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Pflegeeltern

14.02.2018

Wie die Augsburgerin Mona ihr Glück in einer neuen Familie fand

Sie nennen sie „Süße“: Elke und Elmar Brehm und ihre Pflegetochter Mona, 19.
Bild: Ulrich Wagner

In Deutschland leben so viele Kinder bei Pflegeeltern wie noch nie. Viele kommen aus zerrütteten Verhältnissen und bleiben nicht lange. Doch es gibt Ausnahmen.

Mona Brehm kann sich nicht daran erinnern, wie alles begann. Und auch nicht an ihre leibliche Mutter. Wie auch? Das Mädchen ist erst wenige Wochen alt, als die Behörden es der Mutter wegnehmen. Die Frau hat Alkoholprobleme, sie schafft es nicht, sich um das Kind zu kümmern. Monas Vater, der getrennt von ihr lebt, hat das Jugendamt eingeschaltet. Mona landet bei Kurzzeitpflegeeltern. Elke und Elmar Brehm aus Augsburg suchen zu dieser Zeit ein Pflegekind – schon, damit ihr Sohn Max nicht allein aufwächst.

Nun sitzt Elke Brehm in ihrem gemütlichen Haus in Augsburg am Küchentisch, strahlt Mona an und sagt: „Wir haben diesen Wurm gesehen und es war Liebe auf den ersten Blick.“

Wie ist das, in einer fremden Familie aufzuwachsen? Mona, die heute 19 ist, zuckt mit den Schultern und muss lange nachdenken – als habe sie sich noch nie darüber Gedanken gemacht. „Das hier ist wie meine echte Familie“, sagt sie und lächelt. Und dass es sich für sie nie komisch angefühlt hat, ein Pflegekind zu sein. Ein Geheimnis war es ohnehin nie. Schon früh haben die Brehms ihr erklärt, dass sie nicht ihre biologischen Eltern sind, haben ihr das Foto der leiblichen Mutter gezeigt, haben ihr gesagt, dass sich ihre Mutter nicht um sie kümmern kann, weil sie krank ist. Elke Brehm, 63, sagt: „Sie hat es irgendwann verstanden. Aber hören wollte sie es nicht.“ Mona, die seit der Einschulung den Nachnamen ihrer Pflegeeltern trägt, lacht. Und ihre leiblichen Eltern? Mit dem Vater hat sie früher ein, zwei Mal im Jahr telefoniert, heute sind die Treffen regelmäßiger. „Mein Vater hat meinen vollen Respekt“, sagt Mona. „Er ist zum Jugendamt gegangen. Er hat das Richtige gemacht.“

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Im neuen Leben geht es vor allem um eines: Normalität

In Deutschland gibt es so viele Pflegekinder wie noch nie. 2016 waren 74120 Kinder in Vollzeitpflege in einer anderen Familie untergebracht. Gründe dafür gibt es viele: Manche landen in einer Pflegefamilie, weil Mutter oder Vater krank wurden oder auf Kur mussten. In anderen Fällen schreitet das Jugendamt ein, weil die Eltern alkohol- oder drogenabhängig sind, weil es Gewalt oder Missbrauch in der Familie gibt. Viele Kinder haben traumatische Erfahrungen in ihren Familien gemacht, sagt Silvia Dunkel vom Münchner Jugendamt. „Dann kommt es darauf an, möglichst viel Normalität für sie herzustellen.“

Die Pflegefamilie kann für diese Kinder zum Wendepunkt im Leben werden, sagt Daniela Reimer von der Universität Siegen, die untersucht hat, wie sich das Leben von Pflegekindern bis ins Erwachsenenalter hinein entwickelt. Dafür müssten Kinder in der Pflegefamilie ihre Persönlichkeit entwickeln dürfen, sich akzeptiert, aufgehoben und als gleichwertiges Familienmitglied fühlen. So, wie das bei Mona war.

Und doch ist da dieses ewige Rätsel. Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter hat Mona nicht, nicht einmal eine Adresse oder Telefonnummer. Natürlich sind da die Fragen, die sich Mona immer häufiger stellt, je älter sie wird: Sieht sie ihrer Mutter ähnlich? Was hat sie mit ihr gemeinsam? Was verbindet sie? Über Jahre versucht sie, mithilfe ihrer Vormundin Kontakt zur Mutter aufzubauen. Sie macht ihren Onkel ausfindig, bekommt eine Adresse, wo ihre Erzeugerin leben könnte, schreibt gemeinsam mit ihrer Therapeutin einen Brief an die Mutter – ohne Vorwürfe, aber mit dem Vorschlag, dass sie sich doch einmal treffen könnten. Eine Antwort bekommt sie nicht.

Jede Menge Leben im Hause Merz im Allgäu: Alexander Merz und Ehefrau Gisela mit ihrer leiblichen Tochter Sandra und Pflegesohn Alois.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Mona blickt nach links, auf den Stuhl neben sich, wo ihr Onkel Elmar sitzt. Er ist der Bruder ihrer leiblichen Mutter. Sie hat ihn über Umwege ausfindig gemacht. „Da ist sehr viel Ähnlichkeit“, sagt der Mann, der den Kontakt zu seiner Schwester verloren hatte. „Das Aussehen, die Figur, diese lebensfrohe Art. Mona hat all die guten Seiten meiner Schwester.“ Onkel Elmar war es auch, der Mona vor einem Jahr die Nachricht überbracht hat, dass ihre Mutter gestorben ist. Mona war bei der Beerdigung. Und sie hat es mit der Zeit auch geschafft zu trauern. „Da war viel Wut dabei“, sagt Elke Brehm. Über die Mutter, die Mona nie kennenlernen durfte, die Fragen, auf die sie nie Antworten bekommen wird.

Ihr Onkel Elmar wiederholt, was er an diesem Nachmittag schon ein paar Mal gesagt hat: „Mona hätte keine bessere Familie finden können.“ Ob sie es trotzdem schwerer gehabt hat? Schwerer als andere Kinder, die in einer ganz normalen Familie groß werden? Die 19-Jährige schüttelt energisch den Kopf.

Vielleicht stellt sich diese Frage auch gar nicht, in einer Familie, in der noch andere Pflegekinder leben. Anika, 16, kam ebenfalls als kleines Kind zu den Brehms. Elias war sechs Jahre lang bei der Augsburger Familie. Heute lebt der autistische Junge in einer Wohngruppe.

Elke Brehm nennt ihre Pflegetochter „Süße“

Mona hat ihren Weg gefunden. Die 19-Jährige weiß, was sie will. Sie macht eine Ausbildung zur Erzieherin, ist in ihrer Freizeit bei der Feuerwehr aktiv und betreut selbst Pflegekinder, die auf Ferienfreizeiten fahren. Elke Brehm ist stolz auf die Pflegetochter, auf ihre „Süße“. Die Brehms haben versucht, alle Kinder gleich zu behandeln – ob den leiblichen Sohn oder die Pflegekinder. Sie sind dankbar, dass sie den Kindern etwas mitgeben konnten. „Wir bräuchten mehr Eltern, die bereit sind, Pflegekinder aufzunehmen.“

Obwohl es in Deutschland so viele Pflegekinder wie nie gibt, finden sich zu wenige Familien, die fremden Kindern ein Zuhause auf Zeit geben wollen. Johann Bauer und Beate Götz von der St.-Gregor-Jugendhilfe in Augsburg kennen das Problem nur zu gut. Die Einrichtung vermittelt seit 2005 Gastfamilien – ein Konzept, das über die Pflegefamilie hinausgeht und in Schwaben einmalig ist.

Es richtet sich an ältere Kinder, die mehr Betreuung benötigen, und Familien, die daher deutlich mehr Fachberatung bekommen. „Wir haben Kinder, die sich anders verhalten“, sagt Beate Götz. Buben und Mädchen, die es im eigenen Elternhaus schwer hatten, die in ihrem Zuhause Schlimmes erlebt haben. Manche sind in ihrer Entwicklung verzögert. Andere finden kaum Freunde, sind aggressiv oder nässen auch im Schulalter jede Nacht ein. „Diese Kinder brauchen Stabilität. Und Familien, die viel aushalten können“, sagt Götz.

15 Gastfamilien rund um Augsburg stehen in der Kartei der St.-Gregor-Jugendhilfe. Benötigt würden mindestens noch einmal so viele. Allein in den Weihnachtsferien hat Johann Bauer, der Bereichsleiter für Heimerziehung, fünf Anrufe bekommen. Fünf Fälle, für die es keine passende Familie gab. Für ihn und seine Kollegin Beate Götz geht es vor allem darum, für das Kind die richtige Gastfamilie zu finden und nicht umgekehrt.

Die Gasteltern, die eine höhere Aufwandsentschädigung bekommen als Pflegeeltern, müssen sich im Klaren darüber sein, dass das Kind Probleme mitbringt, dass es Zuwendung und Aufmerksamkeit braucht, aber im besten Fall auch den Kontakt zu den eigenen Eltern, zu denen es, wenn möglich, irgendwann zurückkehren sollte. Und es geht auch darum, keine falschen Erwartungen zu wecken, erklärt Götz: „Wir sagen den Paaren auch: Es wird niemals Ihr eigenes Kind sein.“

Im Fall von Pflegeeltern prüft das jeweilige Jugendamt, ob die Familien geeignet sind. Wie genau, das entscheidet jede Behörde selbst. „Vorbereitungsseminare sind häufig eine Bedingung, um die Eltern kennenzulernen“, sagt Ursula Rüdiger von „Pfad für Kinder“, dem Landesverband der Pflege- und Adoptivfamilien in Bayern, der seinen Sitz in Aichach hat. Da geht es um Fragen wie: Was ist ihre Motivation? Was sind die Wünsche an das Pflegekind? Ist die Beziehung stabil genug? Und passt ein Pflegekind in das Leben der Familie?

Leben, davon gibt es im Haus von Alexander und Gisela Merz in Kleinweiler, einem Ortsteil von Weitnau im Oberallgäu, jede Menge. Als die beiden vor Jahren heirateten, war es undenkbar, dass sie einmal einen Kleinbus für eine Großfamilie brauchen würden. Da hieß es noch, das Paar könne überhaupt keinen Nachwuchs kriegen.

Von wegen. Heute haben die Eheleute drei Töchter, von denen zwei mittlerweile ausgezogen sind. Seit 2004 kamen insgesamt 14 Pflegekinder hinzu. Buben und Mädchen, denen sie vorübergehend ein Zuhause bieten wollten, weil diese bei den eigenen Eltern nicht gut aufgehoben waren.

Wie viel Geld eine Familie für ein Pflegekind bekommt

Für jedes Kind bekommt die Familie eine Pflegepauschale. Bei Kindern unter sechs Jahren sind das 792 Euro, ab zwölf Jahren 1028 Euro im Monat. Jeweils 300 Euro davon gehen als „Erziehungsbeitrag“ an die Eltern, der Rest ist als Unterhalt für Nahrung, Kleidung und Freizeit gedacht.

„Wenn die Kinder zu uns kommen, tragen sie einen riesengroßen Rucksack voller Steine“, sagt Gisela Merz. Sie erzählt von Mädchen, die bei der Mutter nur Nüsse, Obst und rohes Gemüse essen durften. Von dem Buben, dessen Eltern Alkoholiker sind. Von dem Jungen, der mit acht Monaten zur Familie kam – und schon im Mutterleib so viel mitgemacht hat, „dass man es nicht reparieren kann“. Die 47-Jährige sagt: „Wir können nur versuchen, diesen Rucksack zu verkleinern.“

Auf die Idee, ein Pflegekind aufzunehmen, kamen Alexander und Gisela Merz, als sich eine ihrer Töchter mit einem Pflegekind angefreundet hatte. Seither gab es viele dieser besonderen, aufregenden Momente. Momente, in denen ihre Familie Zuwachs bekam.

So wie im Oktober 2007, als Gisela Merz am Telefon erfuhr, dass ein kleines Mädchen zu ihrer Familie stoßen wird, noch am selben Tag. Sie rief ihren Mann an, damit er auf dem Heimweg von der Arbeit noch ein paar Windeln besorgt. „Manchmal kann es schnell gehen“, sagt die Pflegemutter. Das Mädchen ist heute zwölf Jahre alt und lebt noch immer bei ihnen, ebenso wie zwei andere Mädchen, 13 und neun Jahre alt, sowie ein siebenjähriger Bub.

Seither hat es auch viele Abschiede im Hause Merz gegeben. Schmerzhafte Abschiede von Kindern, die das Ehepaar lieb gewonnen hat. Von Kindern, die die ihren sind – und doch wieder nicht. Pflegekinder kehren im besten Fall zu ihren leiblichen Eltern zurück. Häufig bleibt der Kontakt bestehen.

Trotzdem fällt der Abschied schwer, sagt dann noch Papa Alexander. „Schmerzen habe ich jedes Mal.“ (mit dpa)

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