Ausstellung

13.04.2016

Wie blanker Hohn

Im ersten Stock des Holbeinhauses befindet sich Tanja Boukal auf Höhe des oberen Grenzzauns, der dreieinhalb Meter lang von der Decke hängt. Das bedrohliche Motiv ist in flauschigen Frottierstoff gewebt und gehört zum 2014 begonnenen „Melilla Projekt“ der Künstlerin.
Bild: hks

Flüchtlingselend mit Goldbordüre, Bilder toter Kinder auf Servietten: Die Wiener Künstlerin Tanja Boukal redet im Holbeinhaus auf ungewöhnliche Art ins Gewissen

Das ist hoch: dreieinhalb Meter Maschendraht. Im Holbeinhaus bewältigt man das bequem mit der Treppe, steht dann im ersten Stock auf Höhe der abschließenden Stacheldraht-Rolle und beobachtet den quälenden Versuch eines Mannes, sich durch diesen Stacheldraht zu zwängen. Wenn das alles nicht in weiche, von der Decke hängende Frottierbahnen gewebt, sondern sperriges Material und dabei doppelt so hoch wäre, dann hätte die Wirklichkeit ihren Platz. Und der heißt Melilla, ist die spanische Exklave an der marokkanischen Mittelmeerküste und mit seinem hoch technisierten, scharf kontrollierten Abwehrzaun ein Sinnbild für die Festung Europa.

Tanja Boukal hat dort 2014 lange Recherchen unternommen. Neben ihrer Kamera führte sie auch eine weiße Spitzendecke mit sich. Von eigener Hand gestrickt, zeigt diese in feinem Kaschmir die Härte des Widerspruchs, nämlich die „Seid umschlungen“-Europahymne von Schiller/Beethoven, umrahmt von Stacheldraht. Auf beiden Seiten des Sperrzauns fotografierte sie Flüchtlinge, eingehüllt in diese Kaschmirdecke. Das fügt sich im Holbeinhaus zu einem Hohn sprechenden Bildtableau.

Nicht anders verhält es sich mit den schwarz-weißen Ergreifungsfotos der Melilla-Polizei, die Boukal von Flüchtlingen kolorieren und beschriften ließ („Solidarité“, „Help“, „Freedom“), und mit ihren eigenen Fotos entlang dem Elf-Kilometer-Grenzzaun, die sie zu gestickten Bildern verarbeitete. Da üben Melilla-Bürger friedlich den Halbmarathon, überqueren schwarze Vögel und weiße Wolken unbehelligt die hohe Barriere. Bis zu 300000 Stiche und einen Monat Zeit benötigt Boukal für ein solches Gobelinbild. Auch hier bekundet sich die Härte des Widerspruchs, galten doch Gobelins einst den Herrschenden Europas als teuerstes und prestigeträchtigstes Bildmedium zur Glorifizierung ihrer Herkunft und Tatkraft. In Melilla wird die Tatkraft Europas zur Farce – und nicht nur dort. Tanja Boukal führte das Elend der Flüchtlinge auch nach Mykonos oder in den „Dschungel“ von Calais oder nach Athen zu einer Nigerianerin, die sich prostituieren muss. Hier macht Boukal aus ihren fotografischen Vorlagen grau-weiß-schwarze Strickbilder und versieht sie – wieder wie zum Hohn – mit barock anmutenden Goldbordüren.

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„Stricken geht schneller, für ein solches Bild eine Woche“, sagt Tanja Boukal, die sich für diese harte Realisierung nach der Rastlosigkeit ihrer Recherchen in die Ruhe ihres Wiener Ateliers zurückzieht.

In Wien wurde sie 1976 geboren. An der dortigen Kunstschule leitete sie die Werkstatt für Objektgestaltung und Temporäre Rauminstallation. Ihrer Liebe zum Textil dient auch die Zusammenarbeit mit dem Textilen Zentrum Haslach (Niederösterreich). Die handwerklich präzise, mühevolle Langsamkeit ihrer Stick-, Strick- und Webarbeiten widerspricht der heutigen Bildüberflutung und entsprechend flüchtigen Rezeption. Und das künstlerische Konzept widerspricht dem Hinnehmen unhaltbarer Zustände. Auch Boukals jüngste Installation bekundet das: Auf einem Ikea-Tisch mit vier Ikea-Stühlen sind Teller und Gläser hergerichtet, in die Boukal säuberlich Stacheldraht graviert hat, und liegen Leinen-Servietten auf, die vor Samos ertrunkene Flüchtlingskinder zeigen.

Wieder klingt der Titel wie Hohn: „Ich weiß nicht, was Ihr habt.“ Das passt zur historischen Lüge des DDR-Chefs Walter Ulbricht, die noch zwei Monate vor dem Mauerbau 1961 lautete „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ und nach der (etwas irreführend) diese Ausstellung des Kunstvereins benannt ist.

bis 4. Juni, Di–So 11–17 Uhr. Führungen 27. April (19 Uhr) und 22. Mai (14 Uhr). Tanja Boukal wird zur Diskussion am 12. Mai (19 Uhr) und bei der Langen Kunstnacht am 4. Juni anwesend sein. Ein Katalog liegt auf (16 ¤).

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