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Augsburger Geschichte

09.01.2019

Wie „Alt-Augsburg“ erneuert wurde

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Foto von 1954: Ein Rest vom Kreuzgang des Ulrichsklosters überlebte den Bombenkrieg. Hier steht jetzt das 1975 eingeweihte Haus St. Ulrich.

Augsburg ist ein Paradebeispiel für den behutsamen Umgang mit historischen Bauwerken nach dem Zweiten Weltkrieg: Vorzeigeobjekte sind heute der Goldene Saal und das Gögginger Kurhaus.

In den 1970er-Jahren begann die Altstadtsanierung in Augsburg. Am Anfang stand eine Radikalmaßnahme: An der Peter-Kötzer-Gasse im Ulrichsviertel zu Füßen der Ulrichsbasilika folgten dem Abbruch von vier 400 bis 500 Jahre alten, unbewohnbar gewordenen Wohnhäusern Neubauten. 1979 war die „Tauschaktion“ abgeschlossen: Auf dem Grund der vier abgebrochenen Häuser und auf drei weiteren Grundstücken standen acht neue Gebäude mit 32 Mietwohnungen. Die Häuserzeile ist im Aussehen den Vorgängerbauten angepasst. Diesem Großprojekt folgte Schritt für Schritt der Wandel des Ulrichsviertels vom Sanierungsgebiet zum Vorzeige-Altstadtbereich.

Die „Behebung“ eines Kriegsschadens beschäftigte jahrzehntelang die Augsburger: die Wiederherstellung des Goldenen Saals im Rathaus. Seit Kriegsende hatten sich zwar Augsburger Bürger für eine Rekonstruktion nach dem 1944 zerstörten Original eingesetzt, Architekten und Kunsthistoriker dagegen favorisierten den Ausbau in modernem Stil. In den 1970er-Jahren bekamen die Befürworter einer Rekonstruktion die Oberhand. Sie wurde im Oktober 1978 vom Stadtrat beschlossen. Anfang 1985 war der „neue“ Goldene Saal vorzeigbar.

Bomben ruinierten die Decke

Entschieden länger dauerte es bis zur Wiederherstellung eines weiteren Kriegsschadens, des Deckengemäldes in der St.-Michaels-Kirche auf dem katholischen Friedhof an der Hermanstraße. Die Decke war durch Bomben derart ruiniert, dass sie 1951 abgenommen werden musste. Der Augsburger Kunstmaler Hermenegild Peiker hatte den Goldenen Saal ausgemalt, im Jahr 2001 schuf er in der St.-Michaels-Kirche ein Deckenfresko nach historischem Vorbild.

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Das Kurhaustheater in Göggingen wurde nicht durch Bomben ruiniert, sondern durch unsensible Nutzung. Der 1886 eingeweihte Gründerzeitbau diente von 1946 bis Ende 1949 als Operettentheater. Die Theaterbetreiber mussten im Dezember 1949 Konkurs anmelden. Der im Inneren durch Einbauten entstellte Großbau wurde danach als Kino und Ballsaal genutzt, ehe er in einen Dornröschenschlaf versank.

Schließlich sollte das einstige Hessing’sche Kurhaustheater abgebrochen werden, um einem Hotel und Wohnhäusern Platz zu machen – hätte nicht im Oktober 1972 ein Brand die Aufmerksamkeit auf den historischen Bau gelenkt. Das Feuer legte die verbaute einmalige Architektur im Inneren frei. Das führte zur Wiederentdeckung des verunstalteten Baujuwels und bedeutete seine Rettung. Das Hessing-Theater bekam in einer langwierigen Sanierungsaktion seine einstige Schönheit zurück. Seit 1996 wird der wiedererweckte Prachtbau vielfältig genutzt.

Herabstürzende Balken zerstörten die Pracht

Ein „historischer“ Kriegsschaden ist kaum noch im Bewusstsein, jedoch noch immer sichtbar: Es ist die weiße Decke im Rokokosaal in der Regierung von Schwaben. Brandbomben hatten im Februar 1944 den Dachstuhl darüber in Brand gesetzt. Herabstürzende Balken zerstörten die prachtvoll gestaltete Decke. An den Wänden blieb der zarte Rokokostuck erhalten. Die dort eingefügten Ölgemälde waren ausgelagert. Sie kehrten zurück, während die neu eingezogene Stahlbetondecke lediglich weiß getüncht wurde.

Die in die ursprünglich hölzerne Decke eingefügten vier Ölbilder waren nicht in Sicherheit gebracht worden und gingen 1944 zugrunde. Die historische Deckendekoration überliefern Schwarz-Weiß-Fotos und Farbzeichnungen. Diese Vorlagen würden nach Auskunft von Experten eine originalgetreue Rekonstruktion ermöglichen. Die Wiederherstellung müsste der Freistaat Bayern veranlassen. Er ist Eigentümer der einstigen Fürstbischöflichen Residenz, in der die Regierung von Schwaben „residiert“. 1991 mahnte der Augsburger Stuckateur Jakob Schnitzer vergeblich die Wiederherstellung an, seit 2013 bemüht sich Bezirksheimatpfleger Peter Fassl darum.

Der Kriegsschaden im Rokokosaal wäre reparabel, doch es gibt in Augsburg viele unwiederbringliche historische Verluste. Dazu zählt das einstige Benediktinerkloster St. Ulrich und Afra. Die St.-Ulrich-Basilika überstand den Zweiten Weltkrieg mit Schäden, das Kloster südlich davon wurde großteils zerstört. Nach der Schutträumung standen auf dem Areal dennoch jahrelang respektable Baureste. Lediglich das rund 1200 Jahre alte Gemäuer einer St.-Godehard-Kapelle überlebte.

Areal mit respektablen Bauresten

Der Augsburger Stadtheimatpfleger Robert Pfaud (1905-1992) hielt die Reste des Kreuzgangs für durchaus erhaltbar. Sie wurden vor dem Bau des Tagungszentrums „Haus St. Ulrich“ ebenso beseitigt wie ein riesiger Weinkeller. Dieser Gewölbekeller wäre nach der Überzeugung von Robert Pfaud als stilvolle Hauskapelle in den 1975 eingeweihten Neubau integrierbar gewesen.

Es gibt jedoch auch positive Beispiele für den Umgang mit historischer Bausubstanz. Die stillgelegten Textilfabriken „Glaspalast“ und „Fabrikschloss“ wurden saniert und neu genutzt. Die ehemalige Augsburger Kammgarn-Spinnerei (AKS) hat sich als „Augsburger Kulturspeicher“ (AKS!) zum Vorzeigeobjekt für den Umgang mit nicht mehr benötigten Industriebauten gewandelt: Das Textil- und Industriemuseum (tim) konnte darin am 20. Januar 2010 als erste Kultureinrichtung eröffnet werden, das Stadtarchiv und die Stadtarchäologie folgten. Weitere sanierte AKS-Bauten werden gewerblich genutzt, die restlichen Fabrikgebäude befinden sich noch im Umbau.

Weitere Artikel finden Sie hier in unserem Special.

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