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Augsburger Geschichte

30.01.2019

Wie ein Geschützgießer seine Heimat sieht

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2 Bilder
Das Gögginger Tor, gezeichnet am 5. Juli 1858 von Oberst Franz Gallus Weber im Alter 64 Jahren kurz vor seiner Pensionierung.

Der Artillerie-Offizier Oberst Gallus Weber dokumentierte Augsburg. Von ihm stammen 250 Aquarelle und Bleistiftzeichnungen. . Privat war ihm das Glück nicht gewogen.

Die Grafische Sammlung im Schaezlerpalais verwahrt eine Augsburg-Bilddokumentation ganz besonderer Art: rund 250 postkartengroße Bleistift- und Kohleskizzen sowie Aquarelle von Franz Gallus Weber. Er war kein „Berufskünstler“, sondern königlich-bayerischer Artillerieoffizier und „Sonntagsmaler“. Im Alter von 36 Jahren war er 1830 im Rang eines Oberleutnants als technischer Inspektor nach Augsburg ans „Königlich-Bayerische Gieß- und Bohrhaus“ am Katzenstadel versetzt geworden.

Franz Gallus Weber heiratete vier Mal

Das war ein Traumjob für einen Ingenieur im Militärdienst. Doch das private Glück war ihm nicht hold: 1832 starb seine Frau im Alter von 27 Jahren. Auch seine zweite Frau verlor er nach kurzer Ehe. Sie sei am 13. Oktober 1836 „in Folge eines unglücklichen Wochenbettes in ein besseres Leben abberufen worden“, schrieb der erneute Witwer in der Todesanzeige. Als Hauptmann heiratete er ein drittes Mal. Die Hochzeit mit der Kaufmannswitwe Leokadia Zenetti fand am 5. September 1837 statt. Es war nicht die letzte Ehe: Nachdem er abermals Witwer geworden war, heiratete Franz Gallus Weber ein viertes Mal.

Die militärische Laufbahn setzte er 1848 mit der Beförderung zum Major fort. Vermutlich bekam er zu diesem Zeitpunkt die Leitung des staatlichen Rüstungsbetriebs am Katzenstadel übertragen. Ein Dutzend Jahre war er dessen Chef. Am 3. Januar 1860 meldete das Augsburger Anzeigblatt: „Se. Majestät der König haben allergnädigst geruht, den charakt. Obersten Gallus Weber von der Zeughaus-Hauptdirektion (Gieß- und Bohrhaus) in den Ruhestand zu versetzen.“ Der Pensionist übersiedelte nach München. Dort starb er am 21. Mai 1876.

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Offizier war international gefragt

So weit die Biografie des Ingenieur-Offiziers, der als Experte für den Guss von Kanonenrohren international gefragt war. Sein Spezialwissen gab er 1855 im in Augsburg erscheinenden Polytechnischen Journal preis: „Versuche über die Cohäsions- und Torsionskraft des für Geschütze bestimmten Krupp’schen Gußstahls“ lautet der Titel. Die Geschützrohre wurden in dem von Elias Holl 1601 erbauten Gießhaus (heute Bibliothek des Stetten-Instituts) gegossen.

Nachdem 1806 Augsburg bayerisch geworden war, reaktivierte das Königreich Bayern das stillgelegte Gießhaus. Im April 1807 wurde die Bayerische Stückgießerei von München nach Augsburg verlegt. 1830 folgte eine aufwendige Modernisierung: Neue Schmelzöfen mit 6,7 Tonnen Kapazität wurden eingebaut, sodass der Guss großer Kanonenrohre möglich wurde. In kleineren Flamm- und Tiegelöfen entstand ein breites Sortiment vom Säbelgriff bis zur Radbüchse für den militärischen Bedarf.

Bearbeitet wurden die Rohgüsse im etwa 60 Meter vom Gießhaus entfernten Geschützbohrhaus (Am Katzenstadel 6/8, jetzt ein Wohnhaus). Es war mit modernster Technik ausgestattet. Ein Verzeichnis listet Bohrwerkzeuge, Gewindeschneide- und Abdrehmaschinen, Winden, Transportgeräte und hydraulische Pressen auf. 1840 ließ der russische Zar Pläne von der „vorzüglichen Einrichtung“ in Augsburg ersuchen.

Er bekam 44 detaillierte, kolorierte Zeichnungen nach Moskau übermittelt. Allein zwischen 1830 und 1850 verließen rund 1300 Geschützrohre den Rüstungsbetrieb. Mit ihnen wurden unter anderem die Festungen von Rastatt und Mainz bestückt. 1885 endete der Betrieb. Die staatseigene Waffenproduktion wurde in Ingolstadt konzentriert und die Gießerei am Katzenstadel verkauft. Militärhistorikern ist dies alles geläufig. Dass bis 1860 Gallus Weber Chef dieses staatseigenen Rüstungsunternehmens war, geht aus den Akten hervor.

Webers Name steht in keinem Künstlerlexikon

Doch in keinem Künstlerlexikon ist der Name des begnadeten Zeichners Franz Gallus Weber zu finden. Auch im Augsburger Stadtlexikon sucht man ihn vergeblich. Die künstlerische Begabung des Offiziers wurde in Augsburg ein einziges Mal ins rechte Licht gerückt: 1981 war ihm im Schaezlerpalais eine Ausstellung gewidmet.

Das Talent hatte er von seinem Vater, dem Bildhauer Johann Gallus Weber, geerbt. Dessen Werke sind in Kunstverzeichnissen vermerkt. Der Sohn schlug jedoch nicht die künstlerische, sondern die militärische Laufbahn ein. Erst gegen Ende seiner Laufbahn in den 1850er-Jahren fand er offenbar Zeit für sein Hobby: Er zeichnete und aquarellierte in Augsburg und in der Umgebung.

Da alle Bilder datiert sind, ist diese musische Epoche genau verfolgbar. Von April bis September ging er seinem Hobby nach – durchaus auch während der Dienstzeit. Der Großteil der Bilder entstand kurz vor Beginn der Entfestigung Augsburgs ab 1860. Der Artillerieoffizier sah offenbar die maroden Türme, Stadtmauern, Gräben und Bastionen als malerische Idylle ohne militärische Bedeutung an. Dazu zählte der Fünffingerlesturm. Am Samstag, 2. August 1856, zeichnete er den sich im Grabenwasser spiegelnden Turm samt anschließender Stadtmauer.

Malausflüge führten nach Haunstetten

1858 entstand eine Bleistiftskizze vom Gögginger Tor, die er zu Hause aquarellierte. Am Montag, 5. Juli 1858, saß Oberst Gallus Weber mit seinem Skizzenblock auf der Bastion vor dem Alten Einlass und hielt letztmals das geheimnisumwitterte einstige Nachttor im Bild fest. 1862 wurde das Gögginger Tor abgebrochen, 1867 fiel der Alte Einlass. Malausflüge führten Gallus Weber nach Haunstetten, zum Jägerhaus in Meringerau, zum Pferseer Schlösschen. Dreimal hielt er Schloss Wellenburg auf seinem Skizzenblock fest.

Gallus Weber wählte auch ungewöhnliche Standorte und Motive: Er dokumentierte im Güterbahnhof das Entladen von Rindern. Der Hermanfriedhof mit der St.-Michael-Kirche bildet den Hintergrund. Die Bleistiftskizze blieb unvollendet. Sie dokumentiert jedoch Eisenbahn-Frühgeschichte. Derzeit wird der von Gallus Weber dokumentierte Güterbahnhof bebaut.

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