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Augsburg

19.05.2016

Wie Baumeister in Augsburg vor 2000 Jahren die Schwerkraft ausgetrickst haben

Nur in einem Waldstück in der Nähe von Hurlach ist mit bloßem Auge der alte römische Wasserkanal nach Augsburg zu sehen.

Die römischen Siedler auf dem Domberg in Augsburg hatten ein Wasserproblem: Lech und Wertach lagen zu tief und Aquädukte waren zu teuer. Ihre Lösung war so einfach wie genial.

Grabungen der Augsburger Stadtarchäologie folgen Großbaustellen im Stadtgebiet oder dem Zufall. Ein Zufall trieb in den frühen 1960er- Jahren einen Hobbyforscher, hauptberuflich Chemiker bei Osram, in die Lehmgrube einer Ziegelei.

Auf einem Bild hatte er ungewöhnliche Kalkablagerungen entdeckt. Vor Ort erkannte er unter dem Lehm, der für die Ziegel metertief abgebaut wurde, Sedimente, wie sie nur fließendes Wasser hinterlässt.

Er grub an seinen freien Wochenenden weiter und fand römische Münzen und Keramik, die zu Römerzeit im Wasser geruht hatten und erstmals den Verlauf einer römischen Wasserleitung belegen. Spektakuläre Ausgrabungen in Augsburg

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Auch Profi-Archäologen vermuteten ab da, endlich einen Teil des Geheimnisses um die Hydrotechnik von Augusta Vindelicum gelüftet zu haben. Doch woher kam das Wasser und wo führte der Kanal hin? Oder stand an dieser Stelle vielleicht nur eine weitere Siedlung? Diese Fragen blieben lange unbeantwortet.

Wie kamen die Römer in Augsburg an ihr Wasser?

Kurz vor der Jahrtausendwende hatten die Lechfluten das erste Römerlager in Oberhausen weggeschwemmt. Um 15 n. Chr. legten die 3000 Legionäre ein neues Militärlager an, diesmal auf der Hochterrasse nordöstlich des Doms. Mit einem Nachteil: Lech und Wertach lagen nun 15 Meter tiefer.

Den antiken Ingenieuren war klar, dass ein Aquädukt über das Lechtal für die Wasserversorgung zu teuer und aufwändig werden würde. Sebastian Gairhos, Chefarchäologe der Stadt Augsburg, erklärt in seinem Vortrag zur Regio-Reihe „Augsburger Wassertage“, Reste solch steinerner Bögen zwischen Friedberg und Augsburg wären sensationell gewesen.

Die Baumeister wussten es jedoch besser. Lech und Wertach traten zur Schneeschmelze über die Ufer und nahmen mit, was nicht niet- und nagelfest war. Fundamente für ein Aquädukt hätten extrem tief im Flussbett verankert werden müssen.

Doch Wasser musste her. Die Römer hatten einen enormen Wasserverbrauch für Latrinen, Bäder, Textilherstellung und als Antriebskraft für Steinsägen und Getreidemühlen.

In Augsburg sind Bodendenkmäler solch industrieller Anlagen zwar noch nicht gesichtet worden. Doch die Einzelfunde der Stadtarchäologen belegen: Es hat sie gegeben. Große Baustellen wie der Neubau von Erdgas Schwaben in der Bayerstraße legten Beweise für ein Kanalnetz im Stadtgebiet frei.

Baustellen in Augsburg fördern Erstaunliches zutage

Als das Unternehmen 2011 auf eine alte Lehmgrube stieß, meldeten die Archäologen Grabungsinteresse. Am Grund der Grube entdeckten sie Kalksinterbänke, elf Wasserrinnen und Spuren von Holzpfosten für die Ufersicherung.

Augsburger Geologen registrierten zudem Reste von Mühlsteinen aus Lechbrucker Sandstein und belegten damit für Augsburg erstmals einen Mühlenstandort. Außerdem tauchten Gürtelschnallen auf und auf vier Metern Kanallänge allein 20 römische Münzen. Gairhos vermutet, dass schon die Römer solche Werte im Wasser versenkten, um Glück und Götter bei Laune zu halten.

100000 Kubikmeter Wasser schossen pro Tag durch den Bach in Richtung östliches Domviertel. Als Quelle machten die Forscher nach langem Suchen eine künstliche Abzweigung der Singold etwa 30 Kilometer südlich am Fuß der Hochterasse aus.

Bei Igling hatte der Fluss sechs Prozent Gefälle. Gairhos geht davon aus, dass schon die ersten Legionäre den Fluss stauten und innerhalb von zwei Sommern einen Kanal mit nur zwei Prozent Gefälle errichteten, sodass das Wasser über mehrere Kilometer leicht bergauf auf die Hochterasse geführt werden konnte.

In Igling zweigten die Römer Wasser von der Singold ab, das hoch genug lag, um es per Kanal bis ins heutige Domviertel zu leiten.

Luftbilder und Laserscans machten weitere Gräben unter den Wiesen und Äckern zwischen der B17 und der Bahnstrecke nach Schwabmünchen sichtbar. Nur in einem Wald bei Hurlach ist eine 2000 Jahre alte Rinne noch mit bloßem Auge zu erkennen.

300 Jahre lang verlief das Netz in vier offenen Hauptgräben und mindestens 12 Einzelleitungen am Hauptbahnhof und Diako vorbei Richtung Heilig Kreuz. Von diesem höchsten Punkt aus wurde das Wasser verteilt.

Übrigens taugte es nur für Hygiene und Produktionsanlagen. Sauberes Trinkwasser gewannen die Römer zusätzlich aus zahlreichen hölzernen Brunnen, wie sie in der Heilig-Kreuz-Straße gefunden wurden: 11 bis 12 Meter tief, Holzverschalung. Nutzungsdauer: 400 Jahre.

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