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Augsburg

26.10.2017

Wie Sozialpaten Menschen in Not helfen

Sozialpatin Susanne Wimmer, Sabine Waibl (Armutsprävention), Sozialreferent Stefan Kiefer, Wolfgang Krell (Freiwilligenzentrum), Sozialpate Herbert Roßnagel und Diana Erdin (Armutsprävention, von links) arbeiten zusammen, um Menschen in Notlagen zu helfen.
Bild: Annette Zoepf

Die Ehrenamtlichen stehen seit fast 13 Jahren den Mitarbeitern der Armutsprävention zur Seite. Herbert Roßnagel und Susanne Wimmer erzählen, warum sie diese Aufgabe erfüllt.

Wer Schulden angehäuft hat, wird gerne zum Vogel Strauß. Er steckt den Kopf in den Sand, nimmt nichts mehr um sich herum wahr und legt die Mahnschreiben ungeöffnet zur Seite. Es scheint niemanden zu geben, mit dem die Probleme besprochen werden können. Doch: In Augsburg gibt es seit fast 13 Jahren die Sozialpaten. Diese sind Frauen und Männer, die ehrenamtlich anderen Menschen helfen, die Schuldenspirale zu stoppen.

Was 2005 von Konrad Hummel ins Leben gerufen wurde, ist für den jetzigen Sozialreferenten Stefan Kiefer aktueller denn je. Es bestehe immenser Bedarf in Augsburg, die Menschen möglichst niedrigschwellig mit Hilfsangeboten vertraut zu machen. „Gesetze sind das eine, die Inanspruchnahme das andere.“

Zehn Einsatzstellen

In Zahlen ausgedrückt: 55 Sozialpaten sind derzeit unter der Regie der beim Sozialamt angegliederten städtischen Armutsprävention bei Sprechstunden in neun Stadtteilen (davon zweimal in Oberhausen) im Einsatz.

Für Wolfgang Krell vom Freiwilligenzentrum, das die Paten für ihre Aufgabe schult, baut die Nähe zum Wohnort Hemmschwellen ab: „Für viele der Klienten ist die Sprechstunde gleich ums Eck und sie können ohne Anmeldung kommen.“ Wer Sozialpate werden will, sollte laut Krell Erfahrung im Bereich Geld und Haushalt mitbringen und vor allem „Interesse an anderen Menschen, auch mit anderen Lebensauffassungen“ mitbringen. „Man muss die Menschen mögen“, sagt Herbert Roßnagel. Der 77-Jährige ist ein Sozialpate der ersten Stunde. Als frischgebackener Ruheständler suchte der ehemalige Banker eine sinnvolle Beschäftigung. Dass er immer noch – und zwar in Lechhausen – dabei ist, liegt an Erfolgserlebnissen.

Etwa, als es ihm gelang, einem Mann aus Litauen Arbeit zu beschaffen und seiner Familie eine Wohnung. Die dafür nötigen Behördengänge machen ihm ebenso Spaß wie in anderen Fällen die Schuldenzusammenstellung: „Es ist ein Unterschied, ob man selbst Bittsteller ist oder das für jemanden anderen übernimmt“, sagt Roßnagel.

Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen

Der 77-Jährige und seine Kollegen betreuen die Klienten nicht alleine. Jedem Ehrenamtlichen-Team stehen bei den Sprechstunden Mitarbeiter der städtischen Armutsprävention zur Seite. Für Teamleiterin Sabine Waibl und ihre Kollegin Diana Erdin ist das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen ein Glücksfall. „Die Sozialpaten haben Zeit und Ruhe, sich die Probleme anzuhören. Die haben wir nicht.“

Kein Wunder angesichts des hohen Bedarfs – rund 2000 Anfragen bearbeiten die Sozialpaten jährlich. Mit einfachen Lösungen ist es selten getan: Viele Klienten brächten „ein Wollknäuel voller Probleme“ mit, weiß Susanne Wimmer.

Die 52-Jährige sitzt bei ihren Sprechstunden in Oberhausen häufig Langzeitarbeitslosen gegenüber. Oder wie neulich einer Frau, die mit einer ganz geringen Erwerbsminderungsrente auskommen muss. „Sie schläft auf einer Luftmatratze in einer Wohngemeinschaft.“ Wimmer will ihr jetzt bei den Anträgen für zusätzliche Hilfen zur Seite stehen, um die persönliche Lage der Frau zu verbessern. Oft hat die freiberuflich tätige, zweifache Mutter auch schon Menschen geholfen, denen der Strom abgedreht wurde und die von einem hohen Schuldenberg schier erdrückt wurden.

Bei allen Bemühungen, diesen Klienten zu helfen, ist Wimmer eines klar: „Ich kann nicht meinen Lebensplan, meine Vorstellungen auf andere übertragen.“

Warum sie einen Teil ihrer knappen Freizeit für Sozialfälle opfert? „Mir persönlich geht es gut, da will ich anderen helfen, denen es nicht so gut geht.“ Sie selbst kann mit den Problemen, mit denen sie konfrontiert wird, gut umgehen. Das belaste sie nicht. Im Gegenteil: Eigene Probleme würden dadurch relativiert. Seit sechs Jahren ist Susanne Wimmer bei den Sozialpaten mit im Boot. Nach der kostenlosen Schulung ist sie dabeigeblieben.

Hospitanzen sind möglich

Aktuell läuft im Freiwilligenzentrum wieder ein Kurs mit fünf potenziellen Paten. Wer darüber hinaus in die Aufgabe hineinschnuppern will: Die Armutsprävention bietet Hospitanzen bei den Sprechstunden an. Anmeldungen sind möglich unter Telefon 0821/324-9610 oder per E-Mail an sabine.waibl@augsburg.de.

Herbert Roßnagel will trotz seines relativ hohen Alters noch möglichst lange als Sozialpate Menschen in Not helfen. „Ich habe hier mehr vom Leben mitbekommen, als die ganzen Jahrzehnte zuvor in meinem Berufsleben.“

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