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Ausstellung in Augsburg

12.11.2012

Wie Nazis in Augsburg jüdischen Bürgern Eigentum stahlen

Die jüdischen Besitzer des Kaufhauses Schocken (Untere Maximilianstraße, hier um 1935) wurden 1938 gezwungen, ihre Firma zu verkaufen.
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Die jüdischen Besitzer des Kaufhauses Schocken (Untere Maximilianstraße, hier um 1935) wurden 1938 gezwungen, ihre Firma zu verkaufen.
Bild: Sammlung Häußler

Die Ausstellung „Bauten erinnern“ im Schwäbischen Architekturmuseum schildert, wie die Nazis in Augsburg jüdischen Bürgern ihr Eigentum gestohlen haben.

Wenn in diesen Tagen an die Pogromnacht erinnert wird, in der die Nationalsozialisten am 9. November 1938 ihren Terror gegen Juden mit Brandschatzung, Verwüstung und Gewalt gegen Leib und Leben auf eine bis dahin nicht da gewesene Spitze trieben, dann denkt man in Augsburg an die Synagoge in der Halderstraße. Den prächtigen Jugendstilbau verwüsteten SS-Leute im Inneren und legten Feuer. Das wurde schnell gelöscht, um ein Übergreifen der Flammen auf die Nachbarhäuser zu verhindern. Auch die kleine Synagoge in Kriegshaber blieb weitgehend verschont, weil sie zu eng mit anliegenden Wohnungen verbunden war.

Dass im Zusammenhang mit dieser „Reichskristallnacht“ – im Volksmund verharmlosend so genannt, weil bei den Übergriffen nebenbei viel Glas zu Bruch ging – auch die jüdischen Besitzer von Augsburger Geschäfts- und Wohnhäuser beraubt wurden, kann man in der aktuellen Ausstellung „Bauten erinnern“ im Architekturmuseum Schwaben studieren. Ein Kapitel der Schau und dem dazu erschienenen Buch widmet sich jener Politik, die die Nazis pseudo-wissenschaftlich „Arisierung“ nannten, was nichts anderes war als ein groß angelegter Raubzug.

Bis Ende 1939 wurden alle Betriebe liquidiert

Der begann schon 1933 mit dem Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte, Fabriken, Arztpraxen und Rechtsanwaltskanzleien sowie mit dem Gesetz über die „Einziehung von volks- und staatsfeindlichem Vermögen“, der juristischen Grundlage für Enteignungen. Der Raubzug ging 1938 weiter mit der Verordnung über die „Anmeldung des Vermögens von Juden“ und mit Arbeitsverbot für jüdische Bürger, einer „Judenvermögensabgabe“, mit dem Druck auf jüdische Hausbesitzer, ihre Immobilien weit unter Marktwert zu verkaufen und mit der Aufhebung des Mieterschutzes für Juden. In Augsburg wurden auf diese Weise bis Ende 1939 alle jüdischen Betriebe liquidiert und die Wohnhäuser jüdischer Eigentümer „entmietet“, so Alexandra Schmid in ihrem Buchbeitrag über die sogenannte „Arisierung“.

Was mit „Entmietung“ bezeichnet wurde, war in der Regel ein brutaler Rauswurf. 33 jüdische Männer, die in der Armenhausgasse 21 im „Beth Chaluz“, dem Haus der Pioniere, lebten und sich auf ihre Auswanderung nach Palästina vorbereiteten, nahm die Gestapo am 9. November 1938 einfach fest und schickte sie ins KZ Dachau. Wenige Tage später beschlagnahmte sie das Haus Frohsinnstraße 21, in dem die Israelitische Kultusgemeinde ihr Altenheim untergebracht hatte. Die 32 betagten Bewohner mussten das Haus verlassen; sie wurden zwangsweise bei jüdischen Familien oder in sogenannte „Judenhäuser“ eingewiesen, fast alle später nach Auschwitz oder Theresienstadt deportiert. Gestapo und SS nutzten das Haus zum Wohnen und für Büros. Im Keller lagerten sie Thorarollen und Kultgegenstände, die sie aus der Synagoge gestohlen hatten. Der Hausverwalter Luitpold Jenning soll diese Gegenstände versteckt haben, sodass er sie 1945 der dann wieder entstehenden jüdischen Gemeinde zurückgeben konnte.

Das hat Anne Schmucker herausgefunden, die zusammen mit Rita Parisi für die Ausstellung mehrere Fälle von „Arisierung“ in Augsburg erforscht hat. Zum Beispiel jenen der Kurzwaren- und Spielzeug-Großhandlung Wernecker & Farnbacher in der Hermanstraße 11: Die Firma gehörte zu den ersten der Branche in Deutschland, so Parisi, und war in einem repräsentativen Gründerzeithaus daheim, an dessen Stelle nach der Kriegszerstörung heute ein Neubau steht. Die Firmen-Besitzer Otto und Fritz Farnbacher wurden 1938 gezwungen, Betrieb und Haus an eine Firma Grimm, Schmitt und Co. KG zu verkaufen. Die übereignete die Immobilie später der NSDAP, die an dieser Stelle Teile ihres „Gauforums“ plante.

Fritz Farnbacher und seine Frau Frieda mussten auch ihr Wohnhaus in der Hochfeldstraße 31 unter Wert verkaufen. Die Stadt nutzte es als „Judenhaus“, quartierte dort also mehrere jüdische Familien ein, bis sie sie 1943 deportierten. Fritz und Frieda Farnbacher starben in Theresienstadt. Nur ihre Tochter Gertrud und Otto Farnbacher, denen die Emigration nach England geglückt war, überlebten.

Sie schafften es nicht mehr, Deutschland zu verlassen

Den Geschwistern Salomon Marx und Fanny Maendle gelang das nicht; sie starben in Theresienstadt und Auschwitz. Ihr Möbelgeschäft lag in der Bahnhofstraße 7; Nachbarn sollen es in der Pogromnacht am 9. November 1938 mit antisemitischen Parolen beschmiert haben. Die Geschwister wollten auswandern. Um die „Reichsfluchtsteuer“ bezahlen zu können, verkauften sie ihr Haus an die Stadt. Doch sie schafften es nicht mehr, Deutschland zu verlassen.

Auch das Kaufhaus Schocken in der Maximilianstraße 11 mussten die Eigentümer 1938 verkaufen. Das Kaufhaus Landauer war schon 1934, ein Jahr nach dem ersten großen Boykott gegen jüdischen Geschäfte, zwangsweise und zu niedrigem Preis an das Investoren-Trio Golisch, Lentze und Röhler übergegangen. 1939 musste die Familie Landauer diesen dann nach dem Unternehmen auch ihre Immobilien überlassen.

Die Ausstellung „Bauten erinnern“ läuft im Architekturmuseum Schwaben bis Februar 2013. Führungen durch die Schau sind auf Anfrage möglich. Telefon 0821/2281830. Das 255-seitige Buch zur Ausstellung „Bauten erinnern“ ist im Dietrich Reimer Verlag erschienen und kostet 39 Euro.

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