalt worden. Zuletzt habe ich für die Erhaltung eines Erkers mit Mosaiken von mir an der Kreissparkasse am Martin-Luther-Platz gekämpft. Aber die liegen jetzt vergessen im Keller beim Textilmuseum.“ Bernhard, der in vielen Kirchen Bayerns wie auch in staatlichen Behörden in München mit seiner Kunst vertreten ist, machte seinen Einfluss auch bei der Ausgestaltung der neuen Augsburger Universität geltend.

Entschieden wurde für das Großprojekt in mehreren Wettbewerbsstufen je nach Baufortschritt. Die „Spielstätten“ für die Bildende Kunst waren die Grünanlagen um den künstlichen See, die den Fakultätsgebäuden vorgelagerten Eingangsflächen und die Zentrale Hochschulstraße. Was die dafür ausgewählten 21 meist überregionalen Künstler, aber auch die im Landkreis Augsburg ansässige Erika Berckhemer dort von den Anfängen der Universität bis Ende der 90er Jahre hinterlassen haben, wird in der Broschüre „Kunst am Campus“ dokumentiert, die in Kürze neu aufgelegt und um die Neuzugänge der zweitausender Jahre ergänzt werden soll.

Eine Besonderheit in jüngster Zeit war ein Studenten-Wettbewerb der Fakultät der Kunstpädagogik. So lässt sich der Campus auf Skulpturenpfaden von Studierenden und Spaziergängern erleben.

Neben den Objekten im Freien gibt es aber auch Malerei, Collage, Grafik oder Skulptur für die Innenausstattung. Diese zum Teil aus Mitteln der Kunst am Bau angekauften, aber auch gestifteten oder als Leihgaben erhaltenen Werke wurden in einer Arthothek zusammengefasst, aus der für Büros oder Lehrsäle in den staatlichen Gebäuden Wandschmuck entliehen und getauscht werden kann. Sachwalter ist der Kunsthistoriker Dr. Stefan Hartmann. Die Auswahl der Bilder aus Mitteln der Kunst am Bau traf ebenfalls eine Jury. Sie wählte 63 Arbeiten von Künstlern aus Schwaben und Augsburg aus. Eine Inventarliste mit allen Objekten der Arthothek ist in Arbeit.

Arbeit macht aber auch die Pflege all dieser Kunstwerke. Für diese Mühsal möchte man die Kunstbeauftragte der Universität, Professorin Dr. Constanze Kirchner, wohl bedauern. Denn selbstverständlich altern auch die schönsten Dinge, setzen Moos an, bekommen Flecken oder Kratzer durch angelehnte Fahrräder und vieles mehr. Natürlich kommt es manchmal zu Umsetzungsmaßnahmen oder sogar zu Verlusten. So wurde erst kürzlich von einem zurücksetzenden Lastkraftwagen die „Stele – Kern und Hülle“ von Joachim Bandau aus dem Jahr 1989 zerfetzt, obwohl sie aus Eisen gegossen war.

Pflege und Aufsicht für den Kunstbestand mahnt der Vorsitzende des Berufsverbandes Bildender Künstler Augsburg und Schwaben-Nord, Norbert Kiening, an, vor allem dann, wenn ungepflegte Kunstwerke in der Öffentlichkeit zum Stein des Anstoßes werden. Diese Verantwortung habe der Eigner zu tragen. Damit es den Kunstbesitzern leichter gemacht wird, beschlossen die obersten Baubehörden folgende Einschränkungen für die wetteifernden Künstler: Keine Arbeiten mehr in Verbindung mit Wasser wie Brunnen oder schwimmende Objekte. Keine mechanisch angetriebenen Objekte (die Mobiles eines Tinguely hätten keine Chance mehr…). und nichts, was Unfälle hervorrufen könnte. Und über all diese Vorschriften hinaus soll eine Jury auf den Kostenrahmen achten.

Sorgsam gepflegt, aber auch abgebaut ist der „Kunstschatz“ aus der ersten Bauphase im Augsburger Klinikum. An Zuwachs gibt es nur wenig. Die Ergebnisse eines teils öffentlichen teils bestellten Künstlerwettbewerbs wurden 1976 der Öffentlichkeit in einer Ausstellung zugänglich gemacht. Den ersten Preis und den größten „Brocken“ der damals genannten zuschussfähigen Summe „um die Million“ für die Gesamtgestaltung holte sich die Münchner Gruppe Mayerle/Sobeck unter den 32 Teilnehmern. Sie prägten mit der Stahlbandkonstruktion unter der gläsernen Decke und einem Wandbild über der östlichen Empore den Eingangsbereich und gaben der Krankenhauskapelle ein lichtes Erscheinungsbild, das inzwischen von der Münchner Künstlerin Anne Hitzker-Lubin verändert wurde.

Verändert wurde auch die Außenanlage vor dem Haupteingang. Dort befand sich eine große Brunnenanlage, die später bepflanzt und dann endgültig abgebaut wurde. Von den ausgeschmückten Aufenthaltsräumen der Bettentrakte A und B sind nur noch drei mit Holzwänden und einem Fliesenmosaik ausgestattete Zimmer übrig, die anderen wurden bei Umbauten entfernt oder verblendet. Im ersten Untergeschoss können die Patienten ihren Blick auf eine Textilarbeit und eine Bilderwand mit zwölf korrespondierenden Landschaften werfen.

Im Neubau der Kinderklinik arbeitet gerade die Augsburger Künstlerin Juliane Stiegele an einer Gesamtgestaltung, um dem technisch-monotonen Gebäude für Kinder und Frauen eine freundlichere Atmosphäre zu geben. Ihr Auftrag hat allerdings nichts mit der „verordneten“ Kunst am Bau zu tun, ihre Arbeit wird vom „Förderverein der Klinik für Kinder und Jugendliche, schwäbisches Mutter-und-Kind-Zentrum Augsburg“ finanziert.

Da gerade der Boden für die Anbauten des bald universitären Klinikums bereitet wird, stellt sich die Frage nach neuen Aufträgen für die zahlreichen Künstler in Schwaben und darüber hinaus. Bauprojektmanager Klaus Beekmann winkt aber ab: Da sei bislang noch nichts geplant. Großzügiger war man dagegen bei Sanierungen und Erweiterungen anderer Häuser.

Aber der alte Bestand an Kunst findet insgesamt gesehen heute kaum mehr Nachschub. Seit Mitte der neunziger Jahre tut sich – außer zuweilen im staatlichen Baubereich – herzlich wenig oder gar nichts, wie das städtische Baureferat, die Bauabteilung des Landratsamtes und etliche der zuständigen Verwaltungen im Umland bestätigen. Obwohl es dafür Zuschüsse gäbe, heißt es, dafür sei kein Geld da.

Ausführlich beantwortet der Leitende Baudirektor Frank Schwindling die Frage nach den Ursachen: „Erstens die immer knappen Haushaltsmittel in Verbindung mit einer fehlenden Verpflichtung zu Kunst am Bau im kommunalen Bereich und zweitens der Umstand, dass der Landkreis primär Baulastträger für Schulen ist. Und hier wurde in Bezug auf die Nutzer nicht ganz zu Unrecht unterstellt, dass sich über die jeweiligen Kunst-Fachschaften im Lauf der Zeit genügend künstlerische Exponate in den Schulgebäuden verteilen.“

Ähnlich dachten wohl auch Oberbürgermeister Dr. Peter Menacher, Schulreferentin Elfriede Ohrnberger und der Stadtbaurat Dr. Karl Demharter, als sie Mitte der 90er Jahre beschlossen, es mit dem bestehenden Angebot an Kunst in den Augsburger Schulen zu belassen. „Wir pflegen alles, was wir haben!“, betont Hochbauamtsleiter Günter Billenstein.

Der Vorsitzende des Berufsverbands Bildender Künstler, Norbert Kiening, kämpft aber wohl nicht ganz vergebens darum, „seinen“ Kunstschaffenden zu Lohn und Brot zu verhelfen, indem er die „Strahlwirkung der Kunst in die Gesellschaft hinein“ deutlich macht. Die Kunst wirke in das gesellschaftliche Leben und dieser positive, erfüllende Aspekt brauche Würdigung – materiell und ideell. Beim Gespräch mit Landrat Martin Sailer scheint Kiening schon Gehör gefunden zu haben. Sowohl beim neuen Diedorfer Schmuttergymnasium als auch beim entstehenden Berufsschulzentrum Neusäß soll „Kunst am Bau“ kein Tabu sein. Für Neusäß stehen sogar schon Mittel von 150000 Euro dafür im Haushaltsentwurf.

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