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Augsburg

04.10.2019

Wie Augsburger Kripobeamte Einbrecher jagen

Einbrecher nutzen oft Schraubenzieher, um Fenster aufzubrechen.
Bild: Alexander Kaya (Symbol)

Plus Sie lesen die Handschrift von Serientätern und überführen auch mal Rentnerinnen mit Millionenbeute. Wie Augsburger Kripobeamte Einbrecher jagen - und wie sie die Lage einschätzen.

Die beiden Frauen, ehemalige Lehrerinnen, sind über 70 Jahre alt. Und in diesem doch eher gesetzten Alter werden sie noch zu Einbrecherinnen. Sie steigen beim Bruder einer der Frauen ein; er ist pflegebedürftig und dement. Sie erbeuten Goldschmuck im Wert von rund einer Million Euro. Die Schwester hätte den Schmuck ohnehin geerbt, doch so begehen die Rentnerinnen ein Verbrechen.

Seit Mitte 2017 werden Wohnungseinbrüche generell als Verbrechen gewertet. Das ist bedeutend für das Strafmaß, es liegt jetzt bei mindestens einem Jahr. Hans-Jürgen Müller kann viele kuriose Geschichten über Einbrecher erzählen. Der Hauptkommissar leitet die Arbeitsgruppe für Wohnungseinbrüche bei der Augsburger Kripo. Doch zum Scherzen ist ihm eigentlich nicht zumute.

Wenn er über die Betroffenen von Einbrüchen spricht, wird er sehr ernst. Der Ermittler kennt viele Opfer, die auch Jahre nach einem Wohnungseinbruch noch darunter leiden. Sie erschrecken, wenn sie beim Betreten der Wohnung einen kühlen Luftzug spüren, weil der Einbrecher damals, an einem Wintertag, ein Fenster aufgehebelt hat. Hans-Jürgen Müller weiß von Menschen, die ihr Haus verkaufen mussten. Weil sie sich nach einem Einbruch dort nicht mehr sicher fühlten.

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Kriminalität: Seit 2015 haben die Augsburger Ermittler 419 Einbrüche geklärt

Auf dem Tisch vor Hans-Jürgen Müller liegt ein großes Papier. Darauf sind, im Passbildformat, die Köpfe der Tatverdächtigen zu sehen, die er in diesem Jahr schon ermitteln konnte. Einige Fotos hat er zu Gruppen angeordnet, hier vermuten die Ermittler eine Bande. Andere sind Einzeltäter. Der Kommissar ist stolz auf die Bilanz der vergangenen Jahre. Seit September 2015 haben die Augsburger Ermittler 419 Einbrüche geklärt. 221 Täter aus 31 Nationen wurden ermittelt. 109 davon sind inzwischen zu Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt worden. 26 Verdächtige werden aktuell per Haftbefehl gesucht.

Die Zahlen sind wichtig. Auch als Signal nach außen, an die Bevölkerung. Denn bei Einbrüchen reagieren die Menschen sensibel. Häufen sich in einem Ort oder Stadtteil die Taten, dann herrscht schnell Alarmstimmung. Es gibt politische Debatten und auch Bürgermeister haben sich schon zu Wort gemeldet. Vor einigen Jahren stieg die Zahl der Einbrüche plötzlich stark an. Bundesweit, aber auch in Augsburg. Die Polizei gab dem Thema deshalb höchste Priorität. Die Ermittlungsarbeit wurde neu organisiert. Heute kümmert sich die Augsburger Kripo zentral um alle Wohnungseinbrüche, die sich in der Stadt Augsburg, im Landkreis Augsburg und im Kreis Aichach-Friedberg ereignen.

Die Ermittler sind seither schneller in der Lage, Fälle zu vergleichen und die Handschrift von Serientätern zu erkennen. Denn die meisten Einbrecher schlagen immer wieder zu. So konnten die Augsburger Ermittler zuletzt auch einen Täter fassen, der in den vergangenen zehn Jahren nahezu wöchentlich irgendwo eingestiegen ist. Als die Fahnder ihn überführten, räumte der Mann hunderte Taten ein. Der Erfolg gibt der Kripo recht. Im Raum Augsburg schlagen die Einbrecher immer seltener zu. Die Zahl der Einbrüche ist von 325 Fällen im Jahr 2015 gesunken auf 116 Fälle in 2018. Und in diesem Jahr zeichnet sich ein weiterer Rückgang ab, bisher sind es rund 50 Fälle. Auch die Zahl der Einbruchsversuche sinkt.

Gleichzeitig stellen die Ermittler fest, dass immer mehr Täter scheitern, weil sie nicht in die Wohnung gelangen können. Viele Haus- und Wohnungsbesitzer hätten ihre Immobilien in den vergangenen Jahren spürbar aufgerüstet, sagt Hauptkommissar Ernst Rosenwirth vom Augsburger Polizeipräsidium. Etwa mit zusätzlichen Sperren an Fenstern und Türen, die es Einbrechern deutlich schwerer machen. Ermittler Hans-Jürgen Müller ist überzeugt davon, dass auch die Verschärfung der Strafen, die auf Einbruch stehen, etwas bewirkt hat. Es habe sich zudem herumgesprochen, dass in Bayern teils strenger bestraft werde als andernorts. Einbrecher, die irgendwann bereit sind, mit den Beamten zu reden, erzählen das immer wieder.

Grenzkontrollen helfen der Polizei bei der Suche nach Einbrechern

Ebenfalls wichtig war aus Sicht der Ermittler die Wiedereinführung der Grenzkontrollen zu Österreich. Viele Einbrecher kommen aus Osteuropa. Von den 221 Tätern, die in den vergangenen Jahren in Augsburg ermittelt wurden, stammten immerhin 120 aus Ost- oder Südosteuropa, die meisten davon aus Rumänien (44). Offenbar schrecken die Kontrollen an der Grenze doch den einen oder anderen Täter ab. Hans-Jürgen Müller sagt: „Im ersten Monat nach der Wiedereinführung waren wir sogar fast arbeitslos.“

Die Ermittler haben das Vorgehen der Einbrecher genau analysiert. Sie stellen fest, dass viele ähnlich vorgehen. So entscheiden die meisten Täter eher spontan, wo sie einsteigen. Etwa, wenn sie ein unbeleuchtetes Haus sehen. Oder wenn sie beobachten, wie eine Mutter mit ihren Kindern aus dem Haus kommt und sie in die Schule fährt. Die Einbrecher suchen nach einer Schwachstelle – und werden oft bei Fenstern, Terrassentüren oder Neben- und Kellereingängen fündig. Sie haben in aller Regel auch kein schweres Gerät dabei, meist reicht ihnen ein Schraubenzieher. Und auch bei der Beute haben fast alle Täter dieselben Vorlieben: Schmuck und Geld. Dann verschwinden sie möglichst schnell wieder. Es kam aber auch schon vor, dass es Tätern in einer Wohnung ganz gut gefiel. Ein Einbrecher ließ sich sogar mal ein Bad ein, erzählt Ermittler Hans-Jürgen Müller. Der Mann wurde erwischt, als er in der Wanne lag.

Lesen Sie auch: So kann man sich vor Einbrechern schützen - fünf Tipps

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