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Augsburg

29.10.2019

Wie Augsburger Medizinstudenten Hygiene lernen

Unter Schwarzlicht zeigt sich schnell, ob die Hände eines Mediziners richtig desinfiziert sind. In Kliniken spielt das Thema Hygiene eine besonders wichtige Rolle. Medizinstudenten in Augsburg lernen zum Start, wie man es richtig macht.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Im Augsburger Modellstudiengang läuft vieles anders. Ab dem ersten Semester geht es darum, was Ärzte im Klinikalltag beachten muss.

Dozent Stefan Schmid gibt einen Spritzer Desinfektionsmittel auf die Hände. Mit einer kurzen Handbewegung verreibt er die Flüssigkeit. Alles sieht professionell und korrekt aus. Doch dann kommt die große Überraschung für seine Medizinstudenten. Schmid hält die Hände unter Schwarzlicht. Und was da zu sehen ist, sieht alles andere als hygienisch aus.

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Mittwochabend im Lehrgebäude der Medizinischen Fakultät am Uniklinikum: Elf junge Männer und Frauen des neuen Augsburger Modellstudiengangs für Humanmedizin starten in den sogenannten Klinischen Begleitkurs. Dort steht ein extrem wichtiges Thema für Mediziner an: die Hygiene. Wie wichtig sie allein an den Händen ist, führt Dozent Schmid in einem Kasten mit Schwarzlicht vor. Dort sieht man große Hautzonen an seinen Händen blau leuchten. „Das heißt, diese Bereiche sind ausreichend desinfiziert“, erklärt er. Allerdings gibt es auch sehr viele Hautfalten und Ränder rund um die Fingernägel, die alarmierend rot sind. Das bedeutet potenzielle Keimgefahr.

Toiletten sind weniger verkeimt als Handys

Dr. Schmid ist Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie an der Uniklinik Augsburg. Er kennt sich aus mit Hygiene und sagt, dass es bei diesem Thema weit verbreitete Klischees gibt, die falsch seien – beispielsweise, dass in Toiletten besonders viele Keime wimmeln. Schmid sagt, „Toiletten und Klobrillen sind im Durchschnitt weniger verkeimt als Alltagsgegenstände wie Handys, Schlüssel oder Türklinken.“ Der Mediziner sagt aber auch, für gesunde Menschen seien Keime normalerweise kein Problem. Ein Zuviel an Hygiene im häuslichen Umfeld könne sich sogar negativ auswirken.

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In Krankenhäusern gelten jedoch andere Regeln. Und an diesem Punkt kommen die Studienanfänger in Augsburg ins Spiel. Ärzte und Pflegekräfte seien besonders gefordert, auf Hygiene zu achten, erklärt ihnen der Dozent. Denn in Kliniken sei eine maximale Keimreduktion erwünscht. Hintergrund: Viele Patienten haben ein geschwächtes Immunsystem. Damit sind sie anfälliger für Krankheiten. Schmid nennt aber auch noch einen anderen Grund, warum gute Hygiene in der Medizin besonders wichtig ist: Trotz aller Bemühungen steige in Deutschland die Zahl der Krankenhausinfektionen. Das hänge auch mit dem Problem der multiresistenten Keime zusammen.

Als ein Hauptüberträger von Keimen gelten Hände, über die Menschen miteinander in Kontakt kommen. Wenn Arzt und Patient im Krankenhaus miteinander zu tun haben, sieht Schmid für Mediziner gerade auch dort großen Bedarf an hygienischen Maßnahmen. „Nötig ist, das Desinfektionsmittel mindestens 30 Sekunden lang vom Handgelenk bis auf alle Finger und in den Nagelfalz zu verteilen“, sagt er. Wichtig sei außerdem, vorher Ringe oder Uhren abzulegen. Die Ritzen zwischen Schmuck und Haut seien problematisch, weil das Desinfektionsmittel häufig nicht vollständig eindringen kann.

Die Studenten Stefanie Nothelfer und Luis Bittl prüfen mit Dozent Stefan Schmid Schälchen mit Rotalgen-Substrat.
Bild: Silvio Wyszengrad

Ein Test mit Rotalgen bringt Keime zum Wachsen

Aber nicht nur schlecht desinfizierte Medizinerhände sind ein Risikofaktor für Patienten. Wie viele Keime im Alltag vorhanden sind und wie rasant sie sich vermehren können, lernen die Medizinstudenten auch noch an einem weiteren Beispiel. Sie bekommen kleine Plastikdosen mit einem Gel aus Rotalgen-Substrat ausgehändigt. Dort stupsen sie Alltagsgegenstände wie Geldmünzen oder Schlüssel hinein. „Auf diesem Nährboden kann das Keimwachstum und die Art der Keime nach einigen Tagen im Brutschrank besonders gut beurteilt werden“, erklärt Schmid. In der nächsten Unterrichtseinheit werden seine Studenten sehen können, wie schnell sich die Keimschicht auf diesem Substrat entwickelt hat.

Bei den Studienanfängern in seinem Kurs kommt der praxisnahe Unterricht sehr gut an. „Total gut“, sagen viele. Und das ist an der Medizinfakultät auch so gewollt. Das bayernweit neue Modellstudium für Humanmedizin in Augsburg soll von Anfang an eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis bieten. Eine Neuerung, die auch für Dozenten wie Stefan Schmid ein Umdenken erfordert. Er ist schon länger in der Ausbildung von Medizinstudenten tätig. Das Augsburger Großkrankenhaus war – noch vor seinem neuen Universitätsstatus – ein Lehrkrankenhaus der LMU München. Und dort lief der Lehrplan nach dem klassischen Muster ab. Schmid sagt, früher habe er Vorlesungen für größere Gruppen von 30 bis 60 Teilnehmern gehalten. Praktischer Unterricht beispielsweise in Hygiene sei erst im fortgeschrittenen Studium dran gewesen.

Anders läuft es im Augsburger Modellstudium. Schmid und die anderen Lehrkräfte unterrichten die insgesamt 84 Studienanfänger häufig in kleinen Gruppen von zehn bis zwölf Teilnehmern. „Für jede Unterrichtsstunde gibt es hier eine Online-Vorbereitungsstunde“, sagt er. Neu ist auch, dass klinisch-praktische Inhalte von Anfang an vermittelt werden. Der sogenannte Klinische Begleitkurs läuft vom ersten bis zum zehnten Semester durch.

Das Thema Hygiene ist an diesem Mittwoch für die meisten Studienanfänger zwar nicht ganz neu. „Aber offenbar gibt es noch viel mehr zu beachten, als ich gedacht habe“, sagt eine Studentin. Dozent Schmid freut sich sehr darüber, dass er nun schon Erstsemester unterrichten darf. „Ich bemerke Neugier und Begeisterung, das ist sehr angenehm.“ Besucher seines Kurses verabschiedet er übrigens gerne mit einem Händeschütteln. Für gesunde Menschen sei das mit Blick auf Keime kein Problem.

Lesen Sie dazu auch:Junge Männer und Frauen erzählen, warum sie hier Medizin studieren


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