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Porträt

05.12.2015

Wenn ein Arzt zu erzählen beginnt

Michael Lichtwarck-Aschoff hat viele Jahre auf der Intensivstation des Klinikums Augsburg gearbeitet und an den Universitäten in München und Freiburg gelehrt. Nun wendet sich der 69-Jährige dem literarischen Schreiben zu.
Bild: Bernhard Weizenegger

Michael Lichtwarck-Aschoff hat den Schwäbischen Literaturpreis gewonnen. Der Augsburger sieht große Gemeinsamkeiten zwischen dem Schreiben und der Medizin und will nachholen, was er im Berufsleben verdrängt hat

Dieser Satz fällt immer wieder, wenn man sich mit Michael Lichtwarck-Aschoff unterhält: „Da muss ich Ihnen noch schnell eine Geschichte erzählen.“ Und schon erfährt man, wie er in Hamburg die ersten Vorlesungen in Philosophie bei Carl Friedrich von Weizsäcker erlebte. Oder dass er Zweifel an der Familienlegende hat, dass der berühmte Kunstpädagoge Alfred Lichtwark wirklich sein Urgroßvater sein soll, wo der sich doch mit einfachem k schreibe.

Bei dieser Freude am Erzählen wundert man sich nicht darüber, dass der Mann den Schwäbischen Literaturpreis gewonnen hat. Allerdings hat Michael Lichtwarck-Aschoff erst einmal viele Jahre anderes gemacht, als Geschichten aufzuschreiben. Der 69-Jährige, der das erwähnte Philosophiestudium nach vier Semestern aufgab, ist Mediziner, hat auf der Intensivstation des Augsburger Klinikums gearbeitet und an den Universitäten München und Freiburg gelehrt.

„Dass ich mir überlegen muss, wie ich etwas ausdrücke, das bin ich gewohnt von meinen wissenschaftlichen Arbeiten“, sagt er und fügt hinzu, dass es zwischen seiner literarischen Tätigkeit und der als Intensivmediziner durchaus Gemeinsamkeiten gibt. Seine Patienten seien meist in einem Zustand gewesen, in dem sie sich nicht oder nur schwer mitteilen konnten. „Vieles konnte ich nur durch genaues Beobachten herausfinden“, erklärt er. Etwas genau beobachtet zu haben, hält der Mediziner auch für eine Grundlage des Schreibens.

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Seit er im Ruhestand ist und nur noch einem Lehrauftrag für Lungenphysiologie an der Universität im schwedischen Uppsala nachgeht, schreibt Lichtwarck-Aschoff aber nicht mehr nur Arztbriefe und wissenschaftliche Arbeiten. „Jetzt gibt es den Raum und die Zeit, mich den Fragen zu stellen, die mich all die Jahre bewegt haben“, sagt er.

Er führt aus, dass er als Intensivmediziner immer im Grenzbereich zwischen Leben und Tod zu tun gehabt habe, diese existenziellen Gedanken als Schutzmechanismus aber auch von sich geschoben habe. „Selbst wenn man zwei bis drei Mal in der Woche erlebt, wie ein Mensch stirbt, gewöhnen kann man sich daran nicht. Aber man hat sehr oft nicht die Zeit und die Kraft, sich damit auseinanderzusetzen.“ Das literarische Schreiben gebe ihm die Möglichkeit, dies endlich nachzuholen.

Zwei seiner Geschichten sind 2012 und 2014 schon in den Anthologien für den Schwäbischen Literaturpreis veröffentlicht worden, mit „Die Hände des Onkels“ hat er nun den 1. Preis gewonnen. Es ist eine knappe Erzählung aus dem Alltag des Klinikarztes Mathis auf der Intensivstation, der mit der Lebensgeschichte eines seiner Patienten konfrontiert wird. Karl Kallewe ist Patient in der Psychiatrie, aber immer wieder wird er auf die Intensivstation gebracht, weil er sich selbst verletzt, weil er Papiere, auf die er vorgibt zu schreiben, aufisst. Diesmal hat er nach einem Besuch seines Neffen sogar den Bleistift hinuntergeschluckt und sich damit fürchterlich im Rachen verletzt. Was den Mann in derartige Erregung versetzt hat, wird angedeutet, doch letztendlich nicht erklärt – wie Lichtwarck-Aschoff einiges in der Geschichte offenhält und damit beim Leser Fragen aufwirft: Was ist das Geheimnis von Kallewe, was will er mitteilen, welche Beziehung hatte er zu seinem Neffen, hat Mathis einen Fehler in der Behandlung gemacht?

Ein „Kammerspiel“ urteilte Jurymitglied Berndt Herrmann in seiner Laudatio, „genau in der Beschreibung, unaufdringlich und ohne Attitüden, mit starken Bildern und poetischen Momenten“. Karg und schnörkellos sei sein Erzählstil, urteilt der Verfasser selbst und zitiert Mark Twain, der gesagt hat: „Schreiben ist leicht, man muss nur die falschen Wörter weglassen.“

Dem medizinischen Umfeld bleibt Lichtwarck-Aschoff auch in den Geschichten treu, mit denen er sich gerade beschäftigt. Im Mittelpunkt der einen stehen der berühmte Biologe Robert Koch, der glaubte, mit dem Tuberkulin ein Heilmittel gegen Tuberkulose gefunden zu haben, und der Arzt Rudolf Virchow, der bewies, dass dies nicht der Fall ist. „Eine lustige, zugespitzte Geschichte“, verspricht Lichtwarck-Aschoff, und da fällt er auch gleich wieder, dieser Satz: „Da muss ich Ihnen noch etwas erzählen…“

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