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Oberhausen

28.10.2012

Wenn die Mutter statt der Tochter in die Schule geht

Peter Grau

Förderzentrum in Oberhausen geht teilweise ungewöhnliche Wege, um mit schwierigen Kindern besser klarzukommen. Leidensdruck der Lehrer war zuvor enorm

Jeder Schulleiter freut sich über engagierte Schüler. Für Peter Grau kann es schon ein Erfolgserlebnis sein, wenn ein Mädchen oder ein Junge regelmäßig in die Klasse kommt und den Unterricht nicht über Gebühr stört. „Unsere Schüler sind schwierig, und sie sind noch schwieriger geworden“, sagt der Chef der Martinschule, einem sonderpädagogischen Förderzentrum im Stadtteil Oberhausen.

Grau liefert die Erklärung dafür. Die Inklusion von Kindern mit Behinderung oder Förderbedarf führe dazu, dass Eltern ihre Töchter und Söhne mit Lernschwierigkeiten vermehrt in die Regelschule schicken. Für die Förderschule blieben dann die Kinder übrig, die in der Grund- oder Mittelschule nicht mehr tragbar seien. „Störer, Randalierer, Schulverweigerer sowie traumatisierte und depressive Kinder“, zählt der Rektor auf. Und er hält auch mit den Folgen nicht hinterm Berg: „Unsere Lehrer waren trotz sehr guter Ausbildung zunehmend belastet. Der Leidensdruck war groß.“

Vor zweieinhalb Jahren begann das gesamte Kollegium deshalb ein pädagogisches Konzept zu entwickeln, das für die Schüler maßgeschneidert ist. Nach vielen Treffen und Klausurtagungen, auch am Wochenende, setzten die Pädagogen im vergangenen Schuljahr die ersten Bausteine um. Auffällig dabei ist der hohe Personalaufwand, den die Martinschule betreibt: Statt einem Vier-Augen-Gespräch zwischen Klassenlehrer und Mutter gibt es einen Termin mit Eltern, mehreren Lehrern und dem Schüler. „Das ist arbeitsintensiv, aber letztlich entlastend“, sagt Grau. „Die Krankmeldungen unserer Kollegen sind um 20 Prozent zurückgegangen.“ Hier ein paar Eckpfeiler des Konzepts:

Wenn die Mutter statt der Tochter in die Schule geht

Neue Autorität Die Pädagogen der Martinschule orientieren sich an dem israelischen Wissenschaftler Haim Omer. Er empfiehlt eine gewaltfreie Form der Autorität, bei der das Kind im Mittelpunkt steht. „Du bist uns wichtig, wir wollen, dass du hier bist. Wir wollen aber auch, dass du dich an die Regeln hältst und wir geben keinesfalls nach!“, lautet das Grundprinzip.

Präsenzmentoren Weil die Schule nicht mehr Personal bekommt, verzichtet sie auf Unterrichtsstunden mit zwei Lehrern gleichzeitig. Dafür sind pro Tag zwei Präsenzmentoren im Einsatz, die auf Anruf in eine Klasse gehen und dort gemeinsam mit dem Kollegen oder der Kollegin bei Konflikten nach einer Lösung zu suchen. Auch Konrektorin Christiane Wech ist Präsenzmentorin und meist vor dem Unterricht im Einsatz: „Oft sieht man Kindern schon auf dem Schulhof an, dass etwas nicht stimmt.“

Mittagskonferenzen Hier besprechen mehrere Lehrer mit einem Schüler Konflikte und Regelverstöße und legen Ziele fest.

Therapiebegleitende Förderung Da sich viele Kinder der Martinschule laut Grau in Therapie befinden, will die Schule diese mit eigenen Angeboten flankieren. Start soll nach den Herbstferien sein. Geplant sind unter anderem Erlebnispädagogik, Musiktherapie oder auch Gesprächskreise mit der Familie. „Wir wollen Eltern nicht die Erziehungsverantwortung abnehmen, sondern sie als Partner mit ins Boot holen.“

Teilweise greift die Martinschule dabei auch zu ungewöhnlichen Mitteln. Grau berichtet von einer 15-Jährigen, die notorisch dem Unterricht fernblieb. Bei einem Gespräch mit den Eltern wurde vereinbart, dass die Mutter in die Schule geht, wenn ihre Tochter wieder einmal im Bett bleibt. „Die Mutter war einen Vormittag lang bei uns. Dem Mädchen war das so peinlich, dass es sich seither am Riemen reißt.“

Als Patentlösung sehen Grau und Wech ihr Maßnahmenpaket nicht an. Jede Schule müsse selbst nach Mitteln und Wegen suchen, um mit ihren Schülern klarzukommen.

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