1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Wie die D-Mark den Konsum beeinflusste

Augsburger Geschichte

08.08.2018

Wie die D-Mark den Konsum beeinflusste

Copy%20of%20R%c3%bcckblick_3.tif
3 Bilder
1948: Die Trümmerbahn mit rauchender Lok in der Karlstraße, festgehalten auf einem kleinen Amateurfoto. Rechts: Am 5. April 1948 trug der neue Dachstuhl der katholischen Heilig-Kreuz-Kirche ein Hebaufbäumchen. Im Vordergrund steht noch die Klosterruine.

Trotz des kaufkräftigen Geldes blühte 1948 der Schwarzmarkt. Lebensmittelmarken waren weiterhin nötig. Die Markenzeit endete erst 1950.

Am 28. August 1939, vier Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, erschien die amtliche Anweisung: „Einführung der Bezugscheinpflicht für lebenswichtige Verbrauchsgüter“. Das hieß im Klartext: Es wurden Lebensmittelmarken ausgegeben. Damit sollten die verfügbaren Viktualien allen Verbrauchern vom Säugling bis zum Schwerstarbeiter in genau festgelegten Rationen zugeteilt werden. Die „Reichskleiderkarte“ regelte den Einkauf von Textilien.

Nach Kriegsende und unter alliierter Besatzung herrschte Mangel in allen Bereichen. Die Lebensmittelzuteilungen waren jahrelang gering. So freute sich jedermann in Augsburg über die Zeitungsmeldung am 7. Mai 1948: „60 Tonnen Schweinefett sind zur Verteilung freigegeben.“ Das Schmalz war aus Amerika eingetroffen. Fett gab es nur auf Lebensmittelmarken. Auf erhaltenen Markenbogen Augsburger Familien aus dem Jahr 1948 befindet sich kein Fettabschnitt mehr. Das heißt: Alle für diese Zeit gültigen Marken konnten eingelöst werden! Abschnitte für Fleisch, Fisch, Brot und Kartoffeln befinden sich dagegen noch an zerschnippelten Lebensmittelkarten. Diese Nahrungsmittel standen vor 70 Jahren nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.

Fleisch gab es nur auf Marken zu kaufen

Fleisch gab es auch nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 offiziell nur auf Marken zu kaufen. Es wurde jedoch in großem Stil schwarz gehandelt. Das belegt eine Zeitungsmeldung: Am 13. August 1948 beschlagnahmte die Polizei bei einer Razzia im Hochfeld 285 Schweine und vier Kühe. Sie hätten ohne Marken Tausende „harte“ Deutsche Mark eingebracht. Kurz nach der Ausgabe des neuen Geldes wurde am 1. Juli 1948 der Preisstopp für Obst, Eier, Geflügel und sämtliche Gartenbauprodukte aufgehoben. Das Angebot stieg daraufhin zwar kräftig, doch die Preisfreigabe führte im Stadtmarkt mehrfach zu tumultartigen Szenen. Die Kundschaft fand die neuen Preise für Lebensmittel entschieden zu hoch.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Der Einkauf von Textilien und Schuhen wurde zwar im Juli 1948 erleichtert, doch immer noch waren dafür die „Textilkarte“ und Marken für „Spinnstoffwaren“ vorzulegen. Der Bezug von Strümpfen (3 Punkte) für Kinder war auf zwei Paar beschränkt, ein gewebter Schlafanzug verschlang 21 Punkte, ein Langarmpullover 14 Markenpunkte. Dabei war vor 70 Jahren der Nachholbedarf bei Textilien riesig.

Die Bevölkerung hatte vor 70 Jahren reichlich Erfahrung mit Marken. Diese war dringend nötig, um zu Beginn jeder vierwöchigen Zuteilungsperiode die Details zu erfassen. In den „Aufrufen“ wurde angekündigt, was und wie viel Gramm auf die unterschiedlichsten Marken zu welcher Zeit erhältlich war. Da gab es auf Fettmarken mal Margarine, mal Butter für bestimmte Personengruppen. Hausfrauen mussten flexibel sein und sich zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle in die Warteschlange einreihen, um wirklich an dort verfügbare Lebensmittel zu kommen.

1950 war nur noch Zucker rationiert

Nach der Währungsreform wurden im Laufe der Jahre 1948 und 1949 die Lebensmittelrationen schrittweise erhöht. Das Ende der Markenzeit war zwar in Sicht, doch erst Anfang 1950 leitete das Kabinett unter Bundeskanzler Konrad Adenauer die Abschaffung von Marken ein. Ab 1. März 1950 war nur noch Zucker rationiert, ab 1. Mai 1950 gab es in Augsburg alles ohne Marken zu kaufen.

Sich täglich satt essen zu können, stand vor 70 Jahren weitgehend im Vordergrund. Daneben herrschte auch kultureller Hunger. Das Theater- und Konzertleben in Augsburg war bereits wenige Monate nach Kriegsende in der „Komödie“ und im „Ludwigsbau“ in Gang gekommen. Die Augsburger strömten, solange man mit Reichsmark zahlen konnte. Das änderte sich mit der Währungsreform. 1948 wurden auf der Freilichtbühne „Carmen“, „Der Troubadour“ und „Tosca“ gegeben, doch für den Besuch gaben die Augsburger ihr neues Geld sehr zögerlich aus. Die Stadt senkte deshalb die Eintrittspreise für die Freilichtbühne auf 50 Pfennig bis drei DM.

Die Trümmerräumung der Innenstadt war 1948 in vollem Gange. Die mit Schutt beladenen Loren wurden auf Feldbahngleisen zum Rosenauberg gezogen und dort abgekippt. Die qualmenden kleinen Lokomotiven gehörten zum Straßenbild. Sie waren beliebte Fotomotive. Als am 5. April 1948 Hebauf bei der „neuen“ Heilig-Kreuz-Kirche gefeiert werden konnte, galt noch die alte Reichsmark. Unmittelbar nach der Währungsreform erlitt der zögerlich begonnene Wiederaufbau durch Geldmangel einen zeitweiligen Einbruch. Doch bald sollte die sogenannte Wirtschaftswunderzeit beginnen und den großen Aufschwung einleiten.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20_WYdreiM_018(1).tif
Gastbeitrag

Plus Augsburger Hotel: Was steckt wirklich hinter den drei Mohren?

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen