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Region Augsburg

26.05.2019

Wie Trucker den täglichen Kampf auf der Straße erleben

Ganz schön eng hier: Für Stephan Vogele, der für eine Baufirma aus dem Kreis Augsburg arbeitet, sind solche Situationen Alltag.
Bild: Marcus Merk

Als Autofahrer ist man schnell genervt von Lastern. Und die Brummifahrer selbst? Eine Geschichte über den täglichen Wahnsinn auf der Autobahn.

Auf lange Sicht könnte das autonome Fahren dafür sorgen, dass die Branche mit weniger Personal auskommt. Auf der A9 laufen bereits Tests, bei denen ein Lkw einen anderen steuert, der hinter ihm fährt. Der Vorteil ist klar: Ein Autopilot wird nicht müde, muss keine Ruhezeiten einhalten und reagiert schneller als jeder Mensch. Die Fernfahrer am Stammtisch lässt dieses Szenario kalt: Angst, dass der Computer ihren Job übernimmt, hat keiner. Schon weil der Branche in Deutschland bis zu 45.000 Kraftfahrer fehlen.

Vogele sagt, dass sich eben immer weniger Deutsche die Finger schmutzig machen wollten. Die Jüngeren, denen die Work-Life-Balance“, also das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Beruf, zunehmend wichtig ist, hätten keine Lust, tagelang auf der Straße sein. Und die Bundeswehr, bei der man selbst als Wehrpflichtiger kostenlos den 5000 bis 7000 Euro teuren Lkw-Führerschein machen konnte, scheidet als Nachwuchsschmiede aus.

Bayern will schwarze Schafe unter den Lkw-Fahrern aus dem Verkehr ziehen

Drinnen, in der A8-Raststätte, referieren zwei Rot-Kreuz-Sanitäter über stabile Seitenlage, Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung. Die Lkw-Fahrer hören aufmerksam zu. Es geht um Dinge, die man wissen muss – erst recht, wenn man jeden Tag auf der Straße unterwegs sind. Erst recht, wenn man sich diese Zahlen ansieht. 2018 ereigneten sich auf Bayerns Straßen 18.206 Unfälle, in die der Schwerlastverkehr verwickelt war.

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In drei Viertel der Fälle waren Lkw-Fahrer auch die Verursacher, wie aus Zahlen des Bayerischen Innenministeriums hervorgeht. Weil Fehler beim Abbiegen gemacht wurden, der Sicherheitsabstand zu knapp oder die Fahrer zu schnell unterwegs waren. Oder weil die Person im Führerhaus übermüdet oder abgelenkt war. Hinzu kommen erhebliche technische Mängel.

Polizist Heinrich Stein sucht beim Fernfahrerstammtisch Kontakt zu den Fahrern.
Bild: Marcus Merk

Innenminister Joachim Herrmann hat vergangene Woche verstärkte Kontrollen angekündigt. „Uns geht es darum, die schwarzen Schafe unter den Lkw-Fahrern aus dem Verkehr zu ziehen.“ Die Polizei wolle häufiger an den Parkplätzen präsent sein und dort die Fahrzeuge prüfen, die korrekte Ladungssicherung, die Lenk- und Ruhezeiten der Fahrer, ebenso wie die Frage, wie schnell sie zuvor unterwegs waren. Am Augsburger Stammtisch lächelt man über die Ankündigung. Den Sicherheitsproblemen könne man kaum Herr werden, erst recht, wo die Zahl der Lkw stetig steigt.

Als Werner Österle 1967 Fernfahrer wurde, kommunizierte man fast ausschließlich per Funk. Seit es Handys gibt, spielen die kaum noch eine Rolle. Auch die Fahrer waren damals noch viel stärker auf sich selbst gestellt, mussten selbst auch mal den Ölwechsel machen oder die Bremsen reparieren. Und die Straßen waren deutlich leerer. Heute sind 3,1 Millionen Lkw – so viele wie nie zuvor – in Deutschland zugelassen, drei Mal so viele wie damals. Noch stärker aber ist die Zahl der Pkw gestiegen.

Der Boom beim Online-Handel bringt mehr Lastwagen auf die Straße

Längst sind die Sattelzüge die rollenden Nachschublager einer Wirtschaft, die just in time arbeitet und ohne Lagerkosten auskommen will. Auch der boomende Online-Handel hat an seinen Anteil an verstopften Straßen. Denn was der Kunde bei Amazon und Zalando bestellt, muss auch zum Einzelnen transportiert werden. Das Bundesverkehrsministerium geht davon aus, dass allein der Güterverkehr bis 2030 um bis zu 40 Prozent wächst.

Das bedeutet nicht nur verstopfte Straßen, sondern auch viel zu wenige Stellplätze entlang der Autobahnen. 2025 werden etwa 13000 Parkplätze an den Fernstraßen fehlen. An der Raststätte Augsburg-Ost sind Stellplätze schon an diesem Abend Mangelware. Immer wieder parken Lkw dort, wo sie nicht sollen, im schlimmsten Fall auf der Einfädelspur zur A8. Das kann zur ernsten Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer werden. Aber auch für die Brummifahrer selbst.

Immer wieder ist von organisierten Banden aus Osteuropa die Rede, die Lastwagen überfallen. Manchmal schlitzen sie die Planen auf und stehlen die Fracht, manchmal saugen sie Diesel ab oder nehmen gleich den ganzen Sattelzug mit. Letzteres passiert im Schnitt vier bis fünf Mal am Tag. „Alles in allem macht das keinen Spaß mehr“, wirft einer am Stammtisch ein.

Ilona Kratzer aus Wertingen fährt Kipper, ist aber zuvor jahrelang in einem Lebensmittel-Tankzug auch auf Fernstrecken unterwegs gewesen. Als kleines Mädchen wohnte sie neben einer großen Spedition, beobachtete dort die hin- und herrangierenden Gefährte: „Ich wollte das alles auch können“, sagt die Frau mit den blonden, langen Haaren und den sorgfältig lackierten Fingernägeln. Mit Mitte 20 beschloss sie, den Lkw-Führerschein zu machen. Seitdem fährt sie von Berufs wegen. Angst, ausgeraubt, überfallen oder vergewaltigt zu werden hatte sie früher durchaus, räumt sie ein. Und schiebt dann mit einem selbstbewussten Lächeln nach: „Trotzdem, ich liebe meinen Beruf und könnt’ mir nix anderes vorstellen.“

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