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Augsburg

08.11.2019

Wie Luis Weidlich die Kameraden sah

Im Familienarchiv suchte Michaela Willmeroth nach Zeichnungen und Bildern ihres Vaters Luis Weidlich, die bei der Finissage im Holzerbau im Mittelpunkt standen. Jörg Stuttmann las aus der Feldpost, die der Künstler zwischen 1937 und 1944 nach Hause schickte.
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Im Familienarchiv suchte Michaela Willmeroth nach Zeichnungen und Bildern ihres Vaters Luis Weidlich, die bei der Finissage im Holzerbau im Mittelpunkt standen. Jörg Stuttmann las aus der Feldpost, die der Künstler zwischen 1937 und 1944 nach Hause schickte.
Bild: Annette Zoepf

Tochter Michaela Willmeroth stellt für die Hochzoller Kulturtage die Feldpost ihres Vaters zu Verfügung. Jörg Stuttmann liest, was der Hochzoller Künstler aus dem Krieg der Familie mitteilte.

Ein kontrastreiches, absichtlich verspätetes Ende, fanden am Wochenende die 13. Hochzoller Kulturtage. Jörg Stuttmann las aus Feldpostbriefen, die der Augsburger Künstler Luis Weidlich in einem beinahe alltäglichen Plauderton von der Front an seine Lieben daheim schrieb. Für die Dissonanzen an diesem Abend sorgte Stefan Barcsay, der die Lesung im Bürgertreff Holzerbau immer wieder mit virtuosen Einspielungen auf der Konzertgitarre unterbrach. Zu sehen und kaufen gab es auch Bilder Weidlichs, der an diesem 9. November 103 Jahre alt geworden wäre.

In seinen ersten Schreiben an Mutter und Vater erzählt Luis Weidlich, der stets mit „euer Luisl“ unterschreibt, dass er und seine Kameraden gerade exerzieren gelernt haben – „mit dem Spaten“. Außerdem habe er die „gebrauchten Taschentücher“ heimgeschickt, weil er gerade einen Katarrh auskuriert habe. Bei der Gelegenheit bestellt er das Buch „Rembrandt der Überwirkliche“ bei den Eltern, wobei er sie wissen lässt, wo sie es kaufen können. Zudem bedankt er sich für den Malkasten, den er mit dem letzten Päckchen erhalten hatte. „Einige Köpfe“, teilt er mit, „habe ich schon gezeichnet.“ \u0009

Wie aus dem Pfadfinder-Lager

Jörg Stuttmann, der die gesammelten Briefe durchforstet hatte, tat sich mit der Auswahl seines Lesestoffs in Anbetracht der Menge spürbar schwer. Bei der Veranstaltung, die als Finissage firmiert, will er vor allem zum Ausdruck bringen, „wie harmlos“ sich alles aus der Ferne anhört. „Fast wie im Pfadfinderlager“, meint er, weil es eigentlich nie geschieht, dass er jammert oder ihn der Moralische überkommt. Nach einem Blinddarmdurchbruch liegt er in einem Wiener Spital, findet aber dennoch etwas, was er loben kann: „Das Essen ist sehr gut.“ Der Eindruck Jörg Stuttmanns nach Lektüre der Feldpost: „Bis auf einmal wusste er jeder Situation etwas abzugewinnen.“ So heißt es einmal: auch dieser Feldzug sei „wieder recht abwechslungsreich“ oder „der Krieg scheint hier in Polen für uns aus zu sein“. Eigentlich darf der Gebirgsjäger nie sagen, wo er gerade ist, dennoch liefert er stets versteckte Hinweise auf seinen Aufenthaltsort. „Lemberg zu nehmen, ist uns noch nicht gelungen“, heißt es in einem frühen Schriftstück. Auch der Feldzug findet in einem seiner Lebenszeichen Erwähnung, bei dem er Bekanntschaft mit Floh und Wanze machen musste.

Er wollte niemanden beunruhigen

Waren die Kriegserlebnisse in der Familie nach seiner Heimkehr ein Thema? Michaela Willmeroth, die dem Bürgertreff das Material zur Verfügung stellte, schüttelt bedächtig den Kopf. „Eigentlich nicht“, sagt sie leise, das Thema sei sehr selten berührt worden. Wahrscheinlich, so vermutet sie, habe er niemanden beunruhigen wollen. Deshalb schlug er einen Ton an, der sorglos klang. Für Dramatisches und Dramaturgisches sorgten Stefan Barcsay und seine Gitarre.

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